R.

R. ist sowas wie Oma-Ersatz oder so. Ich hab sie 1995 im Schwabenlande kennengelernt und wir halten regelmäßig etwas einmal die Woche Kontakt. Sie schickt mir Carepakete mit Nudeln und Tomatenmark und Dosenerbsen und ich weiß, es ist eben ihre Art. Für sie ist das wichtig und es ist egal ob ich das mag oder weitergebe – es ist ihre Art für mich zu sorgen.

Sie bedeutet mir wirklich viel und so halte ich den Kontakt auch gerne.

Vor drei Jahren erkrankte sie an Brustkrebs, Überstand OP, Chemo und Bestrahlung, kämpft nach wie vor mit den Nebenwirkungen der Medikamente, die halt noch nötig sind.

Sie ist alt geworden und einfach nicht mehr so fit. Trotzdem ist sie aktiv und kann keine 5 Minuten still sitzen.

Ihr Lebensgefährte ist herzkrank und lässt geistig schon viele Jahre nach. Seit etwa einem kann sie ihn eigentlich nicht mehr allein lassen. Er mopste das Auto und erst als der Arzt zum wiederholten Male ein Machtwort sprach (und sie die Schlüssel versteckt), lässt er das stehen.

Auch, weil er die Verstecke nicht mehr findet. Die letzten Monate hat er massiv nachgelassen, im Prinzip kann sie ihn nicht mal mehr für kurze Zeit alleine lassen – aus Angst, dass er das Haus in der Zwischenzeit abfakelt.

Auch sonst kann er nicht mehr helfen – weder im Haus, noch im Garten. Seine Kinder wollen das nicht sehen, nehmen ihn höchstens für 3 Tage mal, weil er ja auf dem Sofa nicht gut schläft, wie sie sagen.

Sie machte nur eine Reha, in der sie ihn in einem Kloster unterbrachte (damals war er noch so weit fit), aber sich niemand fand, der sich wenigstens einmal am Tag um ihn kümmern konnte.

Er sieht es nicht ein  – er ist ja fit. Sie ist froh, dass er nicht mehr in den Keller kann – oder eben wengistens die Autoschlüssel nicht mehr findet und damit abhaut, während sie in der Küche kocht.

Die letzten Monate hat er ganz massiv abgebaut. Ein Telefonat, ein Gespräch mit ihm ist nicht mehr möglich. Wenn sie zum Arzt muss, muss er mit, wenn er sich weigert, steht sie Todesängste aus.

Hilfe von außen verweigert er – er ist ja fit. Egal was der Arzt sagt. Er kann nicht mehr sehen, wie es ihr damit geht. Sie hat nicht die Kraft da über ihn hinweg zu entscheiden.

Die meiste Zeit verbringt sie in Arztpraxen – teilweise für sich selbst, häufiger aber weil sie ja auch ihn begleiten muss. Auch körperlich hat er massiv abgebaut.

Nicht selten enden unsere Telefonat mit: „Nein – du nimmst jetzt nicht das Fahrrad und fährst los!“ – ein grade noch hingeschmissenes Tschüss – mit schlechtem Gewissen mir gegenüber, wegen dem plötzlichen Ende (egal wie oft ich ihr sage, dass sie das nicht haben muss!) um ihn davon abzuhalten irgendwas gefährliches zu tun.

Und ich telefonier einmal die Woche mit ihr – mal länger, mal kürzer, je nachdem. Für sie ist das Alltag.

Ich mach mir Sorgen – um beide. Auch sie baut ab, ist dieser 24-Stunden-Betreuung immer weniger gewachsen. Wie auch? Ihre Tochte hilft wo sie kann (sie hat eine Tochter in der Nähe, er hat Kinder, die etwa eine Stunde entfernt wohnen), aber betreuuen kann sie auch nicht – weil er das völlig abblockt. Er braucht das nicht. Ihm geht es ja gut.

Da ist er stur. Verweigert alles.

Ich hör ihr zu. Kann nur gut zureden. Immerhin hat sie sich jetzt Hilfe für den (sehr großen!) Garten und fürs Fenster putzen geholt. Da war sehr langes und konsequentes Zureden nötig.

Ihr Leben ist der Glaube, tägliche Messe, fast ununterbrochen christliche Radio- und Fernsehsender. Damit bekommt sie ihn eingefangen, das ist vertraut, war ja schon immer so. Daraus zieht sie ihre Kraft.

Ich weiß nur nicht wie lange das noch gehen wird. Noch Kraft da sein wird. Das wirklich massive Abbauen in den letzten Monaten fällt selbst mir mehr als deutlich auf, wenn ich ihn am Telefon hab.

Doch seine Kinder beharren auf: es geht ihm doch gut, er ist halt alt. Dass sie ihn immer weniger nehmen, weil sie eben auch keine Rundumbetreuung organisieren können (und ihn eben für ein paar Stunden allein lassen, bis wenigstens eins der größeren Enkel aus der Schule da ist und somit zumindest jemand da ist). Aber auch nicht wollen.

Auch das kann ich verstehen. Trotzdem – nicht mal für eine dringend notwendige Rehamaßnahme? Oder wenigstens mal für 5 Tage oder eine Woche? Damit sie einfach mal durchatmen kann?

Bei ihrer Tochter bleibt er nicht. Da sie ja in der Nähe wohnt, versteht er auch nicht warum sie im Haus übernachten soll – also blockt er da völlig ab. Ihm geht es ja gut.

Die Ärzte bieten keine Hilfe an. Sie hat so oft gebeten, dass sie ihm halt mal sagen, dass da Hilfe nötig ist – von mir aus auch Hilfe für sie. Weil wenn die Ärzte was sagen, kommt das an, wenigstens für kurze Zeit.

Trotzdem – das  bedeutet auch Konflikt. Wie lange hat sie darum gebettelt, dass sie ihm klar (und nicht in einem Nebensatz!) sagen, dass er nicht mehr Autofahren darf! Natürlich will er das nicht hören.

Es bleibt das Gefühl, dass alle dem irgendwie hilflos gegenüberstehen.

Wenn ich sie mal nicht erreiche, mache ich mir Sorgen. Ich weiß, sie sind viel unterwegs – einfach, weil da er dann auch die „Aufsicht“ akzeptiert – sie sind ja zusammen unterwegs. Haben eh so viele Termine und dann natürlich die Gottesdienste.

Sie hatte einen Herzinfarkt und eine Lungenembolie (noch vor ihrer Krebserkrankung), ist eben auch nicht mehr fit. Und ja – ich mach mir Sorgen wenn ich sie nicht erreiche. Wohl wissend, dass sie nicht anrufen würde – weil ja niemanden belasten will (oder nicht mehr in der Lage dazu wäre).

Also weiter zuhören, so kann sie sich wenigstens mal „auskotzen“, zureden, dass sie Anspruch auf Hilfe hat und diese annehmen soll. Dass sie auch jederzeit bei mir anrufen kann, wenn ihr alles über den Kopf wächst. Sie auch an sich denken muss.

Verstehe, dass es schwer fällt. Schwer ist.

Kann sie nur durch dasein, zuhören und im Gebet unterstützen – und hoffen, dass es reicht oder ihr die Menschen über den Weg laufen, die ihr und ihrem Lebensgefährten helfen zu lernen auch fachliche Unterstützung anzunehmen.

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