„Gebrauchsanweisung“

Bei den 1000 Fragen an dich selbst wurde danach gefragt, ob es eine Art „Gebrauchsanweisung“ für mich gäbe.

Die gibt es tatsächlich. Für Termine (Ärzte, Krankenhaus, Therapie) hab ich tatsächlich eine „Gebrauchsanweisung“ zusammengestellt, die beim Erstkontakt übergeben wird.

In den Kommentaren wurde ich dann gefragt, ob ich mal schreiben könnte, wie diese aussieht bei mir.

Sie wird – je nach Art des Termins und was eben für die andere Person wichtig ist – abgeändert bzw mit mehr oder weniger Details verknüpft.

Neben der „Gebrauchsanweisung“ (eine für ärztliche Untesuchungen und eine mehr für den Psycho-Bereich) gibt es eine „Notfallkarte“ – diese hat jeder Arzt, bei dem ich häufiger Termine habe oder in denen es um körperliche Untersuchungen gibt, in der Akte.

Was steht da nun drin?

Die Notfallkarte ist im Prinzip immer die Gleiche – der Name und die Telefonnummer von Ersatzthera oder Thera wird nur dann geändert, wenn eben nur der eine oder der andere erreichbar ist. Bei körperlichen Untersuchungen kläre ich vorab ab, wer im Notfall erreichbar ist. War bisher nur einmal nötig und erleichtert auch für den Arzt den Umgang damit.

Außerdem kläre ich vorab noch ab ob das mit dem „allein lassen“ überhaupt möglich ist und wenn nicht, dass sich der andere dann abwenden und was anderes machen sol

Notfallkarte:

Im Notfall:

Sollte ich nicht mehr auf Ansprache reagieren (auch kein Nicken auf Ja/Nein-Fragen), lassen Sie mich bitte für 2 Minuten alleine.

Sagen Sie das auch so und kommen Sie nach den 2 Minuten einfach wieder in den Raum – in der Regel können wir danach weiter machen und ich auch wieder reagieren.

Danke!

Folgendes wird wohl nicht benötigt werden – für den unwahrscheinlichen Fall:

 Sollte es Probleme geben: in meinem Rucksack ist in der rechten Seitentasche Tavor Expidet – einfach  aus dem Rucksack holen und mir zwei Tabletten (2mg) reichen. Sie wirken innerhalb weniger Minuten.

Im Notfall ist mein Arzt/Therapeut – Name – unter folgender Nummer zu erreichen: 123456789

Die Gebrauchsanweisung ist im Groben auch immer die Gleiche – nur dass bei bestimmten Untersuchungen ein Absatz mit drin ist, der etwas mehr Details über den Missbrauch beinhaltet, da dies das Verstehen meiner Reaktionen doch sehr deutlich erleichtert.

Ich habe das jetzt hier als Beispiel auch mit diesem Absatz drin – es gibt also keine Sternchen oder ähnliches – daher kann das weiterlesen triggern – bitte seid da achtsam mit euch.

Gebrauchsanweisung für ärztliche Untersuchungen (hier am Beispiel einer urologischen Untersuchung):

Hallo,

ich bat darum, dass Sie dies hier vorab lesen, weil dies für alle Beteiligten die Situation erleichtert und beschleunigt. Arztbesuche und vor allem Untersuchungen sind für mich aufgrund von sexuellem Missbrauch von früher Kindheit an, und einer Mutter mit Münchhausen-by-Proxy-Syndrom sehr problematisch.

[sofern etwas für einen bestimmten Fachbereich wichtig ist, dass da mehr Infos über Missbrauch nötig sind, werden die hier eingefügt – das ist zum Beispiel bei gynäkologischen und urologischen Untersuchungen bei mir wichtig, das betrifft jetzt den nächsten Absatz , der dann in diesem Fall mit drin wäre, aber bei allen anderen Sachen natürlich nicht nötig ist und einfach rausgenommen wird]

Da es grade für ihren Fachbereich wichtig zu wissen ist um etwas besser verstehen zu können: meine Mutter hat dafür gesorgt, dass ich über 10 Jahre (im Alter von 4–15) mind 1-3 x wöchtentl. ambulant und mind 1-2x jährlich für mehrere Wochen stationär in der urologischen Klinik war, hauptsächlich indem sie Harnwegsinfekte und Nierenbeckenentzündungen auslöste.  Was in Kombination mit dem Missbrauch Untersuchungen nur sehr schwer möglich machen.

Darüber zu reden und Fragen beantworten ist mittlerweile sehr gut möglich (und auch das Grenzen erkennen und setzen), aber körperliche Untersuchungen lösen immer noch massive Körpererinnerungen und Flashbacks aus.

Mehrere Leute im Raum erschweren die Situation für mich erheblich, daher sollte wenn irgend möglich außer Ihnen und mir niemand mit im Raum sein.

Bitte kündigen Sie alles was sie machen an – vor allem Berührungen, keine große Erklärungen, aber kurz Bescheid geben – bevor sie mich berühren.

Ich kann gut Stopp sagen – das gilt sowohl für Fragen als auch für Untersuchungen – von daher – bitte fragen Sie wenn Ihnen etwas unklar ist (ein Verhalten oder eine Reaktion oder auch eine Ursache) – das antworten erleichtert auch mir die Situation  erheblich (nicht nur Ihnen das Verstehen).

Da fast alle Arztbesuche einen dissoziativen Zustand auslösen, ist es wichtig, dass wichtige Informationen am Ende noch einmal zusammengefasst und wiederholt werden.

Aus dem selben Grund zählt im Zweifel auch IMMER das was ich SAGE, nicht wie ich wirke.

Da „nichts anmerken lassen“ jahrzehntelang überlebensnotwenig war, merkt man mir auch heute oft nichts an oder ich wirke sehr gefasst/normal oder sogar aufgedreht. Mittlerweile kann ich aber dann auf Fragen meist ehrlich antworten. Auch wenn die Antwort allem widerspricht was Sie wahrnehmen/sehen, trifft das Gesagte zu, nicht wie ich wirke.

Daher sind mir Fragen sehr viel lieber als aus Unsicherheit entstandene Verständigungsprobleme und Missverständnisse. Es fällt mir leichter Vertrauen zu fassen und mich auf Dinge einzulassen, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber schon nachfragt wenn was unklar ist und berücksichtigt, dass ich oft anders wirke. Lieber eine Frage zuviel als zu wenig.

Sie sollten außerdem wissen, dass bei Untersuchungen meine Schmerzwahrnehmung stark verzerrt sein kann (nicht muss), da ich dann oft Körpererinnerungen und das aktuelle/reale dann nicht auseinanderhalten kann. Reale Schmerzen nehme ich in der Regel bei Untersuchungen nicht oder sehr stark gedämpft nur wahr.

Für den Fall, dass ich nicht mehr auf Ansprache reagiere, halten Sie sich bitte an die Notfallkarte – dieses Vorgehen hat sich in den letzten Jahren bestens bewährt und erleichtert sowohl Ihnen als auch mir die Situation. Solange ich noch auf Ja-/Nein-Fragen nicken kann, ist alles noch im Rahmen.

Vielen Dank, dass Sie das gelesen haben!

 

Gebrauchsanweisung für Therapeuten oder Klinikaufenthalte in Psychiatrie/Psychosomatik – hier gibt es die Notfallkarte nur mit dem ersten Teil (dem allein lassen):

Hallo,

ich bat darum, dass Sie dies hier vorab lesen, weil dies für alle Beteiligten die Situation erleichtert und beschleunigt.

Sprechen (über mich und mein Befinden) ist meist nur im 1-zu-1 Kontakt möglich.   Mehr Personen führen zu Panik und Erstarren, das sich erst wieder löst, wenn der Auslöser (weitere Person) weg ist. Daher bitte nur 1-zu-1-Kontakte.

 

Bitte auf keinen Fall anfassen! Schon gar nicht wenn angespannte Situation für mich.  Auch laute Geräusche oder schnelle Bewegungen oder das Auffordern zu Bewegung verstärken die Panik.

Einfach in Ruhe und nach Möglichkeit alleine lassen, dann kann ich mich auf Skills konzentrieren und das auch wieder runterregulieren.

Wenn ich auch im 1-zu-1-Kontakt nicht mehr ansprechbar bin, mich bitte für 2 Minuten alleine lassen (wenn das nicht möglich ist, bitte von mir abwenden und was anderes machen – solange ich beobachtet werde, bleibt ein großer Teil in „Hab-Acht-Stellung“ und ich  bekomme es nicht in den Griff.) Wenn ich nicht mehr beobachtet werde, kann ich mich auf die Skills konzentrieren und zu 99% greifen die dann auch in diesen 1-2 Minuten.

Das auch so sagen und dann nach 1-2 Minuten weiter machen.

Da Sprechen in emotionalen Situationen oft sehr schwierig und manchmal auch nicht möglich ist, sollten Sie Fragen stellen,  die mit Ja oder Nein beantwortbar sind. Sollten Sie genauere Antworten brauchen, dann reichen Sie mir bitte ein Blatt Papier und einen Stift.

Schreiben ermöglicht zum einen eine Antwort, die über ein Nicken hinausgehen, zum anderen dient das Schreiben auch als Skill, so dass ich danach wieder mehr im hier und jetzt bin und oft auch Sprechen dann wieder besser möglich ist.

 

Ich kann gut Stopp sagen – das gilt sowohl für Fragen als auch für Untersuchungen – von daher – bitte fragen Sie wenn Ihnen etwas unklar ist (ein Verhalten oder eine Reaktion oder auch eine Ursache) – das antworten erleichtert auch mir die Situation  erheblich (nicht nur Ihnen das Verstehen).

Da „nichts anmerken lassen“ jahrzehntelang überlebensnotwenig war, merkt man mir auch heute oft nichts an oder ich wirke sehr gefasst/normal oder sogar aufgedreht. Mittlerweile kann ich aber dann auf Fragen meist ehrlich antworten. Auch wenn die Antwort allem widerspricht was Sie wahrnehmen/sehen, trifft das Gesagte zu, nicht wie ich wirke.

Aus diesem Grund zählt im Zweifel auch immer das was ich SAGE, nicht wie ich wirke.

Daher sind mir Fragen sehr viel lieber als aus Unsicherheit entstandene Verständigungsprobleme und Missverständnisse. Es fällt mir leichter Vertrauen zu fassen und mich auf Dinge einzulassen, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber schon nachfragt wenn was unklar ist und berücksichtigt, dass ich oft anders wirke. Lieber eine Frage zuviel als zu wenig.

Vielen Dank, dass Sie das gelesen haben.

 

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3 Kommentare zu „Gebrauchsanweisung“

  1. Paula Winter sagt:

    Vielen Dank. Das ist seeehr hilfreich für mich. Ich sollte so was auch dringend anfertigen, fühlte mich aber damit Mega überfordert. Danke. VG Paula

  2. Frau Heller sagt:

    Vielen Dank fürs Teilen. Mir hat das sehr geholfen zu sehen wie Du das machst, weil ich oft in einem diffusen *was sage/mache ich jetzt*? hänge…
    Bei mir steht Physiotherapie an und ich werde mir da 1-2 Sachen merken 🙂 und hoffentlich umsetzen.
    Viele Grüße!

  3. Ani sagt:

    Vielen dank, dass du das mit uns geteilt hast. Werde mir wohl nun auch eine “Gebrauchsanweisung“ anfertigen.

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