***Erinnerungen***

Durch einen Beitrag bei Neonatalie „erinnert“ – unter Anführungszeichen, weil ich ja täglich erinnert werde, durch die körperlichen Einschränkungen die ich meiner Mutter verdanke.

Münchhausen-by-proxy-Syndrom.

Die Angst als sie plötzlich nach meinem Auszug mit dem kleinen Bruder anfing. Die Drohung von mir, die offensichtlich fruchtete – denn sie manipulierte dann nur noch an sich herum. Nur dass sie selbst die Untersuchungen ja nicht mag – also wird es immer nur so nebenher erwähnt.

Sie ist „reingerutscht“ – mit mir – davon bin ich mittlerweile überzeugt. Durch den Missbrauch wieder nachts eingenäßt mit 4 Jahren – daher die Untersuchungen – und die Aufmerksamkeit die sie bekam – weil sie doch so viele Kinder hat, und so viel um die Ohren und jetzt auch noch das.

Harnwegsinfekte sind einfach zu „produzieren“. Ein passender Arzt, der mitspielt, weil er nicht hinter die Fassade schauen will.

Ja es ist 20 – 30 Jahre her – damals war das noch kein Thema, genauso wie Missbrauch kein Thema war.

Ich merke dass es langsam ankommt, das was der Urologe im Feber sagte – dass der Arzt das mitbekommen hätte müssen, zumindest den Missbrauch. Aber auch die Manipulationen – jedes Jahr, wenn ich im Krankenhaus lag – für die obligatorischen drei Wochen im Sommer, die schmerzhaften und unangenehmen Untersuchungen, mein Verhalten der Mutter gegenüber, das Verhalten der Mutter und vor allem: dass ich in dieser Zeit immer so aufgeblüht bin (was auch auffiel aber von der Mutter mit: „Naja – sie freut sich über die Aufmerksamkeit, die sie nicht mit den Geschwistern teilen muss, sie ist ja immer schon ein Kind gewesen, dass gern im Mittelpunkt steht – wissen Sie“) – und dass ich sie immer wegschickte, weil ich um 14 Uhr wieder in den Stationskindergarten wollte – auch noch als 13 oder 14 Jährige – da war es dann mein „soziales Engagement“ und nicht mehr das „sie spielt halt gerne“.

Aber ich erinner mich auch an Bananenmilch und Biskotten (und ironischerweise hatte ich heute Morgen Bananenmilch gemacht), an die netten Schwestern, an das Mitgefühl, wenn es um schmerzhafte Untersuchungen ging – Mitgefühl, das die Mutter nicht hatte.

Ich erinner mich noch an das Zimmer – es gab zwei auf der Kinderstation, die für die Urologie „reserviert“ waren. Sechs Betten pro Zimmer und ich erinner mich an das Bett – wenn man reinkommt links hinten am Fenster (da war ich schon 14 oder so).

Und an das Windelfalten – die Stoffwindeln – die zum Windelhöschen wurden und natürlich wurde darin noch eine Stoffwindel als „Einlage“ eingewickelt. Stundenlang half ich mit diese Windeln zu falten – und war stolz – weil ich helfen durfte und es wirklich gut gemacht habe.

An den kleinen S., zwei Jahre alt, er hatte sich die Hand böse verbrannt – und ich war ständig mit ihm zusammen – bis er ganz unerwartet nach Hause durfte – er bekam nicht oft Besuch, da die Eltern hunderte Kilometer entfernt wohnten – und als die Mutter ihn besuchte erfuhr sie, dass sie ihn mitnehmen darf. Ich sollte seine ganzen Spielzeugautos unter den anderen Kindern verteilen. Aber ich erinner mich auch seine Mutter, wie sie sich freute, sie war ganz aus dem Häuschen und einfach nur glücklich – weil sie ihren Sohn wieder mit nehmen durfte.

Ja ich erinner mich auch an die Schmerzen, an die Untersuchungen, die häufig unter Narkose stattfanden, an die unsäglichen Schmerzen wenn es wieder einmal um die Harnröhrenerweiterung ging, an die Angst – danach wieder auf Toilette zu müssen.

Ich erinner mich auch daran, dass die Mutter mittags kam und ich sie wegschickte und mein Vater abends – um 18 Uhr – nach der Arbeit – und auf seine Besuche freute ich mich.

An das Bilderbuch mit dem roten Eichhörnchen, dass ich zum 5. oder 6 . Geburtstag in der Urologie-Ambulanz bekam.

Doch am deutlichsten ist tatsächlich die Bananenmilch und die Biskotten – und dass ich als ich älter war, mir die auch selbst aus der Küche holen durfte (sozusagen als Nachschlag) – und das man jeden Tag wählen durfte – zwischen Fruchtjoghurt oder eben Bananenmilch mit Biskotten. Und an den Himbeersirup den es gab – als Saft.

All das weil ich mich an das Schlimme eben nicht erinnern will – und weil die stationären Aufenthalte – wie Urlaub waren – trotz der Schmerzen und der Angst. Denn es bedeutete auch Sicherheit.

Das andere ist da – mein Körper fühlt die Manipulationen noch heute so als würden sie grade jetzt passieren – Körpererinnerungen. Die Mutter die nicht sanft war und ihr Blick – diese Freude an den Schmerzen, an der Angst, dieser besondere Blick, fast gierig, wenn sie mir Gewalt antat. Ihr „untrisch waschen“ – weil ich musste ja sauber sein für den Arzt – die Verletzungen, das wund sein – so wund, dass das desinfizieren mit Braunol beim kathedrisieren so höllisch weh tat (liebe Kinderkrankenschwestern und (Kinder-) Ärzte  und auch liebe Mütter – sagt niemals zu einem Kind „tut ja nicht weh“, wenn es das doch tut – sei es ein Piecks oder sonst was – seid ehrlich – sagt, dass es das kurz weh tun wird, aber bald vorbei geht – spielt es nicht runter – ihr verliert eure Glaubwürdigkeit – und das kann bei häufigerem Vorkommen sehr prägend werden, seid ehrlich – und nehmt die Kinder ernst – auch die kleinen)

Erklärt mit „sie hatte einen Infekt und nicht gesagt dass sie eingenäßt hatte“ oder mit „sie hatte sich auf einen Schirmständer gesetzt und dabei verletzt“. Ich erinner mich an ihre (groben) Hände, ihre Finger, an die Eiswürfel, die sie in mich steckte – vor allem später – weil Kälte einen Infekt hervorrief. Und so manch anderes, das sie einsetzte.

Als ich als achtjährige alleine in die Stadt fahren sollte – von der Bushaltestelle dann hinlaufen – und nur noch wusste, dass „Liegenkranke“ über den Eingang stand – jedoch nicht dass das bei allen Gebäuden stand (es gab mehrere Gebäude – die Urologie war damals im 2. Stock des Chirurgiegebäudes) – und ich es einfach nicht fand – und auch das Fragen nicht weiterhalf – bis mich dann jemand hinbrachte.

An die Scham als es um die Elektrostimulation ging – zu zweit ohne Trennwand in einem Raum mit einer anderen Patientin – in der Regel Erwachsene – und dass dort Infusionsschläuche als Trinkhalme verwendet wurden (das liebte ich), damit man auch im Lieben trinken konnte. Aber auch an den Schmerz, wenn die Blase leer und die Elektroden an die Blasenwand stießen.

Dreimal die Woche – für 2 – 3 Stunden – an die vielen versäumten Schulstunden – dass ich in Handarbeiten fast nicht beurteilt wurde, weil ich zu oft fehlte. Zwei oder drei Jahre lang – jeden Woche – zusätzlich zu den wöchentlichen Kontrollterminen in der Urologie – montags um 14 Uhr (in einer halben Stunde).

Immer wenn die die Intervalle vergrößern wollten, hatte ich plötzlich eine Nierenbeckenentzündung – ich weiß nicht wie oft ich die hatte.

Irgendwann musste sie nicht mehr groß manipulieren – Kleinigkeiten reichten um einen Infekt auszulösen. Vielleicht konnte es deshalb so lange laufen – erst mit 15 – mit dem Wechsel zur berufsbildenden Schule. Ich hab einfach keine Termine mehr ausgemacht bzw sie nicht wahrgenommen – und die Zeit fehlte auch – es „schlief“ einfach ein. Es war kein großes Aufbäumen, kein konkretes „nein das mach ich nicht mehr mit“.

Ich war so gefangen in den Fängen meiner Eltern, in Missbrauch, Machtspielchen und Gehirnwäschen – für mich war das alles „normal“ und ich warf sogar meinem Bruder in einem Brief vor, dass er sich zu Hause nicht mehr meldet und die Mutter damit so verletzt. Sie hatten mich geformt – ihr war ihre Marionette.

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich das mitbekam und anfangen die Fäden durchzuschneiden. Und weil niemand mehr mich aufrecht hielt und lenkte – musste ich neu lernen – zu laufen, zu denken, die Welt zu entdecken.

Ich bin noch dabei.

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2 Antworten zu ***Erinnerungen***

  1. ariadne sagt:

    Viel Schlimmes dabei… Schlimm vor allem auch, dass der Arzt nichts „gemerkt“ hat… aber das ist ja leider oft so, der Missbrauch geht über so viele Jahre und keiner merkt was, das will oft nicht in meinen Kopf rein.

    Diesen „typischen“ Blick, die „Gier“ nach Schmerzen des Opfers hatte mein Vater auch, allein der Gedanke daran triggert mich schon, oft mehr als zB der Gedanke an die Gewalt selbst, komischerweise…

    Ich hoffe, es ist ok, wenn ich nicht auf alles eingehe (es gäbe sicher noch viel zu sagen/schreiben dazu).

    *gute Gedanken rüberschick*

  2. Ilana sagt:

    Natürlich ist das ok! Ja dieser Blick – ist für mich auch mehr Trigger als alles andere. Bei ihr ging es nicht um das Sexuelle, sondern um die Erniedrigung und das „weh tun“.

    Es geht mir gut – für mich war das Aufschreiben auch hier mehr ein „loswerden“, aufschreiben und dann einen Punkt setzen. Es ist noch nicht mal so, dass mich der Beitrag von Neonatalie getriggert hat – es war mehr ein „Anlass“ – denn das Thema ist schon länger wieder da.

    Laut dem Urologen vom Feber hat er es gemerkt, wenn was unklar war und er nachfragte – hat er gleichzeitig mögliche Antworten geboten. Und manches war zu deutlich um es „übersehen“ zu können. Das wäre schon möglich gewesen, wenn es jedesmal jemand anderer gewesen wäre – aber es war die ganze Zeit ein Arzt (und hauptsächlich 1 Pfleger und 1 Schwester, außer wenn ich stationär war). Aber damals waren die Ärzte noch Götter in Weiß – und das lebte dieser Arzt auch (auch wenn er zu mir schon nett war) – und für meine Mutter sind Ärzte Götter in Weiß.

    Ich werde mich dem Thema widmen müssen – für heute „reicht“ es. Und es gelingt auch einen Punkt zu setzen und mich abzulenken. Darüber bin ich sehr froh.

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