manchmal

Manchmal
liege ich abends im Bett
und merke
wie die Angst in mir hoch kriecht
immer dichter wird.

Manchmal
ist es eine unerklärbare Angst
es gibt nichts was mir in dem Moment Angst macht
und doch ist sie da.

Manchmal
ist es die Angst von früher.

Manchmal
liege ich ganz still da
und lausche den Geräuschen
wie ein Radar
in Kreisen
die immer enger werden
bis ich nur noch meinen Atem höre.

Manchmal
lausche ich auf die Schritte
die da kommen
und auf das Geräusch
wenn die Türklinke langsam
hinunter gedrückt wird.

Manchmal
lausche ich auf den Fernseher
der grade aus geschalten wird.

Manchmal
auf die Geräusche der Toilette
das Licht, das mit dem Ventilator gekoppelt ist
die Tür, die diesen besonderen Klang hat
die Klospülung, wieder Tür auf.

Manchmal
lausche ich nur nach dem Atem
diesen einen Atem, der noch heute für mich ein Trigger ist.

Manchmal
liege ich da
und höre meinen eigenen Pulsschlag
im Ohr
das so auf das Kissen gepresst liegt.

Manchmal
liege ich da
und kann einfach nicht atmen
mal mit
mal ohne Angst
mal staunend
mal irritiert
mal eher panisch.

Manchmal
liege ich da
und spiele tot.
Einfach daliegen
nichts bewegen
nichts fühlen
nichts hören
nichts sehen
nichts riechen

und manchmal
nicht atmen.

Manchmal
rieche ich diesen Geruch
nach Alkohol
oder einfach diesen einen speziellen
und das nicht Atmen können
macht gar nichts mehr aus
weil alles besser ist
als dieser Geruch

Manchmal
liege ich da
und spüre
wie er auf mir/neben mir liegt
sitzt oder steht.

Manchmal
da spüre ich es
als würde es grade in diesem Moment passieren.

Manchmal
weiß ich das vom Kopf her alles gut zu trennen
meistens sogar
und doch löst es Reaktionen aus
im Körper
im Denken
im Fühlen.

Manchmal
hab ich Angst
vor den Alpträumen
vor den Gedanken
vor den Körpererinnerungen
vor den Gefühlen
vor dem früher
vor dem jetzt
vor dem morgen

Manchmal
liege ich da
und wünschte mir so sehr
dass es jemand gäbe
der mich einfach nur in den Arm nimmt
und wiegt
wie ein Kind.

Manchmal
wünschte ich mir einen Atem zu hören
der mir zeigt: alles ist in Ordnung.

Manchmal
scheint mich die Angst zu verschlingen
und

manchmal
droht dies die Sehnsucht zu tun.

Es gab Nächte, viele Jahre lang, da musste ein Licht an bleiben. Nicht so ein kleines Nachtlicht – sondern ein helles – am besten im anderen Raum und jahrelang brauchte ich Musik zum Einschlafen – weil die Stille sich so sehr mit Angst füllte, das ich keine Luft mehr bekam. Lange brauchte ich gesprochene Entspannungsübungen, eine Stimme die leise zu mir spricht, ganz ruhig – und damit alle menschlichen Geräusche die es sonst so gibt – verdrängte – eine Stimme auf die ich mich konzentrieren konnte – um anderes auszublenden.

Heute schlafe ich ohne Musik und ohne Entspannungsübung – ich brauche die Stille und die Ruhe, schlafe auch ohne Licht – auch wenn ich bis vor wenigen Monaten kein Rollo hatte und so zumindest von draußen immer etwas rein kam.

Doch auch heute noch
liege ich

manchmal
im Bett und kann nicht schlafen
und merke
wie die Angst langsam in mir hoch kriecht.

Manchmal ist es nicht die Angst
sondern die Sehnsucht

und manchmal
auch eine Unruhe

die Beine zappeln
als würden sie davonlaufen wollen
drängen zum baldigen
weil so dringenden Aufbruch.

Manchmal
bin ich so unendlich müde
doch kaum liege ich im Bett
kann ich nicht schlafen.

Ich weiß nicht wie viele Nächte ich im sitzen geschlafen habe
heute kann ich das nicht mehr.

All das Alte
das flutet mich heute nicht mehr
löscht das hier und jetzt nicht mehr aus

und doch ist es da
holt mich wieder ein
dabei versuche ich nicht mal wegzulaufen.

Doch manchmal
liege ich auch im Bett
und spüre die Dankbarkeit
und Erleichterung.

Ich hab eine Wohnung
in der ich mich wohl fühle,
nicht perfekt und doch sicher
und ich kenne es nur zu gut
dies nicht zu haben

Manchmal
kommt diese Zeit hoch
die alte Wohnung
die mich umzubringen drohte
die unzähligen Nächte
im Wald
bei Eis und Schnee und Regen
oder die Nächte
in denen ich mich in der Kirche einschloss
ohne Toilette
immer die Angst
jederzeit entdeckt zu werden.

Ein Ort zum zurückziehen
an dem ich mich einigermaßen sicher fühle
so unschätzbar wertvoll.

Manchmal
bin ich so dankbar
für die Therapiemöglichkeit
die leider auch so gar nicht selbstverständlich ist
mit einem Therapeuten mit dem ich mich gut verstehe
und vor allem gut zusammen arbeiten kann
der offen ist für Neues, Individuelles
auf mich Zugeschnittenes

Aber auch dafür, dass ich heute nicht mehr nur überlebe,
sondern leben darf.
Das ich genießen lernen konnte.
Das ich sein darf.

Und manchmal
kann ich nicht schlafen
und habe das Gefühl schreiben zu müssen
ohne genau zu wissen was.

Heute
ist ein Mischmasch
aus all den Manchmals da oben.

Einfach hinlegen können und einschlafen
und dann durchschlafen
ohne dass die Vergangenheit Raum fordert
oder die Zukunft
oder der Körper, die Gefühle, die Gedanken oder was auch immer
das wünsche ich mir

muss ja nicht immer sein, nur
manchmal.

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2 Antworten zu manchmal

  1. Regenfrau sagt:

    Schön geschrieben..auch wenn es nichts allzu schönes ist…ich hatte Gänsehaut und ganz große Augen…ich verstehe
    und wünsche Dir: Ruhe.
    Alles Liebe!

  2. Ilana sagt:

    Danke – ich arbeite dran 😉

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