Benennen

Das benennen können ist für mich ganz wichtig. Sei es bei den Dingen die in der Kindheit gelaufen sind oder auch bei den Einschränkungen, die heute da sind.

Deshalb ist es für mich wichtig, dass der Mutismus diagnostiziert wurde – und zwar auch von jemanden, der schon kritisch hinterfragt.

In dem Moment, in dem ich nichts sagen kann, ist es sicher unerheblich warum und wieso – da bin ich damit beschäftigt irgendwie damit umzugehen und die Panik wieder in den Griff zu bekommen. Das fällt aber leichter, wenn ich die Ursache zuordnen kann, wenn es eine Schublade, einen Namen dafür gibt.

So kam ich mit dem Schweigen klar, wenn es eben dem speechless terror zuorden war – da konnte ich dann sagen: das gehört in diese Ecke – und mich dann wieder auf das hier und jetzt konzentrieren.

Doch wenn ich keine Ecke finde, keinen Begriff dafür, dann verlier ich mich auch in dieser Situation im Suchen nach Erklärungen und wenn ich keine finde kippt das schnell in das „stell dich nicht so an“ und im Niedermachen.

Denn in der Situation ist eh kein klares Denken möglich (bin ja mit Panik und Scham beschäftigt) – und alte Mechanismen – wie das Niedermachen – sind dann schnell zur Hand.

Natürlich muss der speechless terror für mich mehr sein als ein Begriff – ich erkundige mich, versuche zu verstehen wie das zustande kommt, was da im Gehirn passiert usw. Das mache ich natürlich nicht wenn ich in der Situation bin – sondern wenn es mir gut geht. Da geht es dann nur darum zu verstehen was es genau ist, wie es dazu kommt, was da genau passiert. Es ist mein „Hintergrundwissen“ zu diesem Thema.

Das mache ich nicht nur  bei mir, sondern auch bei anderen – so versuche ich so auch die Depression der Freundin zu verstehen oder das Asthma der Tigerkatze. Schon in der Schule war ich wohl eine der wenigen, bei denen bei einem Referat wirklich nur 10 % des Wissens auftauchten. Wenn ich mich damit beschäftige will ich das gerne verstehen können.

So bekommen die Begriffe einen Hintergrund – wenn ich speechless terror höre oder sage, weiß ich was ich damit meine, auch wenn in diesem Moment nicht die ganzen Erklärungen dazu runterrattern.

Es ist wie bei allen Begriffen – wenn euch jemand sagt das Gras ist grün – dann ist grün bei euch irgendwie definiert – und Gras ebenfalls – weil ihr es gelernt habt. Aber oft ist es etwas anderes etwas zwar zu verstehen, aber wenn man es erklären soll, merkt man, dass da doch noch irgendwie was fehlt – im Verstehen.

Für mich ist es wichtig, dass ich die Dinge zuordnen kann – und dann kann in der Situation des Schweigens auch sagen „ok – das ist jetzt speechless terror“ – und damit ist es erklärt und ich kann mich den Skills widmen, dass ich die Gefühle wieder in den Griff kriege.

Grade beim Schweigen gab es immer Situationen, die den bisherigen Begriffen nicht zuordenbar waren – mit dem Mutismus sind sie das – und schon vor der Diagnostik merkte ich, dass sich mein Umgang mit der Situation veränderte. Nicht dass es weniger oft vorkam, aber die ganze Negativspirale (stell dich nicht so an, du kannst auch gar nichts usw) – die konnte ich verändern. Denn es gab eine Erklärung – die in der Situation reichte.

Das Benennen ist für mich aber auch aus einem anderen Grund noch sehr wichtig. Als Kind wurden Begriffe missbraucht. Wahrheit war Lüge, Missbrauch war Trost oder Liebe usw. Vieles war einfach „etwas“ oder „es“ – mein Vater hatte dem Jugendamt gegenüber zugegeben dass „etwas“ passiert ist – aber keiner fragte nach – denn wenn sie das getan hätten und einen Namen dafür genannt hätten, hätten sie ja was tun müssen.

Vor vielen Jahren mal sagte ein Therapeut bei Angst, dass man sie anschauen soll – es sei wie bei einem Monster in einem Horrorfilm. Man fürchtet sich davor, doch wenn man das Bild anhält und das Monster genau anschaut, grade auch auf Details, dann sieht man da nicht mehr mit Angst hin – die Angst wird weniger und verschwindet schließlich.

Ein Geschichtslehrer sagte mal zu mir dass das Interesse mit der Beschäftigung kommt (er hatte mich gefragt warum ich nicht gelernt hatte und ich antwortete dass es mich dieses Thema einfach nicht interessiert) – er hatte Recht (was ich erst Jahre später erkannte) – es gab zu dem Thema eine Ausstellung und ich war als Sommerjob als Aufseher dort – über 200 Stunden durfte ich mir Führungen zur Heiratspolitik vom Kaiser Maximilian anhören – und je mehr ich erfuhr, desto mehr wollte ich wissen.

Die Diagnosen – sie sind das, was mein Leben heute einschränken. Und daran arbeite ich, dass sie mich nicht mehr so einschränken. Doch das bedeutet auch, dass ich wissen muss was da ist. Erst wenn mir das klar ist, wenn ich es benennen kann, kann ich auch gezielt dagegen vorgehen.

Erst wenn die Situationen der Kindheit benannt werden können, kann ich an ihnen arbeiten und sie vor allem verarbeiten – so dass sie in der Lebensgeschichte integriert werden können.

Ich will wissen was passiert – mit mir und in mir – will verstehen was bei Sprechblokade, Panik, Erstarren, Zittern oder was auch immer – in meinem Körper passiert – warum mein Körper so reagiert, möchte wissen was da auch im Gehirn abläuft. Vor allem dann, wenn es noch keine zufriedenstellende (und damit funktionierende) Umgangsform damit gibt.

Skills die greifen sind gut – und ich bin heilfroh dass sie funktionieren – doch das musste ich mir erarbeiten. Und das Verstehen warum etwas sie wie auswirkt – hat dabei geholfen. Wenn ich weiß, dass das anhalten der Luft die Spannung im Körper erhöht – kann ich über das Ausatmen der Anspannung die da ist gegenwirken.

Das kann jeder ausprobieren – wenn ihr niedergeschlagen seid – oder müde – und rausgeht – und statt auf den Boden zu schauen, den Kopf möglichst zwischen den Schultern versteckt – dann richtet euch auf, senkt die Schultern, hebt den Kopf, macht euch groß und geht mit federnden Schritten los – und ihr werdet merken, dass es eure Stimmung verändert.

Oder geht spazieren und versucht verschiedene Arten des gehens – vor sich hinschlurfen, federnd (fast springend – wie die kleinen Kinder voller Neugierde auf die Welt) vor sich hinlaufen und interssiert um euch schauend, oder sehr bewusst die Füße aufsetzend, hinspürend wie sie auf dem Boden abrollen, wie ihr festen Stand habt usw. Es verändert sich was. War man erst müde und schleppte sich vor sich hin, kann man mit den federnden Schritten feststellen, dass man plötzlich mehr Energie hat – nur als Beispiel.

Natürlich ist es wichtiger es umsetzen zu können, doch für mich war das verstehen der Zusammenhänge wichtig um die Skills ganz individuell anzupassen – mit dem Blick auf „wo will ich eigentlich hin“.

Einschränkungen will ich da genauso verstehen – und dazu muss ich sie benennen können.

Das „da ist irgendwas aber ich weiß nicht was“ – ist für mich sehr schwer auszuhalten.

Ein Grund ist sicher auch, dass ich mich früher sehr in die Theorie geflüchtet habe. Die Theorie eines Missbrauchs, was das ist und was für Folgen er hat – war einfacher auszuhalten als das Gefühlschaos in mir. Theorie war lange Zeit das einzige was ich mit Gefühlen zu tun hatte, denn das fühlen war viel zu gefährlich.

Theorie ist auch heute noch oft eine Flucht, aber nicht mehr so sehr wie früher. Dennoch ist sie auch für mich heute noch wichtig.

Wenn ich (egal ob Körper oder Psyche) heute nicht so funktioniert wie ich das gerne hätte, will ich wissen warum – dann kann ich auch etwas daran ändern.

Das Negative (kannst eh nichts, taugst zu nichts, bist und tust nie genug usw) – war für mich Alltag – und dem „ich kann das nicht“ kann ich nur was entgegensetzen, wenn ich eben lerne es  zu können. Ich kann jammern dass ich kein Klavierspielen kann – werde es aber nie können wenn ich nichts dafür tue. Von daher muss ich mich entscheiden ob ich es wirklich können will und das auch eins der wichtigen Dinge sind die jetzt lernen will – oder eben nicht.

Es wird immer einiges geben, was ich selbst nicht können werde – aber ich kann darüber jammern, oder etwas suchen, was ich lernen kann – etwas anderes – als Kompromiss. Doch wenn ich mich entscheide Klavier zu spielen – um diese Entscheidung treffen zu können – muss ich wissen was ein Klavier ist – und auch wie sich ein Klavier anhört. Ich muss das Klavier und den Wunsch „Klavier spielen“ benennen können (weil Klavier allein – könnte ja auch nur zuhören oder anfassen oder anmalen oder bauen oder oder oder heißen).

So ist es auch mit Diagnosen oder mit Beeinträchtigungen. Um damit arbeiten zu können, muss ich es benennen können – nicht als Überbegriff „disfunktionales Verhalten“ oder ähnliches – sonder so genau, dass es für mich greifbar und zuordenbar ist.

D

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