Arzttermin

Heute steht ein Termin beim Urologen an.

Für mich sehr schwierig. Ich will versuchen das hier etwas zu erklären. Mehr um für mich das Alte vom Aktuellen zu trennen.

Von meinem vierten bis zum 16. Lebensjahr war ich 1-3x die Woche in der Klinik. Urologische Ambulanz. Einmal im Jahr für ca 3 Wochen stationär.

Meine Mutter ist da sicher reingerutscht. Eine Vierjährige, die wieder nachts einnässt und immer wieder Harnwegsinfekte bekam (was beim Missbrauchshintergrund jetzt nicht so verwundert, aber das wusste ja sonst keiner), die Aufmerksamkeit die sie als Mutter bekam. So viele Kinder – und dann noch ein krankes.

Noch dazu ein Professor, der sich für den Fall interessiert und ihn übernimmt – der ab meinem 8. Lebensjahr nur noch Privatpatienten hatte, aber mich weiterhin umsonst übernahm.

Aufmerksamkeit, die sie wollte und wohl brauchte. Immer wenn es besser wurde, die Termine auf alle 14 Tage gestreckt werden sollten, wurde es wieder deutlich schlechter.

Dafür sorgte meine Mutter schon. Für die Ärzte war ich nur ein „Spezialfall“ – weil man es sich nicht erklären konnte. Es gab Untersuchungen, viele davon unangenehm und schmerzhaft.

Mindestens einmal im Jahr auch unter Vollnarkose. Die Harnröhre wurde 8 mal geweitet. Jahrelang wurde Elektrostimulation der Blase gemacht, was mich dreimal die Woche für mehrere Stunden in die Klinik brachte. Und es gab noch viele viele Untersuchungen und OP’s mehr.

Der Arzt wollte aber auch nichts sehen. So manche Verletzung, die durch sexuelle Übergriffe entstanden, wurden von der Mutter irgendwie erkärt oder er hat gar nicht nachgefragt.

Es war eine andere Zeit und mein Arzt war im Pensionsalter – also nochmal eine Generation vor meiner Mutter.

Meine Mutter hat mich nie in Lebensgefahr gebracht, aber dafür gesorgt, dass mind. 2 Harnwegsinfekte pro Monat waren.

Von meinem 5. bis zum 15. Lebensjahr nahm ich dauerhaft Antibiotika. Es war der Versuch der Ärzte, die ständigen Entzündungen (die auch mehrfach im Jahr zu Nierenbeckenentzündungen wurden) in den Griff zu kriegen.

Nur dass das gar nicht möglich war. Meine Mutter wurde im Laufe der Jahre – erfinderisch.

Ich war sechzehn als ich dem ein Ende setzte – in dem ich einfach nicht mehr hinging zu den wöchentlichen Arztterminen.

Wenn ich stationär war – blühte ich auf. Natürlich kam meine Mutter jeden Tag – und jeden Tag schickte ich sie spätestens um 14 Uhr wieder weg. Da machte der stationseigene Kindergarten auf. Außerdem besuchte sie eh mehr die anderen Kinder.

Nur auf den Besuch meines Vaters abends freute ich mich.

Trotz der Schmerzen und unangenehmen Untersuchungen überwiegen bei den stationären Aufenthalten die positiven Erinnerungen.

Ich blühte auf, die Beschwerden wurden weniger, es gab täglich Biskotten und Bananenmilch. Und ich war bekannt dort – man sah sich ja ständig wieder.

Das ist 30-40 Jahre her. Damals war Missbrauch nicht Thema und schon gar nicht der Gedanke, dass eine Mutter ihrem Kind sowas antut. Vor allem so eine bemühte Mutter wie meine. Die trotz der vielen Kinder sich so sehr auch ums kranke kümmert und darüber hinaus noch um andere Kinder.

War ja eine Uniklinik, die Eltern der anderen oft Hunderte Kilometer entfernt.

Natürlich gibt es Folgeschäden – wäre auch ein Wunder gewesen wenn nicht.

Manches davon – wie die häufigen Nierenbeckenentzündungen – hab ich mittlerweile im Griff.

Auch bei den Antibiotika hat sich viel getan – war ich vor 20 Jahren auf die meisten resistent oder vertrug sie nicht (was bei Bedarf dann dafür sorgte, dass Antibiotikagabe nur stationär möglich war), ist das heute kein Problem. Es gibt wieder genug die ich vertrage und die auch wirken. Auch ohne, dass mir dabei so kotzübel wird, dass nichts anderes mehr geht.

Aber ich brauche sie auch selten. Die meisten Infekte krieg ich so in den Griff – hab ja genug Erfahrung.

Es gibt noch einige andere Folgeschäden. Eine, die im Alltag am meisten Probleme macht, ist die Inkontinenz.

Und die führt mich heute unter anderem zum Arzt. Denn in den letzten Jahren hat es sich massiv verschlechtert und mittlerweile geht ein knappes Drittel meines zur Verfügung stehenden Geldes für Alltagsdinge und Lebendmittel – für Inkontinenzprodukte drauf.

Ich habe immer Reservewäsche mit, weiß wo die nächste Toilette ist und muss das auch in meine Planungen mit einzubeziehen.

Aber auch die Infekthäufigkeit ist wieder deutlich gestiegen. Wobei sowieso kein Monat ohne vergeht.

Der Arzt ist super – ich vertraue ihm blind. Er kennt die Umstände, weiss um die Problematik, die ich allein mit dem Termin habe.

Ich weiß, dass er nur Untersuchungen machen würde, die unabdingbar wären. Nicht nur nötig, sondern dringend nötig.

Auch die anderen Praxismitarbeiter wissen, dass es für mich schwierig ist. Dass ich Wartzezeiten da nur schlecht ertrage, nicht im Wartezimmer warten kann, sondern dann eben draußen im Flur warte.

Ich bekomme Randtermien und so hält sich die Wartezeit in Grenzen.

Es ist schwierig und ja ich hab Schiss. Weniger wegen heute, sondern weil es altes hochkocht.

In einer halben Stunde geht es los. Und ich hab mich entschieden im Anschluss entweder etwas rumzulaufen oder Rad zu fahren. Letzteres werde ich vorher noch in die Nähe der Praxis bringen – um mir die Option offen zu halten.

Bewegung um die Anspannung die da ist – irgendwie zu kanalisieren.

Für etwaige Probleme wäre der Ersatzthera telefonisch erreichbar.

Gegen 16 Uhr wird mich dann der Betreuer einsammeln und auch mit ihm werde ich noch etwas unternehmen. Keine Wohnung heute, kein „muss“, nur schauen wieder ganz ins hier und jetzt zu kommen.

Das mag übertrieben klingen – zumal heute keine (invasive) Untersuchung stattfinden wird. Das höchste wäre wohl ein Ultraschall, aber selbst das ist unsicher und kann ich dann in dem Moment entscheiden.

Ich weiß auch gar nicht genau was ich erwarte. Natürlich hoffe ich, dass er noch eine Idee hat, wie wir die Umstände wieder „alltagstauglicher“ kriegen.

Das hab ich jetzt über ein Jahr vor mir her geschoben. Erst kam dann Dresden und ich meinte – ich mach es danach. Dann kamen die anderen Krisen und – naja es rutschte immer wieder ganz nach unten auf der Prioritätenliste.

Mit dem Schreiben hier hoffte ich, die Panik und Unruhe, die heute da sind – etwas in den Griff zu kriegen. Es „rauszuschreiben“ sozusagen. Teilweise hat es funktioniert. Ich bin wieder deutlich mehr im hier und jetzt.

Mir ist klar, dass ich nicht so sehr mit dem heutigen Termin ein Problem habe, sondern eben mit dem alten Mist. Trotzdem ist da Panik vor dem Termin. Davor, dass ich es da dann nicht getrennt kriege, nicht funktionieren kann.

Es doch zuviel wird.

 

 

 

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