Chaos im Kopf

Die letzten Tage waren nicht schön. Es brauchte nur wenig um mir die Tränen in die Augen zu schießen. Die Überforderung war ständig da. Greifbar.

Die absolute emotionale Erschöpfung .

Und ich verstand es nicht. Es hat sich ja dann doch noch zum Guten gewandt, warum also kann ich mich nicht darüber freuen? Warum bin ich nicht wenigstens erleichtert darüber?

Was ist los mit mir?

Diesmal stimmen die äußeren Umstände. Alle hier sind wirklich bemüht darum, dass es mir gut geht, kommen mir Entgegen und das nicht nur mit Murren und „weil halt einer von oben das gesagt hat), sondern weil sie wollen, dass es mir hilft.

Gestern war das sehr deutlich. Ich bin immer noch im „Überbelegbett“. Das ist ein mulitprofessioneller Arbeitsraum, in den ein Bett gestellt wurde.  Neben Schrank und großen Schreibtisch und Aktenschränken usw.

Anfangs hieß es ja, sobald jemand entlassen würde, würde ich verlegt. Davon ging ich auch aus und das war für mich jetzt auch nicht das Problem.

Gestern also war ich in der  Buchbinderei und erhielt einen Anruf: eine Patientin mit Mehrfachbehinderung sollte aufgenommen werden – zusammen mit einem Elternteil als Pflegeperson, ob es für mich ok wäre, für eine Nacht in ein anderes Zimmer zu gehen.

Als ich dann nachfragte ob es wirklich nur für eine Nacht sei, stellte sich raus, dass die davon ausgingen, dass ich heute entlassen würde. Typischer Kommunikationsfehler. Die Anfrag vom Ersatzthera ob prinzipiell eine Entlassung samstags möglich wäre wurde zu einem „sie geht Samstag“.

Das war ja schnell geklärt. Die Frage änderte sich, ob ich auf die andere Station verlegt werden möchte (deren einziges Einzelzimmer eine Art Kabuff ohne Tageslicht ist) oder eben in ein Doppelzimmer gehen könnte.

Andere Station kam für mich überhaupt nicht in Frage – erstens Tageslicht und zweitens kenne ich hier jetzt die Personen und weiß, dass es auch klappt – ohne Druck usw.

Es wurde auch dazu gesagt, dass sie ja sehen, dass es mir jetzt so langsam ein bisschen besser geht und das nicht gefährden wollten.

Also sagte ich, dass ich das mit dem Doppelzimmer machen würde, aber es mir damit nicht gut ginge. Ehrlichgesagt war es in dem Moment für mich fast undenkbar, was aber eher an der Packerei lag und dass das Gitarre spielen (die hatte ich ja grad am Vortag hier hin bekommen) wieder wegfiele.

Es hieß sie würde das so weitergeben und sie würden das schon regeln.

Nach dem Termin beim Ersatzthera ging ich dann doch erstmal hoch mir Tavor abholen. Ich merkte, dass ich mit der ganzen Situation überhaupt nicht klar kam. Was weder am Doppelzimmer noch sonst was äußerem lag, sondern dass innerlich immer noch alles so zerbrochen ist, dass jede noch so kleine Änderung oder Anforderung einfach nur überfordert.

Oben angekommen sagte mir dann eine vom Pflegepersonal: „Alles gut – Sie bleiben mal schön in Ihrem Zimmer, wir regeln das anders“.

Keiner kann sich diese Erleichterung vorstellen – und diese Dankbarkeit. Nicht nur wegen dieser Situation, sondern weil es hier wirklich so ist – es ist einfach nur ein sehr deutliches Beispiel, dass es hier den Leuten um mich geht, darum, dass es mir besser geht. Soweit das halt im Stationsrahmen möglich ist – aber eben auch dann, wenn es deutlich mehr Aufwand und „rumschieberei“ ist.

Und doch zeigte sich die Erleichterung und Dankbarkeit in einem Zusammmenbruch. Tränen die liefen, Schluchzen dass mich schüttelte und ich bekam nichts davon in den Grifff. Lange.

Die äußeren Umstände sind aktuell also gut für mich. Und dennoch ist innerlich nur Chaos.  Das Funktioniren beschränkt sich auf ein Minimum – Medis und Essen holen.

Wie oft dreh ich um, nur weit 10 Meter weiter vorn beim Stationzimmer jemand sitzt (da ist auch ein Aufenthaltsbreich), weil ich es nicht schaffe an Menschen vorbei zu kommen. Dabei sind die alle nett. Sprechen mich auch nicht an oder so.

In den letzten Jahren war nie klar, ob in der Folgewoche noch Therapietermine stattfinden könnten oder von jetzt auf gleich alles wegfällt.

Das hatte natürlich zur Folge, dass viele Themen, die eigentlich dringend besprochen/geklärt werden mussten, nicht aufgegriffen wurden – weil klar  war, dafür brauchen wir mehr Zeit.

Als dann der Gerichtstermin feststand  – war schicht – nichts ging mehr. Gar nichts. Das einzige was mölgich war, war die Gegenwart komplett rauszunehmen und an etwas zu Arbeiten was klar im Vergangenen ist – ohne Bezug zum heute.

Aber so sammelten sich die schwierigeren, heftigeren und umfangreicheren Themen immer mehr an.

Und jetzt ist es – als wäre dadurch, dass die Fahrtkosten jetzt auch mal für länger geklärt sind – ein Platz vorne frei – und alle schreien und toben und schubsen und versuchen diese Stelle einzunehmen. Gehör zu finden – endlich auch mal dran sein zu dürfen.

Für mich ist nur dieses Toben und das Getöse merkbar – die Überempfindlichkeit, die Überforderung, diese absolute Erschöpfung.

Wenn was anders läuft (und das muss nicht schlecht sein!) – Tränen

Wenn jemand nett ist – Tränen.

Merken, dass morgens die Zahnbürste nicht aufgeladen ist – Zusammenbruch.

Es ist völlig egal – selbst die einachen Sachen – scheinen unschaffbar und sind es leider oft auch.

Es ist nicht ein wackeliger Boden unter mir, sondern immer noch gar keiner. Ich versuche auf Brocken zu stehen – wie kleine Eisschollen auf dem Meer – das mal mehr, mal weniger tobt. Versuche eine Ebene zu schaffen, auf der wenigstens Stehen klappen.

Aber es gibt noch eine andere Seite.

Ja die äußeren Umstände sind grad gut. Die Fahrten geklärt. Aber ich hab Angst mich darauf einzulassen.

Wie oft schon war es so, dass äußere Umstände (meist einfach nur Formalitäten) wieder alles umstießen. Knüppel zwischen die Beine, Boden weggezogen, so viel vom  Erreichten wieder kaputt machten.

Aber auch: so oft, dass durch Äußere Umstände innerlich alles zerbrach – wir wieder Monate brauchten um wenigstens die Bruchstücke wieder zusammenzufügen – jedesmal mit mehr Lücken, weil immer weniger zu finden waren oder sie teilweise halt nur noch Sand zu sein schienen, der nicht zuordenbar war.

Jedesmal so viel Arbeit und Kraft und Hoffnung, dass es diesmal das letzte Mal ist. Es nicht wieder so schlimm wird.

Und jedesmal kam der Vorschlaghammer, der einfach nur drauf kloppte und alles wieder zerbröselte.

Wozu also wieder anfangen? Wozu es probieren – denn es ist ja eh nicht klar, ob noch genug nutzbare Bruchstücke da sind. Wozu wieder so undenlich viel Kraft in etwas investeieren, was dann von außen doch wieder  zerschlagen wird.

Wie oft denn noch?

Ich kann nicht mehr. Von mir ist einfach nichts mehr über – und wenn doch – hab ich nicht die geringste Ahnung wo das Zeug sein soll.

Ich bin eine Hülle, versuche zu funktionieren und weiß doch nicht wofür.

Merke, dass Suizidalität immer noch ein Thema ist. Großes Thema – und verstehe es nicht.

Es ist doch jetzt gut – warum also immer noch dieses „ich kann/will nicht mehr“. Das Gefühl, dass es diesmal halt zu viel war – ich so kaputt bin, dass da nicht mehr groß was kittbar ist.

Statt näher bei mir mir, rutsche ich immer weiter in die Dissoziation – und auch ins Gefühl – ich spüre die Tränen ständig im mir, aber ich spüre nicht die geringste Erleichterung, wenn die mal raus dürfen.

Und es vergeht kein Tag ohne „Zusammenbruch“ – ohne dass ich dann stundenlang in der Ecke sitze, Decke über den Kopf und einfach nur heule und die Tränen und das Schluchzen nicht in den Griff kriege. Schlicht nicht mehr kann – nicht mehr funktionieren kann, nicht mehr kontrollieren kann – nichts.

Doch statt Erleichterung spüre ich die Tränen wie Säure über die Wangen laufen und die, die nicht den Weg nach draußen finden, verätzen halt innen.

Mir ist klar, dass es jetzt dringend therapeutische Aufarbeitung braucht. Ein Sortieren der Themen, die toben, ein Benennen und dann eins nach dem anderen – angehen. Dass ich da die professionelle Hilfe meines Theras brauche.

Denn hier in der Klinik findet kein therapeutisches Arbeiten statt. Hier geht es erstmal um Stabilisierung, etwas zur Ruhe kommen und im Idealfall wenigstens so viel Kraft auftanken, dass ich dann ambulant diese therapeutische Arbeit hinbekomme.

Aber eigentlich geht es immer noch darum Gefahr abzuwenden. Konkrete Gefahr. Suizidgedanken, die eben vielleicht nicht nur Gedanken bleiben. Weil vor lauter Überforderung und Erschöpfung kein anderer Ausweg sinnvoll scheint.

Daran arbeiten wir. Es soll ein Weiter geben. Pläne entstehen, wie wir das hinkriegen könnten.

Denn das Hilfsnetzwerk ist immer noch da – immer noch bereit, mich dabei zu unterstützen und mich – wie aktuell – eben auch ein Stück des Wegens stützen, wenn alleine laufen nicht geht. Wobei – wir sind wohl eher noch beim Helfen aufzustehen.

Ich bin so müde. Nicht körperlich, das ist ok, aber innerlich bin ich so müde, dass ich es kaum schaffe die Augen auf zu machen. Geschweige denn mich auch noch umzusehen.

Und ich höre (und weiß auch dass das stimmt), dass ich nur Zeit brauche – Zeit und Geduld.

Das ist sicher richtig, aber es fehlt noch etwas dazu: die Entscheidung für ein weiter, für einen weiteren Versuch. Und ganz ehrlich – ich weiß nicht ob ich das kann. Und ich bin mir ehrlichgesagt auch nicht sicher, ob ich das will.

Wenn alle Kraft dafür verwandt wird nur zu atmen und den Tag irgendwie zu überstehen, ist es schwer sich Aktionen für den nächsten Tag oder die Zukunft zu überlegen.

Bevor es um wollen oder können gehen kann, muss ich erstmal wieder stehen können. Also ist das grad mein Job. Daran arbeite ich. Jetzt und hier.

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2 Antworten auf Chaos im Kopf

  1. Anja Schienbein sagt:

    Hi,
    Ich lese jeden deiner berichte..bin immer sehr begeistert von deiner inneren stärke.
    Momentan bin ich auch (wieder mal) in einer klinik…kann dir gut nachfühlen, denn ich bin auch gerade an einem punkt,wo einfach die kraft zum kämpfen fehlt. Aber denk darann du bist nicht allein. Ich sende dir viel mut und kraft den kampf aufzunehmen.

  2. stahldame sagt:

    Puh, ich weiß nicht, was ich dir schreiben soll, will aber auch nicht einfach so wieder wegklicken.
    Ich wünsche dir Klarheit und dann hoffentlich auch wieder etwas mehr innere Ruhe.

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