ein knapper Monat

Mittwochs ist mein voller Tag – da sind mehrere Termine, die – um es fahrt- und begleitungstechnisch organisiert zu kriegen – eben auch mit Pausen außer Haus ablaufen.

Entsprechend alle bin ich dann, wenn ich nach Hause komme.

Gestern hab ich noch in den Briefkasten geschaut und ab da war es dann schwierig (um das mal Milde auszudrücken). Denn darin war ein Brief vom Sozialgericht.

Allein ihn zu sehen hat schon gereicht, dass ich es nur noch mit viel Mühe  in die Wohnung schaffte. Dort dann erstmal zusammengeklappt. Irgendwann war ich so weit, den Brief zu öffnen (nachdem ich schon mit dem Betreuer telefoniert hab) – es ist eine Vorladung.

Und ich drehte durch. Um wenigstens das Nötigste hinzukriegen (Ersatzthera und gesetzlichen Betreuer informieren) hab ich erstmal sämtliche Notfallmittel inhaliert. Danach ging es nur noch darum irgendwie den restlichen Tag und die Nacht zu überstehen.

Da so abgeschossen ein Betreuungstermin keinen Sinn gemacht hätte, hab ich dem ambulanten Betreuer abgesagt – vor allem, weil mir klar war, dass ich ihm die Tür nicht aufmachen könnte – es ging einfach nichts mehr.

Der Anwalt wusste schon bescheid und war auch schon dran. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich da wirklich hin muss, zumal ja in allen schon eingereichten Artzbriefen drin steht, dass das nicht geht.

Trotzdem bleibt die Angst.

Dazu kommt der ganze Rattenschwanz, der da mitkommt: es gibt einen Termin, in dem – sehr wahrscheinlich – eine Entscheidung fallen wird. Ich hab aktuell ja schon arg mit zu kämpfen, dass das grade auch beim MDK liegt und natürlich ist es gut, wenn endlich mal eine Entscheidung vom Gericht fällt – aber sollte ein ablehnendes Urteil kommen – bekomme ich nicht erst zum 1.1. ein Problem, sondern entsprechend schon früher.

Dazu kommt, dass durch die MDK-Sache, da grad eh alles hochkocht und ich sehr schlecht mit umgehen kann – das hat sich deutlich verschärft.

Schon seit es um den MDK geht, merke ich, dass ich altes und aktuelles schwer getrennt kriege. Die Angst ist sehr ähnlich:  irgendjemand wird etwas entscheiden, was mein Leben drastisch verändern wird. Es wird dadurch fremdbestimmt.

Auch wenn es früher um was anderes ging, ist es dennoch etwas, was darüber entscheiden wird, wie es in Zukunft weiter gehen wird.

Es gibt einen Grund, warum wir das beantragt haben – wir haben alle anderen Optionen ausgeschöpft.

Ich bekomme es nicht getrennt. Diese existenzielle (Todes-)Angst von damals und die ebenfalls existenzielle Angst vor der Entscheidung heute – für mich ist es eins und oft weiß ich nicht, wo ich bin – im damals oder im heute.

Dazu die Gerichtssache – es gab in meiner späten Jugendzeit eine traumatische Situation mit einem Gericht. Ich rutsche ständig in Flashbacks und Co – und nein – ich bekomme es leider nicht getrennt. Denn es ist für mich auch heute eben wieder – existenziell.

Das ist kaum aushaltbar. Mit etwas Glück bin ich weit weg, dauerdissoziiert und schaffe es mich irgendwie abzulenken. Wir versuchen das (so paradox das auch klingt) auch medikamentös zu unterstützen.

Natürlich stand auch im Raum stationär zu gehen. Aber zum einen ist es nicht möglich da einen Monat zu bleiben (also von der Klinik her) und zum anderen bin ich alles andere als stabil genug für einen stationären Akutaufenthalt (inkl. damit verbundener Mehrbettzimmer, Gruppenaktivitäten und „möglichst schnell raus“-Mentalität der Akutstationen).

Eventuell werde ich kurz vor/zum Gerichtstermin stationär gehen. Doch das werden wir – diese Entscheidung kann ich nicht alleine treffen – dann entscheiden, wenn es so weit ist.

Im Moment haben wir die Medis massiv nach oben gefahren und das eine oder andere Bedarfsmedikament als Festmedikation eingesetzt. Damit hoffen wir, die Zeit einigermaßen hin zu bekommen.

Der Anwalt ist dran, dass meine Vorladung gegenstandslos wird – er ist sich auch sehr sicher, dass das durch geht, ehrlichgesagt meinte er, dass da wohl jemand nicht einen Blick in die Akte geworfen haben kann, denn das wurde ja schon mehrfach klar gemacht, dass sowas für mich nicht geht.

Diese Angst – also dass ich da hin muss – ist tatsächlich seit gestern deutlich weniger geworden – einfach aufgrund der Tatsache, dass es für mich gar nicht umsetzbar ist. Es geht also nicht darum wie ich das schaffen soll da teilzunehmen, weil es schon im Vorfeld scheitert. Das ist auch mit Begleitung völlig undenkbar.

Aber der Rest bleibt. Inklusive halt auch, dass damit die Fahrtkosten nicht bis Ende Dezember, sondern eben auch nur bis zum Gerichtstermin gesichert sind – also noch einen knappen Monat.

Aktuell bin ich dank Medis irgendwie wie in Watte gepackt. Alles weit weg, ein mir von außen zuschauen, der Versuch alles auf Sparflamme runter zu fahren – keine stressigen Termine, schauen dass die Daueranspannung (die im Körper immer noch da ist) runterfährt und der Körper nicht mehr so massiv reagieren muss.

Nachher gibt es noch ein Telefonat mit meinem Arzt, in dem es nochmal um die Medikation gehen wird. Eher ein schauen ob die erstmal so bleiben soll oder was angepasst werden muss.  Schon gestern war klar, dass das Abhängigkeitspotential des einen oder anderen Medikamentes für den kommenden Monat wohl eher das kleinere Problem ist. Erstmal geht es nicht mal um diesen Monat, sondern einfach nur Tag für Tag. Kleine Schritte. Irgendwie überleben.

Ich bin froh, dass ich da ein Hilfsnetzwerk habe, Leute, auch fachliche!, bei denen ich mich melden kann, dass ich einen Arzt habe, der dann auch mit den Medis nicht geizt und das auch pragmatisch sieht, Therapeuten, die das durchaus auch unterstützen und Leute, die sich da jetzt auch mit dem Gericht auseinander setzen und für mich einsetzen.

Ohne würde ich das grad alles nicht überstehen, ich bin schon genug damit beschäftigt, mich von Blödsinn abzuhalten (und damit mein ich nicht mal Suizidalität in erster Linie, sondern destruktive Verhaltensweisen, wie selbstverletzendes Verhalten usw). Dank der Hilfe und Unterstützung kann ich mich aber eben auch darauf konzentrieren – und es hoffentlich auch weiterhin hinbekommen.

 

 

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