Zustände

Es gibt Zustände, die finde ich grade interessant. Durch das Dauerdissoziieren und „von außen zuschauen“ entdecke ich da einiges, was mir nicht bewusst war.

Da gibt es diesen fast überdrehten „jetzt ist eh schon alles egal“-Modus – wenn alles zuviel, aber eigentlich zum Funktionieren keine Alternative besteht – weil halt in der Öffentlichkeit oder zumindest irgendwo, wo es jemand mitkriegen könnte. Teilweise völlig überdreht schaffe ich da auch Dinge, die eben eigentlich nicht gehen, weil sie überfordern. Aber ich bin dann ja schon überfordert und dann – ist es eben eh schon egal.

Das Ende kommt plötzlich – als wäre von jetzt auf gleich die Luft raus. Zuhause, alleine und eben nicht mehr um jeden Preis funktionieren müssend, ist da plötzlich nur noch Schwere, Müdigkeit und Ausgelaugt sein. Oft mit Tränen der Überforderung – hinter den Augen, denn selbst das wäre grad zu viel.

Teilweise mit richtig zusammeklappen, grad noch die Haustür hinter mir zumachen können und dann auf den Boden sinken – weil nur noch irgendwie sitzen geht. Oft reicht es nicht mal mehr dafür wenigstens noch die Jacke auszuziehen oder den Rucksack abzulegen.

Die Erholungsphasen sind lang. Brauchen mehrere Stunden, in der Regel fast den restlichen Tag wenn es vormittags ist oder eben auch noch die Nacht, wenn es nachmittags war.

Jegliche Anforderung, die dann noch kommt – löst Verzweiflung und Tränen der Überforderung aus. Da ist schlicht keine Kraft und Energie mehr da.

Dann gibt es das „Funktionieren“ – das ähnlich ist, aber nicht ganz so überdreht und bei dem noch klar ist: Grenze erreicht, schau zu, dass du nach Hause kommst und Ruhe einkehrt. Es ist eine  Vorstufe vom ersten – denn wenn ich dann eben nicht schaffe für mich zu sorgen – kippt es ins „jetzt ist es eh schon egal“.

Wenn ich es jedoch schaffe da rechtzeitig für mich zu sorgen, geht es. Dann schaff ich zwar auch zu Hause nichts mehr, aber ich brech nicht in Tränen aus, nur weil ich zum Glas greifen will, da ich Durst hab. Ich kann mich zu Hause soweit versorgen, muss aber schon Prioritäten setzen.

Es gibt auch eine Form, von der ich zwar wusste, dass es sie gibt, aber ihr eigentlich nie wirklich Beachtung geschenkt hab. Es ist ein Mittelding. In der Regel wenn ich Kontakt mit Leuten habe, bei denen ich nicht funktionieren „muss“ – beim Therapeuten, Homöopathen, Ersatzthera, Buchbinderei, aber auch bei MissMutig.

Da höre ich mich Fragen beantworten, die sich auf mein Befinden beziehen und stelle mit Erstaunen fest: die hat recht – so ist es. Nur dass mir das nicht bewusst war oder ich es gar „formulieren hätte können“ – das kann ich wohl nur in diesem Zustand. Als wäre das dann eher ein Beobachter, der eben nicht nur das außen sieht, sondern auch die Zusammenhänge mit dem innen. Anders als der, der von außen zuschaut, ist er aber auch involviert irgendwie – auch sehr viel reflektierter.

Dies von außen zu beobachten war für mich echt interessant. Mir war zwar klar, dass ich bei best. Leute rede ohne vorher groß zu zensieren – aber mir war nie klar, wie umfassend das ist – oder auch wie reflektiert und auch klar.

Ehrlichgesagt hab ich das bisher immer eher dem aktuellen Dauerzustand – dem von außen zusehen – zugeschrieben. Der hat damit aber gar nichts zu tun – es ist ganz klar was anderes.

Es ist aktuell ja so, dass ich immer wieder mal weiter weg rutsche – bis hin, dass mir dann die Zeit komplett fehlt und auch nicht rekonstruierbar für mich ist – oder wieder etwas näher ran (bis zum von außen zuschauen).

Das ist nur in sehr sehr kleinem Umfang steuerbar – hauptsächlich durch Skills. Manchmal merk ich auch erst durch die Skills, dass ich wieder sehr sehr weit weg bin.

Es fühlt sich an, als wäre der Körper in einer Blase. Um die Blase herum ist Nebel, der aber von der Konsistenz eher wie Gel oder zähflüssiger Schleim ist oder so. Die Welt, die Umgebung, manchmal selbst meine Arme – sind eben außerhalb dieser Blase und des „Nebels“.

Alles kommt nur sehr gedämpft an – alle Reize, was ich höre, sehe, spüre – ist einfach nur gedämpft. Dafür hör ich den Bass vom Nachbarn, den ich mehr spüre als höre – bis ins innerste. Er erschüttert alles und tut fast körperlich weh. Wenn ich grad aus dem „jetzt ist eh schon alles egal“-Modus zusammenklappe, sind auch Geräusche dann laut – nicht klar, immer noch als würde man sie durch Wasser hören oder so – aber die Vibration, die Schallwellen – passen nicht zum Rest und kommen durch – so sehr, dass es unangenehm – ja fast schmerzhaft wird.

Da helfen dann nur Ohrstöpsel – oder interessanterweise auch Kopfhörer und bestimmte Musik.

Dieses von außen zuschauen ist mir sehr vertraut. Ich lebte Jahrzehnte damit, ohne zu wissen, dass das nicht normal ist – ich kannte es nicht anders. Dennoch ist es in den letzten Jahren selten  geworden – zumindest als Dauerzustand.

Ich sehe mich von oben – als schwebe ich unter der Decke und sehe auf mich herunter, wie ich da unten sitze und hier in die Tasten tippe. Dabei fühl ich mich nicht „schwebend“ oder so – es ist nur der Blickwinkel. Es ist ein beobachten, ich beobachte da eine fremde Person, die ich zwar kenne, aber mit der ich keine Verbindung habe.

Vielleicht ist das der Hauptunterschied zu diesem Beobachter, der Vertrauten gegenüber erklärt was grad los ist, wie es geht oder nicht geht und was schwierig ist oder eben nicht. Der ist nah dran, der ist auch nicht so extrem getrennt, aber der, der von außen zuschaut – ist fremd. Er beobachtet eine Fremde, manchmal erstaunt über das was sie tut oder sagt oder macht, aber sehr unbeteiligt. Auch könnte er keine Frage beantworten oder erklären. Es ist ein zusehen und auch nicht wirklich steuern können. Steuern geht nur die Entfernung von dieser Person sozusagen. Es ist schwer zu erklären.

Natürlich gibt es die Verzweiflungszustände – die brauch ich glaub ich auch nicht zu erklären.

Und es gibt die Flashbacks – auch die fühlen sich anders an. In solchen „Zuständen“ sind sie aufgeteilter. Sonst sind da Bilder, Köpererinnerungen (man fühlt es so als würde es grad in diesem Moment passieren), Gefühle – und Skills. Skills, die mich wieder rausholen, die Gott sei Dank – automatisch starten.

Wenn ich eh schon dauerdissoziiert bin, ist es ein bisschen anders – das Bild, der Auslöser ist nur für eine Sekunde da – über bleibt die Körperreaktion. Noch nicht mal das Fühlen oft, aber das Erstarren, die Anspannung, durchaus auch Körpererinnerungen, die aber eine best. Körperhaltung wieder geben – weniger den Schmerz oder so – es ist mehr die – Haltung. Und eben das Erstarren, die Angst, die sich mehr körperlich zeigt und weniger „gefühlt“ wird.

Da es sich mehr körperlich zeigt, ist es auch schwieriger das in Griff zu kriegen.

Generell zeigen sich in solchen Zeiten Gefühle mehr am Körper. Erstarren, hohe Anspannung, Übelkeit bis hin zu Erbrechen, wobei die Grenze fließend ist, ob es eben wirklich um Gefühle geht oder körperlich übernommen. Schmerzen nehme ich erst war, wenn eben sich zusätzliche Symptome wie Übelkeit, Sterne vor Augen, Erbrechen usw zeigen. Entsprechend mach ich natürlich auch zu viel, löse dabei gern einen Fibroschub auf und spätestens jetzt ist Psyche und Körper in so einem Knäuel verwickelt, dass ich das auch nicht mehr auseinander sortiert bekomme.

Auch die Nebennierenschwäche merke ich – ich muss häufiger Cortison nachnehmen, merke es dann natürlich auch erst sehr spät (wenn halt schwallartiges Erbrechen und Durchfall auftreten), brauche dennoch länger um das dann auch wirklich darauf zu schieben und Cortison nach zu nehmen.

Denn auch hier fall ich in alte Muster: ALLES ist erstmal nur psychisch, nur wegen dem „zuviel“ und ich muss ja nur Ruhe geben. Leider ist eben nicht alles nur psychisch. Das krieg ich sonst auch gut auseinander dividiert, da die Symptomatik sich schon auch deutlich unterscheidet – aber dazu muss ich sie eben auch wahrnehmen. Was durch diese Blase und Nebel ja kaum gegeben/möglich ist.

 

 

 

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