Hr. L.

Gestern Abend erhielt ich eine mail vom Vermieter. Mein Nachbar ist verstorben.

Er war schon alt, ziemlich kautzig, aber ich mochte ihn. Er war hilfsbereit und erledigte alle „Außenaufgaben“ – also Rasen, Pflanzen gießen, Winterdienst und Mülleimer raus stellen zum Abholen.

Bei all diesen Aufgaben war er sehr sehr genau.

Zum Einzug damals hat er mir Papiertüten geschenkt. Weil ich doch Katzen habe und bitte das benutzte Streu dann in den Papiertüten entsorgen sollte, damit die Biotonne nicht so verschmutzt.

Wir diskutierten einmal sehr heftig über meine Begrüssung. „Hallo“ war für ihn Häftlings- und Gossensprache. Später kam er dann an und entschuldigte sich bei mir.

Seitdem begrüsste ich ihn mit „Guten Tag“ – und wenn mir mal ein „Hallo“ rausrutschte, entschuldigte ich mich und änderte die Begrüssung. Einfach weil ich wusste, wie wichtig ihm das war.

Er saß auch zweimal stundenlang  bei mir in der Wohnung, weil er sich ausgeschlossen hatte – und beim zweiten Mal fürchtete ich wirklich, er bekäme gleich einen Herzanfall. Er erzählte mir, dass er ja Medienkritiker sein (als eine Art Berufsbezeichnung) und dass er alles im Fernsehen auch entsprechend analysiert – und kritisiert.

Voller Stolz erzählte er mir dann was er sah, wie er es sah und wem er auch entsprechende Briefe schrieb.

Dabei war er gar nicht der Meckerer hier – es war eher eine Art – Hobby. Nicht böse oder grantig, er war halt pingelig und hatte da auch Spaß dran. Es ging ihm weniger um die Kritik, eher um das analysieren. Eher wie ein Detektiv, als versuche er seinen Geist und Verstand frisch zu halten.

Ganz am Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit ihm, konnte ihn und seine kautzige Art nicht einschätzen/einornden. Er wollte nichts von anderen wissen, wiegelte sofort mit „ich ja nicht die Stasi“ ab.

Aber er war wirklich sehr lieb – es war halt seine Art.

Im Laufe der Zeit verstanden wir uns auch besser und wenn etwas war, wussten wir beide, dass wir beim anderen problemlos klingeln können.

Die letzten Jahre hat er abgebaut. Er lief immer noch seine 2 Stunden durch die Gegend, hatte einen sehr sehr strikten Ernährungsplan, weshalb er nie zum gemeinsamen Grillen kam, aber man merkte ihm an, dass alles schwer ist. Rasen mähen übernahm irgendwann dann einfach der Vermieter (der wohnt weiter entfernt), seine Körperhygiene lies zunehmend zu wünschen übrig.

Vorletztes Jahr bat ich den Vermieter, wenn er denn Zähler ablesen ginge, mal drauf zu achten, ob mit meinem Nachbarn alles soweit ok ist. Wir sahen ihn ja immer nur außerhalb der Wohnung – und ich machte mir Sorgen um ihn. Manchmal roch er nach Urin und auch sonst sah er eher verlottert aus.

Das war in den letzten Monaten wieder besser – zwar rasierte er sich nicht, aber sonst wirkte er wieder ein bisschen fitter.

Vor knapp 3 Wochen sprach mich ein anderer Nachbar an, ob ich wisse, dass Herr L. in der Klinik sei. Er hätte am Tag vorher spät abends (gegen 23 Uhr) einen Anruf von einer Krankenschwester bekommen, Hr. L. bat darum, dass er sich um den Müll kümmern würde. So war er – das war ihm wichtig.

Auch schon früher, wenn er mal im Krankenhaus war, bekam der andere Nachbar einen Anruf oder ein Brief mit der Bitte, dass er sich für die Zeit um den Müll kümmern könnte.

Die beiden leben schon ewig hier – schon lange bevor hier alles saniert und die Wohnung neu aufgeteilt wurden. Früher wuschen sie sogar ihre Wäsche gemeinsam – um Geld zu sparen. Der zweite Nachbar ist nämlich auch für den Innenbereich zuständig  – also Flur und Treppenhaus kehren und wischen.

Beide taten das für einen Preis, der mir schon lange im Magen liegt. Also gab es mal eine Tafel Schokolade oder ein anderes Dankeschön vor der Tür. Wobei das dann ja nicht mehr erwünscht war, weil ja strikter Essenplan usw.

Als er vor eineinhalb Jahren so abgebaut hatte, hatten andere Nachbarn (die leider nicht mehr hier wohnen) und ich uns oft Sorgen gemacht. Auch darüber, dass er irgendwann mal in seiner Wohnung verstirbt und wir das gar nicht mitkriegen.

Alle Hilfsangebote damals hat er sehr regide zurückgewiesen. Dabei waren das eher allgemein gehaltene – da wir wussten, dass ihm sowas sonst sehr unangenehm ist.

Das war auch der Grund, warum ich damals dann den Vermieter ansprach. Er ist der einzige, der einmal im Jahr in die Wohnung kommt und sich dann auch unterhält.

Als er nach 2 Wochen immer noch nicht wieder da war und auch keiner mehr was erfuhr, machten wir uns Sorgen. Ich glaube ab da hab ich gar nicht mehr geglaubt, dass er wieder kommen wird.

Und trotzdem ging/geht  sein Tod nahe. Er gehörte hier einfach dazu.

Es ist unklar, ob ich erfahren werde ob und wann eine Beerdigung/Trauerfeier stattfinden wird. Er hat eine sehr alte Schwester und wohl Neffen/Nichten, das hat der Vermieter von der Polizei erfahren. Letzere sollen sich auch nächste Woche bei ihm melden.

Ich bin froh, dass er nicht alleine war, ich hoffe, dass er nicht alleine war. Er wollte nie jemanden zur Last fallen – und ich bin froh, dass er fast bis zum Ende sein Leben so gestalten konnte, wie er es mochte. Dass es kein lange Kampf oder Leidensweg war.

Er wird mir fehlen.

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3 Antworten zu Hr. L.

  1. Unsereins sagt:

    Unsereins ist gerade tief bewegt von der Beschreibung, dem Mit- & Nebeneinander, der Wertschätzung und dem Mitgefühl, dass in diesem Beitrag ausgedrückt wird.

  2. Jutta sagt:

    Wie schön, als kauziger Nachbar solch einen Nachruf zu bekommen.
    Und wie schön, das Du dich gekümmert hast.
    Ein gutes Wochenende wünsch ich Dir!

  3. Himbeere sagt:

    Lesetipp: „Ein Mann namens Ove“

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