Körper

Kürzlich sagte ich zu MissMutig, ich bin wohl grade in der Pubertät.

Alles was mit dem Körper zu tun hat, war und ist sehr schwierig. Als Jugendliche gab es außer sehr selten etwas Wimperntusche oder mal nen Lidstrich (und beides kann ich von an den Fingern abzählen) keine Versuche mit zu schminken oder ähnliches.

Ich war auch nie sehr auf mein Äußeres bedacht, hatte – nachdem endlich die langen Haare ab durften – immer diesen Topf-Haarschnitt gehabt. Mit 13 mal mit Dauerwelle experimentiert und das wars.

Ich fühlte mich nie schön und wollte das auch nie sein. Weiss, dass ich als Jugendliche dachte, wenn ich nur dick genug wäre, hätte ich Ruhe – als das Gewicht zunahm wegen Schilddrüsenunterfunktion und plötzliches Ende des Sportes – von Leistungssport auf nichtmal mehr Schulsport.

Je mehr Hüllen ich um hatte, desto besser, ohne Halstuch sah man mich nie, lange Ärmel und Hosen Pflicht, Röcke tabu.

Haare wurden gewaschen und morgens frisiert – das wars.

Irgenwann wurde sogar das noch „entfernt“ – indem ich mir mir einer Haarschneidemaschine alles auf 5mm kürzte  – selbst natürlich. Wobei der Hauptgrund war, dass ich alle 3 Wochen hätte zum Frisör müssen und das hab ich natürlich nicht gemacht.

Körperpflege ging grade so – wobei ich es von zu Hause kannte, dass man einmal die Woche badete, täglich Zähne putze (Zahnseide hab ich tatsächlich erst vor wenigen Jahren kennengelernt) und das wars. Eincremen gab es nur am Strand in der Sonne.

Irgendwann war es so schlimm, dass ich unter der Dusche regelmässig dissoziierte und mich so manchesmal zusammengekauert unter der mittlerweile eiskalten Dusche wiederfand.

Oder ich froh war, wenn ich es einmal die Woche schaffte zu duschen. Eincremen ist bis heute nur rudimentär und selten möglich. Mal die Hände – oder das Gesicht – mehr geht da nicht.

Ich glaube 2003 hab ich mir das letzte Mal die Haare rasiert – seitdem wachsen sie. Denn lange Haare haben den Vorteil, dass einmal die Woche waschen reicht – und im Pferdeschwanz hat hat man eine „passt immer irgendwie“-Frisur. Außerdem reichte es alle paar Monate zum Frisör zu gehen.

Vor ein paar Jahren dann wechselte ich von Jogginghose zu richtiger – Jogginghosen fanden sich auch in meiner Größe damals noch günstig, während eine normale bei 40 Euro losgeht. Also lief ich immer in Jogginghosen rum. Hatte eine Jeans (ich hasse Jeans!) für „wenn es mal schicker sein muss“. Die Ärmel und Hosen waren immer noch lang, immer eine Jacke, immer ein dickes Halstuch und oft ein großer Hut. Zum drunter verstecken. Es wurde mir wichtiger, dass es nach außen – besser – wird – ohne mich zu zeigen, mich trotzdem dahinter verstecken.

Also achtete ich etwas mehr auf meine Klamotten. Schick ist immer noch was anderes. Aber auch das besserte sich. Wobei es immer noch so ist, dass ich maximal zwei Hosen für „draußen“ habe, eine handvoll Shirts dazu, aber schon lange ohne Halstuch und Hut und erst drei Jahre etwa auch mit kurzen Ärmeln und einer 7/8-Länge der Hosen, seit 1-2 Jahren sogar mal mit 3/4-Länge oder wenns salop sein durfte knielang, wobei das hat es noch nicht in Termine geschafft.

Vor zwei/drei  Jahren oder so, kam der Gedanke „ich würde mich gern schminken lernen“ dazu – der aber bis heute nicht umgesetzt wurde – zu viel, zu groß das Projekt – weil ich gar nichts kann – und schon gar nicht einschätzen, was für mich passt, mir gefällt. Nicht mal wüsste wo anfangen, Angst davor viel unnützes Geld auszugeben.

Ebenso wie der Wunsch da war, Ohrlöcher zu haben. Diese kamen dann ja vor wenigen Monaten dazu – und ich mag es immer noch sehr.

Tja und nun Nagellack. MissMutig hatte einen gelben, als sie mich zum MRT fuhr. Ich finde lackierte Nägel schön, aber bei mir? Wenige Tage später reifte dann die Idee, dass es vielleicht eine Möglichkeit ist, den Hass auf die Hände und Finger zu mildern .

Das war dann auch der Grund für den Ausspruch oben – ich versuche den Körper, das Aussehen, das mich nicht nur säubern, sondern auch pflegen oder schmücken – zu entdecken. Zu schauen was mir helfen kann, mich mit dem immer noch sehr verhassten Körper – auszusöhnen.

Wie Jugendliche versuchen sich zu finden und auszudrücken, mit sich und ihrem Körper umzugehen – so ähnlich fühle ich mich.

Überhaupt den Körper wahrzunehmen – ohne ihn automatisch durch eine hasserfüllte und abwertige Brille zu sehen.

Zu merken, wie Nagellackexperiment auch Spaß machen können. Ich! – Spaß! – Mit der Beschäftigung mit meinen Händen!

Oder da zu sitzen und sagen zu können, dass mir der Nagellack so gefällt.

Natürlich klappt das nicht immer und ebenso klar ist, dass es meine Grundeinstellung nicht groß geändert hat. Es ist eher ein dran arbeiten, kleine Schritte. Eben ein Versuch neu zu entdecken – oder überhaupt zu entdecken.

Es ist für mich immer noch eigenartig, fremd, als gehöre das nicht zu mir.

Aber es ist ein Annähern. So wie ich mich vor einigen Jahren sehr mühsam der Körperwahrnehmung nähern musste (also warm/kalt/Schmerz/tut gut/schlecht usw) – das war ein Prozess über Jahre – unterstützt durch Stimmbildung und Shiatsu. Diese Körperwahrnehmung ist bei mir mittlerweile sehr gut. Meine Sicht auf den Körper – die gilt es jetzt in Angriff zu nehmen.

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