Klinik Tag 39

Ich ärgere mich etwas über mich selbst.

Heute nach dem Frühstück wollte ich mit einer Mitpatientin zu Netto laufen. Mittlerweile schaffe ich diese Strecke – zwar grenzwertig, aber machbar.

Für mich ging es zum einen um die Strecke und zum anderen verband ich das mit Angsttraining – denn sowohl so eine Strecke mit einer Mitpatientin zu laufen als auch das Einkaufen vor Ort ist Angsttraining. Wobei ehrlichgesagt die Strecke gut lief –  ich mag die Mitpatientin und wir haben uns nett unterhalten – damit fiel es für mich dann auch wieder raus. Ursprünglich dachte ich, dass noch jemand mitkäme – aber so zu zweit war es dann tatsächlich ohne Angst möglich.

Dafür ist der Einkauf dann doch schwieriger – Netto, viele Leute, ich weiß nicht wo die Sachen stehen, bekam das was ich eigentlich wollte (Cola Zero) auch nicht usw. Da es auch für die Mitpatientin Angsttraining war, merkte ich auch, dass es immer wieder ins Funktionieren zu kippen drohte. Es war ok, aber zeigte auch, dass ich das mit dem Einkaufen erstmal lieber alleine machen sollte.

Wir liefen wieder zurück, mir fiel dann hier ein, dass ich doch einen Donut mitnehmen wollte, aber es war für mich so ok.

Nach dem Mittagessen lief es erst auch ok – und dann – ich weiß nicht genau. Mir war vielleicht langweilig oder zu heiß oder was auch immer – es war das Gefühl raus zu müssen.

Erst überlegte ich nochmal zu Netto zu laufen (diesmal als Nordic Walking Strecke), aber das wäre jetzt doch etwas übertrieben und so dachte ich – ich geh runter zu Konsum und schau ob ich da was in der Art kriege. Durchaus mit Ziel nochmal Angsttraining zu machen – vielleicht weil mir das heut Vormittag nicht „gut genug“ war – keine Ahnung.

Tja im Konsum kippte es – das merkte ich auch – ich fand nichts und so ohne was zu kaufen wieder raus gehen ist schwierig. Trotzdem bin ich dann raus und bildete mir ein, genau jetzt doch das mit der Straßenbahn als Angsttraining machen zu können.

Ich verstehe noch nicht so wirklich warum ich bei Angsttrainings fast immer die Grenze nicht finde – also das danach aufhören. Warum es erst dann „genug“ ist, wenn es halt echt so eindeutig zu viel ist, dass das eigentlich mehr zu selbstschädigendem Verhalten zählt als zu Angsttraining.

Da stand ich nun an der Haltestelle, kaufte eine Vierer-Karte für Kurzstrecken und stieg in die nächste Bahn. Auf der einen Seite nahm ich die Panik wahr, das Herzrasen und kaum Luft kriegen, auf der anderen aber auch das wie automatisch einsteigen, Karte entwerten und hinsetzen. Die Angst konnte ich nur am Körper ablesen, wahrgenommen hab ich sie nicht mehr.

Im Kopf war ein: ach wenn du das jetzt doch eh schon so machst, kannst auch gleich noch einen Einkauf bei Rewe mit dazunehmen. Nicht weil ich was brauchte oder wollte – sondern ebne auch ein: nutz die Gelegenheit doch gleich fürs nächste Angsttraining.

Jetzt im nachhinein ist mir klar wie bescheuert das ist, wie so meilenweit weg von konstruktivem Angsttraining, aber in der Situation schien es irgendwie nur logisch. Nicht mal als gute oder schlechte Idee, sondern einfach nur logische Fortsetzung.

Irgendwann war ich wieder da – völlig ausgelaugt und alle – und fragte mich, was das grad war. Was das grad sollte. Warum das immer so kippt – wobei immer nicht stimmt – es ist oft – und grade aktuell im Kliniksetting tatsächlich immer.

Was ist beim Angsttraining für mich dieses „genug“, wann muss ich nicht mehr weitermachen, warum ist das aktuell immer nur wenn es eben schon klar gekippt ist.

Mich macht das auch sauer auf mich. Ich schaffe es mittlerweile, dass es nicht mehr oft in ein Niedermachen/Versagen usw rutscht. Aber – ja – sauer macht es mich. Weil ich es besser weiß und mich wirklich frage – wo ist der Punkt, an dem ich das einfach mal stehen lassen kann.

Wie auch immer – vielleicht geht es hier für mich tatsächlich weniger um die einzelnen Angsttraining, sondern allgemeiner darum – hier eine Grenze zu finden, die nicht erst im völlig überfordern liegt.  Ohne dass es irgendwie klare Absprachen gibt mit „nur ein Angsttraining am Tag“ oder so – das hatten wir damals ja ambulant gemacht – wobei da noch zusätzlich ein „maximal 3x die Woche“ vereinbart war. Eben weil ich da irgendwie kein Ende fand.

Vielleicht ist das auch ein Thema, dass ich mit der Vertretung anschauen kann. Denn auch im Nachhinein finde ich nicht den Punkt, an dem es in die falsche Richtung ging. Oder den, an dem ich eben wirklich die Grenze erreicht hab.

Danach hab ich nicht viel gemacht. Die aktuellen Folgen von The Fosters geschaut (da sind ja grad die neuen der Staffel 3 raus), mich um eine größere Tasche gekümmert für hier (irgendwie hatte ich nur kleine Taschen im Sinn, aber hier brauch ich tatsächlich für die Termine größere und meine selbstgefilzte Tasche wird das nicht mehr lange so aushalten, das sie eben auch arg knapp ist und mittlerweile ziemlich ausgebeult ist. Die Suche nach so einer Beuteltasche, die auch noch gefällt und bezahlbar ist, ist schon länger, aber heute hab ich mich endlich auch entschieden.

Dann kamen ein paar Testprodukte an, da muss ich noch Fotos machen, getestet sind sie mittlerweile.

Heute werde ich nur noch gleich zum Abendessen gehen und danach noch etwas fern sehen. Zum Lesen bin ich zu müde.

Es war kein schlechter Tag – insgesamt. Es war nur deutlich, dass da beim Angsttraining irgendwie kein Stopp für mich zu finden ist. Und da ich das hier ja eigenständig machen soll, muss ich hier ein Stopp finden. Das ist wichtiger als die Angsttrainings an sich.

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