Nachwehen

Heute ist kein guter Tag. Die Nacht war – dank medikamentöser Hilfe – ok. Auch sonst komm ich mit Flashbacks und Körpererinnerungen ganz gut klar. Selbst die Täterintrojekte sind einigermaßen im Griff.

Aber Kleinigkeiten reichen, um das Gefühl totaler Überforderung aus zu lösen. Nicht körperlich – da bin ich fit, aber psychisch.

Immer wieder schießen Tränen in die Augen – ohne erkennbaren Grund, aber meist, weil ich grad irgendwas tun will, soll, eine Anforderung da ist.

„Du gefällst mir heute nicht. Gar nicht!“ sagt der Physiotherapeut zu mir. So sichtbar also. „Bin nur müde, geschafft“ antworte ich.

Wenn er es schon sieht, muss es deutlich sein. Das will ich nicht.

Etwas später – Panikattacke de luxe während einer Übung. Nicht versteckbar, kein funktionieren – wobei – doch irgendwie ja schon. Konnte kommunizieren, dass er mich bitte grad nicht anfassen und mich einfach in Ruhe lassen soll.

Er entschuldigt sich – für die Übung. Sagt, dass wir die nicht mehr machen werden – dabei ging es darum gar nicht.

Wieder zu Hause erstmal eine Nachricht an den Betreuer geschickt – eine Vorwarnung, weil es mir nicht gut geht, ich nicht einschätzen kann, wie ich reagiere und eben sehr sehr schnell überfordert bin. Viele Dinge triggern, die sonst kein Problem (mehr) sind.

Stundenlang überlegt, ob ich eine mail an den Thera schicken soll. Aber im Endeffekt kann er nichts tun. Ich will keinen Zusatztermin – weil es nicht darum geht das jetzt wegzupacken oder so. Es geht darum das jetzt durchzustehen, dran zu bleiben. Nur so, wird sich etwas ändern.

Was also schreiben? Dass es mir nicht gut geht? Wozu – er kann grad nichts tun, es gibt nichts, was ich von ihm möchte.

Vielleicht wäre es sinnvoll früher weiter zu machen, nicht erst nächsten Dienstag – aber ganz ehrlich – zum einen ist es nahezu unmöglich einen Doppeltermin dazwischen zu schieben und zum anderen bin ich nicht sicher ob das gut wäre. Ob diese Woche dazwischen nicht besser ist.

Zumal ich ja weiß – ich würde dort sitzen und in  Tränen und Gefühlen ertrinken, die sowieso keinen Weg nach draußen finden. Nicht dürfen.

Nicht mal weil die Tränen nicht dürfen oder die Gefühle, sondern die Intensität. Dass es nicht bei Tränen bliebe, Geräusche aber nach wie vor ein no-go sind. Immer noch zu viel Macht bei den Täterintrojekten und  an diesem Punkt sehr sehr weit weg davon denen was entgegensetzen zu können.

Also schreib ich erst gar keine Mail.

Es ist mühsam und anstrengend, aber für die Umstände ist es immer noch ok, nichts kritisch oder so. Weit weg von gut, aber – machbar.

Wenn die Verzweiflung oder Überforderung fluten, versuche ich mir zu sagen: Atmen. Du musst nichts weiter als Atmen. Es ist nur ein Moment, ein Moment der wieder vergeht.

Die einzige Anforderung ist: Atmen. Aufs Ausatmen konzentrieren.

Das klappt mal schneller, mal braucht es länger, aber es funktioniert.

Übrig bleibt einen unfassbare Müdigkeit.

Der Kopf sagt: es ist ok, du leistest grad unglaublich viel, bewusst und vor allem unbewusst. Ankommen tut das nicht. Ich weiß, dass es stimmt, aber es bleibt im Kopf. In einem kleinen Areal dort. Als ginge es mich nicht an. Abstrakt irgendwie. Höre die Worte, aber sie ergeben nicht wirklich Sinn.

Zu sehr anderwertig beschäftigt. Ausgelastet.

Es ist etwas heftiger als erwartet. Aber es ist jetzt nicht groß überraschend.

Selbstfürsorge wird schwieriger. Das Entwerten und Niedermachen wieder mehr. Oder vielleicht nicht mehr, aber ich bekomme es weniger abgeblockt.

Es ist nicht laut und polternd, sondern leise, schleicht sich an, schleicht sich ein.

Amten. Achtsam sein mit mir. Geduldig sein mit mir. Letzeres fällt schwer.

Es wird werden. Irgendwie und irgendwann wird es werden.

Nachtrag: bin so froh und dankbar, dass ich einen Betreuer habe, der damit umgehen kann. Der weiß, wann er was sagen oder schweigen soll, der es nicht schwieriger, sondern einfacher macht. Er hat ein unglaubliches Gespür dafür was grad notwendig ist. Dafür bin ich sehr dankbar.

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