Klinik Tag 15 – Reissleine ziehen

Vermutlich war sowohl die gestrige Situation als auch mein heutiges Verhalten nötig, damit ich merke, dass ich mehr dringend die Reissleine ziehen muss.

Gemerkt hab ich schon die letzte Woche, dass ich zunehmend an Stabilität verliere, im Prinzip permanent mit Skills beschäftigt bin und zunehmend dazu neige mich noch zusätzlich zu übernehmen – immer ein Zeichen, dass was schief läuft.

Wirklich erkannt hab ich es erst heute, als ich im Einzel saß, die Therapeutin mir grade erzählte wie die Morgenrunde läuft und ob ich nicht mal überlegen wollte, ob ich das ausprobieren möchte (und das läuft mit Gruppenaktivität – und völlig unplanbar, weil das immer ein Patient gestaltet – von daher sowas von nicht mal denkbar aktuell) und mir nur die Tränen in die Augen stiegen – die natürlich nur bis zu den innerne Teilen der Augen gingen – bloss nichts anmerken lassen. Also saß ich lächelnd da und sagte – nichts. Kippte ins Funktionieren.

Ich hörte mich später noch sagen, dass ich ja jetzt gebeten hätte beim Freien Sport angemeldet zu werden (heute in der Physio erfahren, dass das dann eben frei einteilbar ist und ich dachte halt, dann könnte ich ja mal schauen wenn wenig bis keiner da ist usw – und so könnte ich wenigstens was anbieten hier – das ginge ja auch mit Kopfhörer usw) und das probieren möchte – jepp – totales Funktionieren nach außen – am besten bei der Grenze noch mal nachtreten und dann weitergehen.

Wieder im Zimmer war nur noch Verzweiflung. Über mich selbst. Ich glaub da kam das erste mal ein „was mache ich hier eigentlich grad“.

In den nächsten Stunden gärte es, ich überlegte abzubrechen – ernsthaft abzubrechen und am Abend saß ich wieder völlig verzweifelt und aufgelöst im Zimmer – mir überlegend, wie ich morgen der Therapeutin sage, dass ich das hier beende. Und zwar sofort. Dass es keinen Sinn hat und ich das eh nicht gebacken krieg. Dass die Anforderungen leider zu hoch sind.

Erst da glaub ich hat es wirklich Klick gemacht. Heute früh hab ich noch eine mail an meinen Ersatzthera geschrieben, dass es zwar schwierig ist, aber ok, dass die hier schon wissen was sie tun usw.  Was war also passiert?

Ich verstand mich nicht mehr – und so geht es schon seit ner ganzen Weile – das fing Mitte letzte Woche an.

Puzzlestücke fügten sich zusammen – für mich noch nicht wirklich formulierbar in dem Moment – aber eines war klar: ich muss die Reissleine ziehen – und zwar SOFORT!/v

Grade eben hab ich einen Brief abgegeben. Weil ich das nie gesagt bekommen würde. Mit der Bitte, dass er der Therapeutin übergeben wird (nicht nur ins Fach!) und sie ihn dann zum Termin lesen kann – gerne auch im Termin.

Darin steht, dass es für mich grad schief läuft, ich (sehr viel!) Stabiltät verliere/verloren habe und wir noch nicht mal an den Dingen arbeiten, die hier als Ziel vereinbart sind. Wir schaffen ja nicht mal Basics (wir haben beim Lebensfluss, den andere nach 2 Wochen durch haben, grade mal das 1. Lebensjahr geschafft – wow), weil die Einzeltermine für Gruppen drauf gehen. Überlegungen welche vielleicht doch ginge oder versucht werden sollen oder eben Verhaltensanalysen, weil es in/nach einer Gruppe eskaliert ist.  Der Frust stieg und in den letzten Tagen auch das Gefühl, dass es mir immer schlechter geht und zwar für – nichts. Ich nehm aus den Gruppenversuchen aktuell nichts mit – außer Frust und Panik und Destabilisierung.

Sämtliche Kraft geht für irgendwelche Gruppenversuche drauf und dafür mich irgendwie wieder runter zu fahren. Nicht nur mal am Tag – sondern eigentlich  fast permanent.

Dabei war das im Vorfeld und auch von Anfang an klar, dass das nicht geht (und nicht „nur“ schwierig ist“) und auch NICHT Ziel beim jetzigen Aufenthalt ist. Das wurde auch von hier so unterschrieben.

Es geht nicht mal um ein „muss“ – aber halt ständig „versuchen“ usw. Für mich ist das dann ein „muss“.  Termin ist Termin.

Ich bin ständig damit beschäftigt mich runter zu regulieren und halbwegs im steuerbaren Funktionieren zu halten.

Speisesaal und Visite sind klar – da komm ich auch nicht aus. Dass letzteres mir seit über einer Woche tägliche Alpträume beschert – ist halt so. Erstere kostet so unglaublich viel Kraft, dass ich direkt danach mindestens ein bis zwei Stunden erstmal nur Ruhe brauche – bis ich wieder stabil unten bin.

Den Versuch mit der Ergo-Gruppe hab ich auch zugesagt – unter der Bedingung, dass vorher im Einzel mit der Ergotherapeutin ein paar Sachen geklärt werden können (wo finde ich was, was kann ich machen, welche Signale vereinbaren wir, dass ich NICHT angesprochen werde usw). Da warte ich noch aufs Einzel – vorher gibt es von meiner Seite auch keinen Gruppenversuch mehr – das ist auch so abgesprochen.

Diese Sportsache hab ich selbst verbockt. Druck von der Ärztin und eben auch sonst „wenigstens zu versuchen“ und irgendwie wohl auch ein „gefallen wollen“ – und da kann ich halt mit Musik auf den Ohren usw – eigentlich ist das zuviel und grade weil auch Körper – problematisch. Aber auch da lass ich mich von mir aus drauf ein, sehe es eher als Übungsfeld die Grenze auch zu wahren.

Aber mehr nicht. Es geht nicht. Ich dreh am Rad und sitze dazwischen verzweifelt und völlig überfordert im Zimmer – mache meine Skills, damit ich dann zur nächsten Gruppe „irgendwie funktioniere“ – die Kraft ist vor dem Tag alle und unter diesen Bedingungen ist ein Arbeiten an meinen Zielen nicht möglich. Im Gegenteil – im Moment geht  es klar in die falsche Richtung.

Der Grund: die Verzweiflung kriegt keiner zu sehen. Ich funktioniere, lächle, sage zwar, es ist zuviel – aber ich machs ja. Schlage dann sogar noch selbst was vor. Kein Wunder, dass dann von deren Seite Vorschläge kommen. Sie sehen ja nicht, was allein der Vorschlag schon auslöst – da muss ich mir das noch gar nicht vorstellen.

Das Problem liegt hier ganz klar bei mir und nicht an der Klinik. Das kann ich sehen, aber das bedeutet leider noch lange nicht, dass ich es auch gelöst kriege.

Und kompensiere mit viel zu viel Sport – weil der Schmerz ablenkt. Eine andere – und ungute – Art von Selbstverletzung – die einfach nur „versteckter“ abläuft – und als Dicke kann man das noch mehr verstecken – denn da ist viel Sport ja gut, wird eher noch gefördert usw. Das Doofe ist – in dem Moment nehm ich den Schmerz nicht wahr – da hilft er nicht – auch nicht zum regulieren. Aber dann sitz ich und schreibe oder versuche aufzustehen – und komm kaum hoch und mir wird übel vor Schmerz.  Auch hier – mehr als nur deutlich, dass was schief läuft.

Gesagt krieg ich es nicht – ich weiß nicht, ob da schon mit reinspielt, dass es eine Frau ist. Ich glaube schon – das nichts anmerken lassen, ist bei Frauen deutlich mehr noch als bei Männern – aber auch da kann ich es ja nicht. Und in Kliniken ist das generell nochmal schwieriger, da war das „taff sein“ auch von der medizinischen Seite her ja notwendig.

Als ich dann wieder innerlich in Tränen ertrinkend im Zimmer saß, war klar: so geht es nicht weiter. Nicht weil die hier schlecht sind, sondern weil ich grade so reagiere, wie ich reagiere – funktioniere.

Also nahm ich einen Zettel und schrieb einen Brief. Anfangs stockend, um jedes verdammte Wort ringend, aber irgendwann floss die Verzweiflung einfach raus. Nicht wirklich als Verzweiflung lesend, aber wenigestens klar.

Ein klares: ich kann nicht mehr und es geht in die falsche Richtung. Wenn weiter die Gruppen so im Vordergrund sind, ist ein an meinen (vereinbarten) Themen zu arbeiten nicht möglich. Ich möchte – und werde – aber die Themen nicht zugunsten der Gruppen ändern. Weil mich das nicht weiterbringt – nicht aktuell.

Es war von vornherein klar, dass es dieses mal nicht, nächstes Mal (sofern es ein nächstes gibt) auch nicht und frühestens beim übernächsten Mal Thema werden kann – es also auch weit weg ist.

Was leider nicht drin steht – dass ich weiß, dass das Problem bei mir liegt – an dem nach außen irgendwie funktionieren und dass die Verzweiflung und hoffnunglose Überforderung keiner mitkriegt. Weil in dem Moment für mich das beste ist allein zu sein – ich mich da auch nicht melde – das wäre auch – aktuell – kontraproduktiv – würde noch mehr ins Funktionierne kippen.

Also hoffe ich jetzt, dass die Therapeutin den Brief morgen am Beginn der Stunde liest – und wir eine Lösung finden.

Und auch wenn das paradox ist – am meisten Angst hab ich davor, dass ich dort heulend zusammenklappe. Weil ich weiß, dass ich das nicht kann, dass das Zulassen da (noch) nicht geht und ich halt wieder irgendwie – funktioniere. Dass es nicht ankommt. Nicht ankommen kann.

Mit dem Brief hab ich hoffentlich die Reissleine gezogen und ich hoffe, dass im morgigen Termin sich dann einiges klärt – auch an Prioritäten. Aber vielleicht auch für die Therapeutin klarer wird, dass ich zwar nach außen funktioniere und auch die Skills in Griff hab, aber dass das „permanent Skills nötig“ mich so aushöhlt, dass für nichts anderes mehr Kraft da ist.

Warum so plötzlich so? Tja – das Funktionieren funktioniert nicht mehr. Das Fass ist voll, ich glaube tatsächlich, dass dieser Vorschlag mit der Morgenrunde der Tropfen war, der alles überlaufen ließ. Weil es schon die letzten Tage immer wieder mal überlief und nur mit Müh und Not halt irgendwie klappte. Ich im Flur vorm Pflegezimmer saß und mit Tränen kämpfte, weil einfach nur alles zuviel. Die Nächte unruhig sind, weil ein Alptraum den nächsten jagt – und alle haben mit Gruppen oder Visite zu tun.

Hinter dem Funktionieren konnte ich mich – auch vor mir! – verstecken – denn es war ja klar, die hier sind schon gut – das wird schon passen.

Ja sie sind gut, aber sie können halt auch nur mit dem arbeiten, was ich ihnen liefer – und solange ich nur das Funktionieren liefer – ich wiederhole mich.

Wenn ich es so weiterlaufen lasse wie jetzt – schade ich mir weiter – was weder in deren, noch in meinem Sinne ist. Das Stopp kommt – wieder ein mal – viel zu spät – eigentlich hätte es spätestens letzte Woche gesetzt werden müssen. Aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer. Und besser jetzt als nie.

Insofern bin ich sehr froh, dass der Termin von Do auf morgen vorverlegt wurde – ich glaube ich hätte es so jetzt nicht weiter ausgehalten. Da ist heute was gebrochen – und die Klärung muss morgen sein. Wird so jetzt auch morgen sein.

Morgen also. Danach muss ich weiter sehen. Bis dahin durchhalten.

 

Ich sperre für diesen Beitrag die Kommentare – weil ich das grade nicht möchte und nicht kann.

 

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