Wochenende

Es kippelt.

So gut mir die Abstinenz von Menschen tut, so schwierig ist die Zeit ohne Termine, ohne wirkliche Struktur.

Mit Rad schaffe ich es wenigstens raus – aber nicht sehr weit. Immerhin – ich komm vor die Tür, während ich das ohne Rad ja auch schon nicht hinkriege. Aber – es liegt wohl doch auch irgendwie an Entfernung usw. Oder am mangendelnen Ziel?

Denn Stadt ginge gut – (nur käme ich nicht mehr zurück).

Es ist jetzt nicht schlecht – genaugenommen geht es mir für die Umstände immer noch erstaunlich gut und dafür bin ich dankbar.

Aber es wird auch – schwieriger. Das immer zu Hause sein. Ich merke, wie das rausgehen schwierigen wird – das Abschotten mehr wird. Mails werden nur noch selten beantwortet und wenn – erst nach viel Zeit. Kontakt ist ziemlich runtergefahren. Soziale Medien ausgeschalten – weitestgehend.

Und ja – das tut grad gut – das ist so viel weniger anstrengend, nicht innerlich ständig übersetzen zu müssen, Worte sortieren, einordnen, suchen, formulieren, nicht funktionieren zu müssen. Diesen Teil genieße ich richtig.

Aber ich merke auch, dass immer weniger geht. Immer mehr Ablenken, Flüchten in Serien- oder Buchwelten, Malen, Stricken (beides nicht mehr so sehr, da die Handgelenke wirklich arg motzen) usw.

Mir fehlt die Struktur und ich krieg es dadurch immer weniger hin selbst eine aufrecht zu erhalten. Kein Wunder – ist ja mit ein Grund für den Aufbau der äußeren Struktur, weil es sonst eben nicht geht.

Im Prinzip hab ich statt jeden Tag ein bis zwei Termine nun zwei die Woche – zweimal Betreuung. Und das auch nur noch diese Woche – dann ist der Betreuer erstmal in Urlaub – bis nach Ostern. Einen Vertretungstermin gibt es – Wohnungstermin.

Auch Pokemon spielen ist schwierig – weil ich gar nicht an einen Pokestop komme und somit weder Feldforschungen noch sonst was Gescheites machen kann.

Mir fehlt die Buchbinderei, die Phyiso (sehr sogar), die Therapie und sogar das Angsttraining. Es fehlt das rauskommen.

Weil mir Menschen sonst nicht fehlen fällt es mir vermutlich leichter als anderen, es ist auch weniger der Inhalt (außer bei der Physio), sondern eben die Termine, die Regelmäßigkeit, die Struktur, an der ich mich entlanghangeln kann.

Die Tage fließen ineinander über – und hätte ich nicht eine Meidkamentenbox auf der der Wochentag steht, wüsste ich gar nicht welcher Tag grade ist.

Immerhin – ich war heute das erste Mal seit längerem wieder auf dem Crosstrainer. Und auch wenn das aktuell nicht durch die Kondition begrenzt wird, ist es immer noch frustrierend zu merken, dass da halt auch grad nur wenig geht. Aber ich war drauf. Und ich will versuchen, dass das wieder täglich rein kommt – entweder Crosstrainer oder mind. eine halbe Stunde Rad fahren (das geht hier eh nur mit auf und ab und ich muss noch eine fahrbare Route suchen, weil irgendwie scheine ich aktuell zum Schluss immer bergauf zuhaben). Ich muss.

Um dem steigenden Gewicht und vor allem der schwindenden Mobilität was entgegenzusetzen. Und auch, weil es grad das einzige ist, was ich wirklich tun kann, bei dem ich aktiv was tun kann.

Etwas entgegensetzen – dem Abwärtsstrudel, der Decke, die auf dem Kopf fällt, der Stimmung, die kippelt.

Jetzt schon. Und nicht erst dann, wenn alles gekippt ist. Vorsorge treffen, damit es hoffentlich gar nicht erst schlimm wird.

Mich auf das positive konzentrieren: ich hab hier alles was ich brauche, muss mich nicht mit Menschen auseinander setzen, den Tag so gestalten wie es passt – wenn mehr geht, eben mehr, wenn weniger geht ist das auch ok. Froh, dass ich da nicht die Verantwortung für Kinder oder andere Familienmitglieder habe. Die Bonsai-Tiger stören sich nicht daran, wenn ich da mal einen Tag für mich bleibe. Und sind dennoch da – zum kuscheln und runterkommen.

Doch ja – ich kann zufrieden sein .

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