Genießen

Vor Zig Jahren gab es eine Einführungsveranstaltung in einer Klinik in der der leitende Arzt irgendwas über Genießen erzählte – dass das ja abhanden gekommen ist und man sich das zurück erobern muss und es eine Art „Gradmesser“ sei, eben ob man genießen könnte oder nicht (ich glaube es ging dabei um Depressionen – aber ich weiß es nicht mehr, ist auch egal).

Hängen blieb damals, dass ich das lernen will/muss und im Laufe der Jahre war das für mich immer wieder Thema: kann ich grade etwas genießen? So wirklich von Herzen?

Damals nicht – da ging es nur um funktionieren und ehrlichgesagt gab es außer Panikattacken kein Gefühl und ich war eh dauerdissoziiert. Mir Gutes tun ging natürlich auch gar nicht – war sogar lange ein Trigger. Das hat viele viele Jahre gebraucht, bis ich das geändert bekommen habe.

Genießen ist für mich auch ein Durchatmen können – in diesem Moment. Von daher wurde es tatsächlich eine Art Gradmesser. Wenn die Kraft und Energie nicht für den Tag reicht, bleibt auch keine dafür etwas zu genießen. Ich kann dann trotzdem schönes sehen oder mir gutes tun oder mich über Kleinigkeiten freuen – aber wirklich genießen eben nicht.

Um so mehr freue ich mich darüber, wenn ich genießen kann. Egal ob es eben nur ein Moment ist oder wie aktuell eine stabile Phase. Ein gut gehen.

Vielleicht weil das genießen auch ein „bei sich sein“ braucht.

Wenn es dann so ist wie aktuell, kann mich das fast euphorisch machen. Die Erinnerung an das Alte, an die dunklen Zeiten sind ja immer noch da, die Flashbacks und Dämonen und Geister – sind immer noch da. Aber zu spüren, dass man damit umgehen kann, ist ein gutes Gefühl.

Wie oft zweifelte ich daran, ob sich was ändern wird, ob Therapie wirklich was bringt – nicht nur ein „irgendwie überleben“, sondern eben auch so, dass Therapie irgendwann nicht mehr so existenziell notwendig ist.

Und wie oft zweifel ich an dem Sinn von allem, ob es das lohnt, das ewige und endlose Kämpfen.

Es sind die Phasen wie jetzt, ein stabil sein, ein gut gehen – und genießen können, die es wert sind. Früher gab es diese Phasen nicht – gar nicht.

Dann tauchten sie ab und an mal auf, aber eher mal 2-3 Tage, nicht viel länger. 2008 gab es dann die erste längere Phase in der es mir gut ging. Das war nach dem Umzug, raus aus der verschimmelten Katastrophenwohnung damals.

Skills griffen automatisch und so viel Ballast fiel ab. All die Kraft, die fürs blanke Überleben drauf gingen, war plötzlich für anderes verfügbar.

Im Laufe der Jahre wurden diese guten Phasen häufiger und länger. Doch die letzten Jahre waren  schwierig – unklar wie es weitergehen wird, ob die nächste Woche noch Therapie (auch Buchbinderei und Co) noch stattfinden können usw. Alles war unklar, ein Damoklesschwert, das über mir schwebte und jederzeit fallen kann.

Das spitzte sich dann im November letzten Jahres sehr zu.

Mir ist durchaus bewusst, dass die Sicherheit, dass es für dieses Jahr geregelt ist, den Boden für diese Stabilität bereitet hat. Ich hab lange gebraucht, bis das ankam bei mir.

All das sehe ich – und ich bin dafür unendlich dankbar, doch steht im Vordergrund für mich tatsächlich das Genießen können.

Selbst die Angsttraining genieße ich irgendwie – ist es sonst eher ein Abarbeiten und danach halb zusammenklappen, kann ich jetzt auch die Erfolge genießen.

Es ist ähnlich wie beim Sport. Muskelkater ist sicher nicht toll, aber ich hab mich darüber immer gefreut, fand das gut, weil es mir gezeigt hat, was ich geschafft hab, dass ich was gemacht habe. Was natürlich nur dann ging, wenn ich nicht vor Schmerz (Gelenke und Co) in die Knie ging. Also wenn noch Spielraum über war.

Der ist auf der psychischen Seite grade da – und so kann ich auch das Schwierige gut meistern und das auch sehen – sehen, dass ich da zwar was tun muss, Schwierigkeiten meistern muss, aber eben auch, dass ich es kann, ohne dass es alle Energie und Kraft aussaugt und für nichts anderes mehr da ist.

Und wenn die Kraft da ist, dann ist es auch interessant zu schauen wo die Grenzen sind, es auch auszutesten oder verschiedenes zu probieren – oder eben auch Dinge anzugehen, für die auch diese Kraft da sein muss.

Im Moment darf es gerne so bleiben.

Klar brauche ich immer noch die Hilfen und Unterstützungen, sind weder die Ängste, noch die Einschränkungen plötzlich weg, aber ich kann besser damit umgehen. Lebe, statt nur irgendwie zu überleben. Kann neu schauen, wo ich genau stehe und welche der bestehenden  Grenzen ich erweitern möchte, an welchen ich arbeiten möchte. Arbeiten kann!

 

 

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