Montag

Ich hab keine Ahnung was heute los ist. Die Nacht war ok, das Aufstehen normal, ich war auch wach – soweit alles gut.

Und trotzdem war das Gefühl des „zuviels“ und „Welt aussperren“ und mich verkriechen wollen.

Da ich ja keinen Grund fand, entschied ich, dass ich Bucbhinderei nicht absage, sondern es als Chance nutze mal verschiedene Skills auszuprobieren.

Es war klar,  dass ich lieber nicht mit Cutter, Schere und Leim arbeiten sollte (und wollte), zumal ich grad an einem Auftrag arbeite und da mach ich mich sowieso deutlich mehr Druck als wenn ich was für ich mache.

Ich hatte  mein Lines-Malbuch mit, Strickzeug hab ich eh immer in der Tasche, der Mp3-Player  war geladen und ich bin beim letzten Teil des Eisernen Druiden, die Kopfhörer funktionieren auch, ich entschied mich gegen das Rad und von daher war ich bestens gerüstet.

In der Buchbinderei hatte ich dann Glück, es waren nur sehr wenige da und die mochte ich auch und es war auch sehr ruhig.

Stricken klappte nicht, aber das Lines-Buch ging ganz gut. Nur dass ich da immer Nackenschmerzen krieg, weil ich die falsche Brille mithatte.

Ich blieb also bis zur Pause und ging dann noch eine Weile spazieren. Auf dem Weg besorgte ich die Katzensticks und dann ging es nach Hause.

Noch immer weiß ich nicht was los ist – aber irgendwas ist.

Zu Essen machte ich mir dann Spinat, Kartoffeln und Spiegelei – weil ich dachte, vielleicht muss ich nur irgendwas tun.

Immerhin nichts angebrannt oder überkocht oder runtergefallen (ok bis auf das eine Kartoffelstück, aber das hat schnell der Gnom geklaut, von daher ist es ja quasi nicht runtergefallen/da).

Mit der Leiterin der Buchbinderei hatte ich dann aber noch ein gutes Gespräch, dass mich nachdenklich gemacht hat.

Ich kann mir keine Gesichter merken/erkennen (Prosopagnosie).
Bevor ich jemanden nicht wirklich oft und regelmäßig gesehen habe, erkenne ich denjenigen in anderem Kontext nicht. Es dauert wirklich lange, bis ich jemanden auch sonst erkennen kann – aber auch hier durch Stimme, Bewegungsart, Haarschnitt usw.

Da ich es nicht anders kenne ist das für mich – normal. Problematisch ist es nur dann, wenn ich jemanden in anderem Kontext treffe. Da ich die Person dann oft nicht zuordnen kann. Das gelingt mir nur bei Personen, die ich dann schon länger/besser kenne. Denn je länger/besser ich jemanden kenne, desto mehr personenbezogene Merkmale fallen mir auf und helfen mir sie zu identifizieren.

Als Beispiel: wenn ich in der Kirche auf Menschen treffe, ist es anfangs natürlich auch die Kirche als Kontext, die bei der Identifzierung hilft. Treffe ich da dann jemanden plötzlich im Laden oder auf der  Straße – ist es für mich wieder eine völlig unbekannte Person.

Das führt dazu, dass sich manche auf den Schlips getreten fühlen oder sie mich als überheblich und arrogant empfinden. Noch peinlicher ist es, wenn diese Person mich dann anspricht und ich schlicht nicht weiß, wer es ist – obwohl ich sie kennen sollte.

Beim Kennenlernen sage ich meist dazu, dass ich mir keine Namen merken kann (was leider noch dazu kommt) – aber auf die Idee zu sagen, dass ich mir Gesichter nicht merken kann – bin ich ehrlichgesagt nie gekommen.

Und das war dann heute auch Thema – dass ich das ja einfach sagen könnte.

Das stimmt – und wenn ich genauer drüber nachdenke, hab ich das mit dem Namen halt gesagt, weil man das oft hört. Gesicht und Namen zu vergessen oder sich nicht merken zu können – kommt meist nicht gut an. Eher so, als würde man sich für den anderen nicht interessieren.

Dabei stimmt das nicht. Ich interessiere mich durchaus für die Person – aber ich brauch etwas länger um genug Merkmale zu sammeln, dass ich sie eben auch erkennen kann.

Dass ich gesichtsblind bin ist nicht neu –  und dass das nicht jeder hat, weiß ich seit den Anfang 20ern. Doch es hat für mich nicht wirklich was geändert.  Die Strategien von damals nutze ich noch heute.

Aber ich hab angefangen beim Kennenlernen dazu zu sagen, dass ich mir Namen schlecht merken kann. In der Hoffnung, dass die peinlichen Situationen dann weniger peinlich werden.

Dafür, dass ich unterwegs Leute „übersehe“ – naja – ich schau ja eh meist vor mir auf den Boden und hab Kopfhörer in den Ohren – das reicht meist als „Ausrede“.

Aber bis heute bin ich wirklich nie auf die Idee gekommen einfach zu sagen, dass ich mir Gesichter nicht merken kann und es nichts persönliches ist.

 

 

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2 Antworten zu Montag

  1. Ingrid/ile sagt:

    Liebe Ilana,
    so ein klein wenig habe ich diese Schwäche ebenfalls.
    Gesichter erkennen klappt auch bei mir erst nach etlichen Begegnungen und ich erinnere mich, dass ich in meiner Lehre als Verkäuferin mir immer etwas an der Kleidung merken musste.
    WIR bedienten, schrieben den Kassenzettel, der CHEF kassierte und danach übergaben WIR dann die gekaufte Sache. Ja, aber was macht man, wenn man die Person nicht mehr erkennt? Also irgendein anderes Merkmal, wie gesagt, z.B., die rote Jacke o.ä.
    Ich hab das bis heute und das fällt mir insbesondere in Filmen bei Schauspielern auf. Ein (für mich ) neues Gesicht, dann in einer anderen Kleidung, kann ich nicht zuordnen. So muss ich mich dann auf den Namen konzentrieren, ist ja alles virtuell nicht schlimm, aber in der Realität dann doch schon störend.
    Aber ich lerne ja kaum noch neue Menschen kennen, also kaum noch ein Problem für mich.
    So, nun ist Zubettgehzeit, vorher aber Zähne putzen!!!
    Dir und mir eine GUTE NACHT mit ganz lieben Grüßen und schönen Träumen wünscht Dir
    Deine Ingrid

    • Ilana sagt:

      So mach ich es auch – halt das „drumherum“ – erst auch mit Umgebung/Kontext und erst wenn ich die Person öfter getroffen hab, werden es zunehmend persönliche Merkmale (Haarfarbe, -schnitt, aber vor allem Stimme, Gestik, Haltung, Körpersprache usw).

      Für mich war und ist das ja normal – von daher hab ich auch genug Strategien – es war halt auch so normal, dass ich das gar nie erwähnt hab. Auf die Idee war ich gar nie gekommen.

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