wie es ist

Seit Tagen bin ich an diesem Beitrag. Schon seit dem Beitrag über das neue Medikament und dass es mir gut geht damit. Also noch vor der letzten Krise wegen des Rades.

Nicht weil ich ihn besonders formulieren will oder ähnlichem, sondern weil ich mich immer wieder ablenken lasse. Leicht ablenken – fast als fliehe ich vor diesem Beitrag.

Was ich wohl auch tue. Andererseits wohl auch nicht so wirklich – denn er ist wirklich lang geworden.

Nicht weil es mir ach so schlecht geht, sondern weil ich es lieber genieße mich grad mehr mit den Ressourcen und Möglichkeiten zu beschäftigen und nicht mit den Defiziten.

Letzteres ist grade wenn es um Anträge usw geht – immer im Vordergrund. Es geht darum möglichst genau und ausführlich und ehrlich zu schildern was nicht geht, wo Hilfe nötig ist.

Das was geht, was bereits erreicht wurde – spielt keine Rolle. Spielt bei Anträgen keine Rolle – da geht es nur darum was eben nicht geht. Nur um Defizite.

In den letzten Wochen hat sich für mich viel verändert.

Manches kann ich glaub ich noch gar nicht recht (be-)greifen.

Es ging immer um Prioritäten: duschen oder was zu essen machen? Mich anziehen oder lieber eine Kleinigkeit im Haushalt? Sport und dafür nichts anderes mehr hinkriegen? Oder einen Termin wahrnehmen, denn da geht auch nichts anders mehr – hängt doch so viel mit einem Termin zusammen: waschen, anziehen, fertig machen, Kontakt mit Menschen, rausgehen, zuhause wieder umziehen – das frisst sämtliche Kapazitäten auf.

Oft fiel/fällt auch sich waschen, Zähneputzen, anziehen hinten runter.  War allein den Tag – irgendwie zu überleben alles was zählte.

Skills dienten dazu die schlimmsten und größten Brände einzudämmen – auch hier – Prioritäten setzen, weil nicht für alles Kraft da war.

Der Körper streikte, es ging einfach nicht mehr.

Wie wir jetzt wissen nicht nur wegen der Psyche. Ein nicht ausreichend vom Körper produziertes Hormon verschärfte die Situation.

Das krieg ich jetzt in einer Darreichungsform, die diesen Mangel wirklich auffüllt. Und plötzlich geht es mir – körperlich – gut.

Es geht mir so viel besser.

Ich bin körperlich fitter, bin stabiler, hab mehr Kraft und Energie für den Alltag, für Skills, für die Bewältigung von Problemen und Widrigkeiten, die nun mal einfach zum Leben gehören.

Sport geht wieder ohne dass ich im Alltag an anderer Stelle Einschränkungen machen muss – im Gegenteil – er tut mir gut. Ich kann ihn sogar wieder als Skill nutzen!

Die Kraft ist nicht mittags aufgebraucht, sondern reicht für den Tag und abends ist oft sogar noch was übrig – für mich eine ganz neue Erfahrung.

Mein Reizdarm, der für mich seit Jahrzehnten Alltag ist – scheint weg. Ich muss Essen/Trinken nicht danach planen ob ich einen Termin habe oder eben in der nächsten Stunde durchgehend eine Toilette schnell und einfach zu erreichen ist – sondern kann Essen/Trinken wenn ich Hunger/Durst habe. Und ich verbringe deutlich weniger Zeit im Bad. Oder mit der Angst, ob die nächste Toilette auch schnell genug erreichbar ist.

Angstzustände und Panik, die aus dem Nichts auftauchen, ohne ersichtlichen Grund – gehörten ebenso zum Alltag wie Flashbacks und Phobien.  Während letzere beiden leider unverdändert da sind, sind diese diffusen Angstzustände weniger geworden. Deutlich.

Auch kann ich mit Stresssituationen besser umgehen.

Einfach weil genug Kraft und Energie für Skills da sind, ich nicht dauerhaft ausgebrannt bin,  die Kraft nicht mehr so weit vor dem Ende des Tages aufgebraucht ist.

Es bedeutet aber nicht, dass die psychischen Erkrankungen plötzlich weg sind.

Die Folgen gehören immer noch zum Alltag.

Panikattacken oder Phobien – vieles geht immer noch nicht und Angsttraining gehört nach wie vor zum Alltag. Im Moment ist da ganz oben auf der Liste, das mit dem Rad hin zu bekommen.

Das ist sicher mit ein Grund, warum es mir dann vor ein paar Tagen so den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Das Rad defekt, noch unklar, wo das in die Werkstatt muss (wegen Garantie und Art des Rades/Defektes kann ich es leider nicht in jede bringen und die Wahrscheinlichkeit, dass es doch nach Herzberg muss, was nunmal ohne Transporter nicht machbar ist, steigt mit jeden Tag) ist noch unklar.

Der Gedanke nicht jederzeit ein Stopp setzen zu können und es stehen zu lassen und von dort nach Hause zu kommen – ist schwierig. Auch wenn es im Moment einen Notfallplan im Hintergrund gibt – Ziel ist ja irgendwann von den Fahrtkostenübernahmen unabhängig zu sein – eigenständig und allein mit dem Rad von zu Hause zu den Terminen und wieder zurück zu kommen.

Hier bedient das kaputte Rad grad eine meiner größten Ängste:  was mach ich, wenn plötzlich das Rad ausfällt? Auf dem Weg? Wie komm ich dann wieder nach Hause?

Das ist noch ein weiter Weg – aber ich bin zuversichtlich, dass ich es schaffen kann – wenn ich die nötige Zeit für diesen Weg bekomme.

Hoffend, dass ich dadurch auch mehr das Gefühl der Sicherheit bekomme, es auch wirklich hin zu bekommen.

Sprechen ist seit vielen Monaten wieder schwieriger. Mit vertrauten Personen geht es – mit unvertrauten ist es jedesmal ein einziger Kampf.

Orte mit Menschen – ich bin grad gar nicht menschentauglich – und da habe ich sicher noch einen sehr weiten Weg vor mir. Ehrlichgesagt auch grad eher das Gefühl, das ist im letzten Jahr deutlich schlechter geworden.

Einkaufen, Aufhalten an Bushaltestellen, Raids (Pokemon Go) – zählen genauso immer noch zum Angsttraining. Es gibt Tage, da klappen kleine Einkäufe ganz gut – und Tage,  da überfordert es mich massiv und ich kann froh sein, wenn ich wieder gut nach Hause komme.

Ich versuche mehrfach die Woche mindestens ein Angsttraining am Tag zu machen – nicht nur ein Aussetzen der Situation(das kommt deutlich häufiger vor), sondern gezieltes Angsttraining.

Flashbacks und Körpererinnerungen – gehören nach wie vor zum Alltag. Mehrfach täglich.

Der Unterschied zu früher: ich hab mehr Ressourcen, mehr Kraft für Skills, mehr Möglichkeiten und Auswahl, weil ich nicht mehr drauf achten muss, ob die Kraft bis zum Abend reicht. Kann gleich gegensteuern und schlicht danach gehen was ich grad brauche und nicht ob das im Energiemanagement für heute auch möglich ist. Und ich kann allgemein gegensteuern, nicht nur bei den schlimmsten.

Oben schrieb ich, dass ich früher nur die schlimmsten Brände grade mal eindämmen konnte – heute kann ich fast alle löschen, weil genug Ressourcen dafür da sind.

Und das auch noch abends – oder nachts, weil selbst da noch mehr als genug Kraft für da ist.

Das gilt auch für Stresssituationen – ich kann mehr Skills und Ressourcen nutzen und damit solche Situationen besser meistern. Sie sind immer noch anstrengend und mühsam und unangenehm – aber sie werfen mich nicht mehr so schnell aus der Bahn.

In der Folge sind auch dissoziative Zustände etwas weniger geworden. Mehr Stabilität, mehr Möglichkeiten frühzeitig auf Skills zurückgreifen zu können – mehr Ressourcen mit sehr stressigen Situationen besser umzugehen.

Aktuell ändert sich die Betreuungsstruktur – wir ändern die Tage – also an sich nichts tragisches. Aber es reicht um trotzdem Chaos auszulösen – ich brauche also immer noch diese Struktur von außen. Oder Hilfe in der Wohnung – auch da verzettel ich mich immer noch – teilweise extrem – und es eskaliert.

Auch hier benötige ich nach wie vor die Hilfe und Unterstützung.

Am Unterstützungsbedarf hat sich nicht so viel geändert. Genauso wie an der Symptomatik durch die komplexe posttraumatische Belastungsstörung und den daraus resultierenden Einschränkungen.

Aber dadurch, dass nicht noch zusätzlicher der Körper ständig streikt, steht mehr Energie/Kraft zur Verfügung und dadurch hab ich ganz andere Möglichkeiten darauf zu reagieren, damit umzugehen.

Das verändert deutlich die Lebensqualität und es eröffnet auch neue Optionen – wie zum Beispiel eben das ich irgendwann auch unabhängig von Fahrtkostenübernahmen und Fahrern sein könnte oder eben auch ohne ambulante Therapie stabil bleiben kann.

Es bleibt Kraft übrig daran zu arbeiten wieder eigenständiger und selbstbestimmter zu werden. Nicht nur Notfallmanagement, sondern auch an einer besseren Zukunft arbeiten.

Das mag noch ein unendlich lang scheinender Weg sein, aber jeder Schritt darauf bringt mich näher zu mehr Unabhängigkeit. Und jedes noch so kleine Stückchen Unabhängigkeit bringt noch ein Stück Lebensqualität.

Ich glaube aktuell ist für mich der größter Unterschied, dass es bisher immer nur um Notfallmanagement ging. Die Zeit und Kraft war nur dafür da. Das Schlimmste so weit einzudämmen, dass ich nicht stationär muss und den Tag mit möglichst wenig Schäden überlebe.

Das Bild mit den Bränden passt ganz gut. Meistens sehr weit weg davon einen zu löschen, froh darüber, wenn wir ihn einigermaßen in Schach halten konnten. Und dafür gingen alle Kapazitäten drauf. Egal ob Skills, meine Ressourcen oder Therapien, Arzttermine, Betreuung – es war zu 90 % nur Krisenintervention – mit dem Ziel einen stationären Aufenthalt zu vermeiden.

Und natürlich ging es auch darum, dass es besser wird, mehr Stabilität da ist und auch mal altes Abzuarbeiten. Aber auch das gab eher das „Alte“ vor – weil es halt grad so sehr den Alltag flutet und sich nicht so wegpacken liess – also griffen wir es auf, bearbeiteten es, damit es wieder wegpackbar wird.

Nach außen hat sich da nicht viel geändert. Der Bedarf an Hilfe und Unterstützung ist fast geblieben. Einzig der ambulante Betreuer ist nun ein anderer und die ambulante Therapie ist weggefallen.

Nicht weil sie nicht nötig wäre, sondern weil der Therapeut nicht länger die Möglichkeit hatte mit der Krankenkasse abzurechnen. Da die Stunden auch fast aufgebraucht, ist es auch schwierig eine neue Therapie bewilligt zu bekommen – das wird in einigen Monaten einfacher sein, in zwei Jahren ist es sicher wieder möglich.

Einen neuen Therapeuten zu finden, der vorher die Zeit und den Papiekram übernehmen würde für ein „vielleicht“ – ist nahezu unmöglich.

Einen zu finden, der bereit ist auch mit mir zu arbeiten, der mit mir (und ich mit ihm) kann – und der die Zeit für den Papierkrieg investiert – ist fast aussichtslos.

Das bedeutet also warten.

Im Moment ist das für mich auch in Ordnung. Es ist nicht lebensnotwendig. Aber ich merke auch, dass damit eine Chance flöten geht – die Chance mal wirklich was zu erreichen, zu bearbeiten – weil eben grad mal nicht nur Krisenintervention, sondern wirklich Ressourcen für mehr da wären.

Trotzdem – ich bin froh, dass es ohne geht, dass diese Wartezeit keine Krise auslöst, sondern wirklich machbar scheint/ist.

Früher ging es mit allen Kräften und Hilfe und Unterstützung darum das Überleben zu sichern und die Krisen auf einem Level zu halten, der ein zu Hause wohnen bleiben möglich macht.

Heute geht es zwar ohne die Hilfe und Unterstützung auch nicht – aber mit reicht die Kraft für den ganzen Tag – bis Abends. Gibt es Momente, in denen ich einfach durchatmen kann. Schaffe ich es  mich anzuziehen UND mir was zu essen zu machen. Oder wieder eigenständig die Medikamente zu stellen/nehmen (auch wenn ich immer noch froh bin, dass da andere mit ein Auge drauf werfen).

Haare waschen und Duschen ist möglich, wenn es nötig ist. Zähneputzen, Haare kämmen, anziehen – ist möglich, ohne dass anderes dafür hinten runter fallen muss.

Basics – sind wieder Basics, die (weitestgehend) zum Alltag gehören und nicht je nach Dringlichkeit von der Liste des Möglichen ausgewählt werden müssen.

Aber das was man nach außen sieht – hat sich nicht wirkich verändert.

Ich benötige immer noch Begleitung außer Hause oder zu (Arzt-)Terminen, brauche immer noch Mitfahrmöglichkeiten/Fahrtkostenübernahmen um zu Terminen zu kommen, Hilfe beim Einkaufen, Besorgen von Rezepten/Medikamenten, in der Wohnung, beim Wäsche machen, allem mit Ämtern und Behörden usw usf.

Flashbacks und dissoziative Zustände gehören nach wie vor zu mir – und auch wenn ich es heute weitestgehend schaffe alleine damit um zu gehen, bedeutet das „draussen“ immer noch eben auch Begleitung/Unterstützung.

Die Einsamkeit ist wieder mehr Thema geworden. Mich auf jemanden einzulassen scheint so – unmöglich weit weg. Das Gefühl ein Alien zu sein, anders, in der Kommunikation immer das Gefühl eine Fremdsprache zu sprechen/lernen, „übersetzen“ zu müssen, der Versuch zu verstehen, was/wie man Mensch ist.

Gefühle sind wieder ein No-Go – dürfen nicht sein. Suchen sich dann natürlich andere Wege, denn sie sind ja nun mal da. Was aber das Gefühl des anders sein verstärkt.

Viele alte Mechanismen, Stimmen von früher haben ohne Therapie weniger „Gegengewicht“/Gegenwind, werden dadurch wieder stärker.

Das mit den Gefühlen und den alten Mechanismen hat zur Folge, dass ich mich wieder weiter von mir entferne – wieder mehr in ein „funktionieren“ rutsche, weniger auf Grenzen achte, weil dafür müsste ich ja hinspüren und mehr bei mir sein.

Ich versuche da gegenzusteuern – im geschützten Rahmen (Buchbinderei zum Beispiel).

Nach innen ist der größte Unterschied, dass es heute machbar ist. MIT der Hilfe und Unterstützung ist es heute machbar. Schaffbar. Ist abends noch Kraft über im Gegensatz zu vorher, als die spätestens mittags alle war, der Tag (mit allen Problemen und Widrigkeiten) aber leider noch nicht.

Es bedeutet nicht, dass es keine Krisen mehr gibt. Der Boden kann weiterhin unter mir wegbrechen und es gibt auch heute noch Tage, deren einziges Ziel das „irgendwie überleben“ ist.

Wenn die Kraft alle ist, der Boden wegbröselt und verschwindet, haben Flashbacks und Co leichtes Spiel, übernahmen nur allzugern alles. Zu merken, dass da (meistens) Kraft und Energie und Möglichkeit ist, dem etwas entgegenzusetzen, gibt das Gefühl zurück, das eigene Leben wieder etwas mehr selbst in die Hand zu bekommen.

Ein unschätzbar wertvolles Gefühl!

Und wenn die Kraft mal nicht da ist – bedeutet das (wie früher auch schon!) halt ablenken um jeden Preis, ganz im Hier und Jetzt bleiben, kein gestern, kein morgen, kein „müsste/muss“, nur „kann“.

Früher bedeutete das in der Regel absolut nichts tun, der Fernseher an und froh sein, wenn ich es schaffe was zu essen/trinken. Die letzten Tage bedeutete es auch aktiv was tun zu können (nähen zum Beispiel).

Die Aktivität hilft wieder Boden unter die Füße zu kriegen. Geht aber eben nur, wenn dafür noch Ressourcen da sind.

Es sind oft nur Kleinigkeiten – dieses aktiv was tun können – dabei ist weniger wichtig was – die einfach nur hilfreich sind.

Zu merken, dass es jetzt geht – ist Gold wert. Und macht mich selbst in Krisen – dankbar.

 

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