Thera gestern

Ein für mich sehr verwirrender, aber auch guter Termin. Es rauchte gewaltig im Kopf.

Es ging um Gefühle und Kommunikation.

Für mich sind Gefühle ausschließlich eine Folge von Situation analysieren und verstehen. Selbst bei Triggern ist es so, dass da eine Körperreaktion ist, die über den Verstand erfasst, analysiert und im Laufe der Zeit dann eben auch verstanden wurde – und dann einem Gefühl zugeordnet werden. Das Gefühl selbst nehm ich in solchen Fällen nicht wahr.

Und für mich ist es schwierig Situationen mit Gefühlen in Verbindung zu bringen.

Wir hatten ein Beispiel: da sitzt ein Junge und schleckt an einem Eis.

Für mich kommt dann – hmm – er wird sich vielleicht freuen – also Freude.  Das wars.

Als der Thera dann Neid vorschlug, musste er mir erst erklären wie das in Zusammenhang gebracht werden könnte: also ich sehe das, hätte auch gern ein Eis und beneide den Jungen drum.

Von selbst hätte sich mir das nicht erschlossen, nach Erklärung – war das logisch und somit auch nachvollziehbar.

So ging es mit einigen Gefühlen und ich merkte dann, dass ich  das dann für diese Situation „verstanden“ habe, es aber nicht auf eine andere übertragen bekam – nicht mal als wir nur das Eis durch einen Döner ersetzt hatten.

Was mich aber vor allem völlig verwirrte und für mich nach wie vor unvorstellbar ist, dass eben bei einer Situation erst ein Gefühl da ist – und danach erst der Versuch zu verstehen warum die Situation vielleicht Ekel oder so auslöst. Das ist für mich ganz unvorstellbar, dass da erst ein Gefühl auftaucht.

Was dem am nächsten kommt sind eben Körperreaktionen – vor allem bei Trigger oder ähnlichem – ich merke die Anspannung oder das Erstarren – checke kurz diese über den Verstand, weiß: ah jetzt biste angespannt, kannst nicht mehr richtig atmen oder bewegen – ist wohl Panik. Ohne dass ich das Gefühl Angst/Panik wahrnehme.

Ich versuchte wirklich zu verstehen wie er das meint, wie ds sonst laufen kann – aber es gibt da nichts, was für mich eine Brücke bilden könnte – es ist einfach – nicht vorstellbar – so jenseits von dem was ich kenne.

Dann ging es um Kommunikation. Bei jeder Kommunikation wird jedes Wort, jede Wortkonstellation und Modulation mit einem internen Wörterbuch abgeglichen. Als spräche man eine Fremdsprache und übersetzt halt innerlich jedes Wort. Nur mit dem Unterschied, dass es sich nicht automatisiert. Es ist immer ein neu checken.

Bei guten Freunden oder Menschen die ich gut kenne, sind sicher ca 50 % des Wörterbuchs auch identisch (grade dann ist, wird, und usw – sind ja in der Regel klar definiert), aber auch da krieg ich das nicht übertragen.

So hat jeder Mensch ein eigenes Wörterbuch, dass Definitionen von Begriffen beinhaltet. Synonyme sind für mich – schwierig, weil sie für mich meist kleine Unterschiede in den Definitionen haben. Aber für dieses Wörterbuch braucht es Zeit und es wird ständig – erweitert.

Selbst beim Thera gibt es noch so viele Begriffe, die wir unterschiedlich verwenden, bei denen wir eben nicht das gleiche meinen, wenn wir es sagen – das fängt schon beim „ich“ an. Weil es dafür halt verschiedene Modelle gibt.

Meine Wörterbücher versuchen eben das Verständnismodell des Gegenübers zu übernehmen – und so überhaupt erst eine Verständigung für mich zu ermöglichen.

Vor Jahren war ich mal mit jemanden unterwegs, wir hatten uns unterhalten und das Telefon klingelte. Das war auch ein Anruf der wichtig war und wir hatten vorher abgesprochen, dass ich den dann annehmen würde und mich kurz mit demjenigen unterhalte.

Nach dem Telefonat hatte sie mich angesprochen, dass ich so anders geredet hätte. Ich fragte nach ob sie Dialekt meinte, und sie meinte, nein – ich hätte ganz anders gesprochen, mich anders ausgedrückt, andere Modulation – einfach ganz anders.

Mir war das nie aufgefallen und es mag da auch deutlicher gewesen sein, weil die Personen sehr unterschiedlich zu mir standen.

Aber es war einfach ein anderes Wörterbuch, eine andere Konstellation, damit für mich eben auch eine andere Sprache.

Dieses permanente Abgleichen mit dem internen Wörterbuch, auch das angleichen oder berichtigen im Wörterbuch ist für mich Alltag – es gibt keine Kommunikation ohne. Das macht aber auch Kommunikation sehr anstrengend.

Und als wir so drüber sprachen, dachte ich dann nur, dass das vielleicht auch der Grund ist, warum z.Bsp persönliche Gespräche nicht in 3-er-Konstellationen gehen. Weil ich die Wörterbücher nicht unter einen Hut bekomme.

Für Small-Talk oder Gruppen wie beim Singen usw – gibt es eigene Wörterbücher, auch da bin ich anders, als wenn ich mich mit einem von ihnen alleine unterhalte.

Als wären Oberflächlichkeiten oder situationsspezifische Gespräche (wie eben bei den Sängern/Musikern) als wäre es eine Person – da klappt das mittlerweile ja auch, aber eben nur recht oberflächlich.

Der Thera fragte wieviel Übereinstimmung zwischen Wörterbuch von ihm und MissMutig wäre – und ich meinte etwa 50%. Als er dann sagte, dass er aber davon ausginge, dass er sich mit MissMutig durchaus verständigen kann, sagte ich ja: weil beide auch mit Synonymen klar kommen, die Unsicherheiten von ganz kleinen Unterschieden in Bedeutung aus Kontext oder so ausgleichbar sind. Das schaffe ich im Gespräch nicht.

Er meinte dann, naja ob er sich mit MissMutig verstehen würde, wüsste ich vermutlich besser, weil ich beide ja kenne – und schon waren wir bei den Begriffen verstehen und verständigen.

Für mich zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen. Verständigen können sich die beiden sicher – für sie ist es ja „eine“ Sprache – deutsch, ob sie sich auch verstehen ist damit noch lange nicht gesagt.

Genau so was mein ich – ich weiß wie er verständigen/verstehen oft als Synonym verwendet, für mich es aber was unterschiedliches. MissMutig ist da schon genauer in der Sprache.

Das ist ja auch das Problem, dass es dann so oft zu Missverständnissen kommt – und warum mir Defintionen dann so wichtig sind. Nicht damit es „meine“ wird, sondern damit ich weiß: wenn wir verständigen sagen, meinen wir beide auch das gleiche.

Er meinte dann nur, dass ich es ja ziemlich kompliziert machen würde.

Der ganze Termin machte mir ja das anders sein, fremd sein – diese Menschen einfach nicht zu verstehen – egal wie sehr ich mich bemühe, damit auch die Einsamkeit und Traurigkeit – aber diese Anstrengung die dahinter steckt überhaupt irgendwie Kommunizieren zu können sehr präsent und rückte auch die entsprechenden Gefühle nach vorne.

Dieser Satz vom Thera war dann halt auch so ein – ich mache es nicht kompliziert, leider IST es für mich so – das ist Alltag.

Wenn ich von Anstrengungen erzähle, zählt das nicht mal dazu, weil das ist Alltag. Dieses permanente Scannen mit dem Wörterbuch – ist Alltag. Anders ist Kommunikation für mich nicht möglich.

Aber mir wurde in dem Moment, in dem ich ihm das sagte auch klar – WIE anstrengend es halt ist und dass ich irgendwie auch resigniert hab.

Dass ich früher dachte, im Laufe der Zeit wird es besser, es wird ein „Stammwörterbuch“ geben – so wie bei einer Fremdsprache, wenn man sie oft genug spricht, läuft es irgendwann auch automatisch, ist es kein Ringen um Wörter mehr, kein ständiges Übersetzen usw.

Nur dass das nie eintrat. Die Wörterbücher wurden umfangreicher, es gibt jetzt eben auch die Möglichkeit in kleinen Gruppen situationsspezifisch was zu sagen (also den Sängern das Lied beizubringen oder Tipps zu geben oder auch Anweisungen), aber freies Sprechen in einer Gruppe geht nach wie vor nicht.

Es wird nicht – persönlich.

Etwas persönliches zu einer mir Fremden – völlig undenkbar. Weil  grade bei persönlichen die Übersetzung stimmen muss – zu viel Raum für Missverständisse herrscht. Ich da auch schon gewaltig Nachteile daraus hatte – weil in solchen Situationen nur zwei Sachen möglich sind: ich funktioniere, bin also nach außen hin hoch funktionell und alles ist gut und mir gehts gut und es gibt keine Probleme (eben hochfunktionelle Rolle nach außen, die mit dem was los ist gar nichts mehr zu tun hat – das hat auch ein eigenes Wörterbuch) oder ich erstarre, weil Kommunikation nicht möglich ist, ich dadurch eben nicht funktionieren kann und es innerlich einfach nur ein Zusammenklappen ist, ein Erstarren – bei der auch kleinste Bewegungen (heben eines Bruskorbs/Bauch beim Atmen – nicht mehr gehen. Selbst Blinzeln ist dann schon wirklich – schwierig.

Dummerweise ist es für mich nicht steuerbar. Nur je mehr davon abhängt, je wichtiger Verständnis und gleiche Definitionen sind, desto eher das Erstarren.

Durch dieses – es ist einfach anstrengend – wechselten wir dann ins Fühlen – und für einen ganz kurzen Moment brachen sich da auch Tränen die Bahn – ob der Verzweiflung, Überforderung aber auch Resignation, dass sich da nichts ändert, dass ich so verkorkst anders bin und es nicht einfacher wird. Was sicher auch daran lag, dass der Thera nicht so schnell nachgab (er machte da keinen Druck, ermunterte nur dran zu bleiben und seine Hilfe (Tappen oder auch Berührung der Hand – was so abgesprochen war) auch anzunehmen.

Dass er eben da ist und dass ich für einen kurzen Moment nicht funktionieren muss. Mal kurz einfach sein – und das zeigen was dahinter steht.

Es war auch das – Verstehen. Das Verständnis von seiner Seite, dass das alles einfach anstrengend sein muss. Dieses „gesehen werden“, auch hinter dem Funktionieren.

Dieser „Ausbruch“ war nur kurz, weil natürlich die Automatismen sofort gegensteuerten – aber es war für einen kurzen Moment möglich – und es war auch – trotz all der Unsicherheit, dem rauchenden Kopf, weil ich verzweifelt versuchte zu verstehen wie das auch anders laufen könnte, dem inneren Chaos – ein guter Termin, den wir auch schön rund abschließen konnten.

Anstrengend – gar keine Frage – aber eben auch gut – und ich hoffe auch ein Stück mehr – Verständigung und Verstehen.

 

 

 

 

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2 Antworten auf Thera gestern

  1. Svenja sagt:

    Es ist als würdest du mir aus der Seele schreiben. Es geht mir genauso, ich kann die Anstrengung und die Verzweiflung über mein „Anderssein“ oft kaum aushalten…
    Ich konnte das noch nie so ausdrücken, aber es stimmt, es ist als würden ich und viele andere Menschen andere Sprachen, oder zumindest andere Dialekte sprechen.

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