wirken und sein

Ich hatte ja letzte Woche die Leiterin der „alten“ Buchbinderei angemailt, weil klar ist, dass ich was mit ihr besprechen sollte, es aber dann doch nie tat. So ganz verstanden hab ich mich da nicht, weil ich vor dem Gespräch keine Angst hatte, auch wusste, das lässt sich alles regeln – aber wenn ich dann vor Ort war es eben doch nicht hinbekam zu sagen: ich bräuchte mal 10 Minuten.

Letzte Woche schickte sie mir eine mail und so hat es sich ergeben, dass ich antwortet – und das eben gleich mit reinschrieb – so konnte ich nicht mehr „kneifen“.

Wobei ich denke, es war weniger ein „kneifen“, als vielmehr so, dass ich – bis ich da ankam – schon so im Fuktionieren war, dass der Rest nicht mehr ging.

Von daher war auch klar, dass wir uns heute mal zusammensetzen und kurz den Stand der Dinge klären – das war für mich eher wichtig, aber eben auch wie es weitergeht, denn offiziell endet meine Zeit dort am 21 (wobei da nochmal eine Verlängerung möglich sein wird).

Während des Gesprächs bekam ich eine für mich sehr wertvolle Rückmeldung. Sie kennt mich ja jetzt auch schon 12 Jahre glaub ich – und hat damals halt auch eine heftige Krisenzeit mitbekommen.

Und sie sagte mir heute, was ihr sehr extrem auffalle in den letzten Wochen sei, dass die Diskrepanz zwischen dem was ist (kriegt sie am Rande ja immer mit) und wie ich wirke immer größer wurde.

Wenn ich komme wirke ich fröhlich, offen, fit, gut gelaunt, strahle regelrecht, gehe auch auf andere zu usw. Von früher weiß sie, dass das immer eher ein schlechtes  Zeichen bei mir ist – je fitter ich wirke, desto schlechter geht es in der Regel.

Im Laufe der Jahre hat es dann den Wechsel gegeben, dass ich mehr bei mir bleiben konnte, eben auch Grenzen klar machen, deutlich machen, war sehr viel introvertierter und wollte mit den Leute nicht viel zu tun haben – war aber eben mehr bei mir und das war insgesamt mit dem was sie am Rande mitbekam sehr viel stimmiger.

Von daher weiß sie – dass das wie es jetzt ist – eben eher ein schlechtes Zeichen ist und das „mehr bei mir bleiben können“ – das nach außen hin sicher weniger gut wirkt als das andere – eben eins ist, dass es mir besser geht, Stabilität da ist.

Grade in den letzten Wochen fiel ihr dieser Wechsel wieder sehr extrem und kontinuierlich auf – was sie – da sie ja das andere soweit am Rande mitbekam – auch einordnen konnte, aber für sich merkt, dass sie sich das immer wieder sehr bewusst machen muss, weil man automatisch dazu neigt, jemanden, der so – offen und gut gelaunt wirkt – natürlich auch anders (und häufiger) anzusprechen oder ihm auch mehr – zuzumuten.

Das ist ihr halt auch aufgefallen, dass sie das auch macht – und sich dann wirklich immer wieder sehr bewusst machen muss, dass das „wirken“ nicht dem „sein“ entspricht.

Wobei für sie dabei vor allem wichtig war zu erfahren ob ich es eben bei ihr dann auch schaffe die Grenze zu setzen, Stopp zu sagen oder ob das da auch schwierig ist (da es ja in der anderen Buchbinderei gar nicht klappt und mittlerweile auch im Alltag immer weniger).

Ich fand diese Rückmeldung – und auch das wie sie es sagte, weil halt auch klar ist – es ist ihr ernst, dass diese Diskrepanz auch für sie – obwohl sie im Prinzip bescheid weiß – durchaus manchmal schwierig ist, weil halt nicht immer sehr bewusst.

Auch dass sie meinte, ihr fällt das halt jetzt auf, weil sie mich schon sehr lange kennt und dieses Verhalten aus den Anfangszeiten kennt (in der es genau darum ging – Grenzen zu erkennen, einzuhalten usw) – dass das die letzten Jahre eben nicht da war – nicht mal phasenweise – und seit einigen Wochen wieder sehr extrem und auch druchgehend.

Sie hat damit auch vollkommen recht. Ich gehe aktuell vor die Haustür und die Fassade läuft, das Funktionieren läuft auf eigene Initiative und „ich“ bin außen vor – es geht weder darum wie es mir geht, ob es mir gut tut oder nicht oder ob ich etwas will oder nicht – es zählt nur das Funktionieren.

Um im Gegensatz zu dem „normalen“ Funktionieren der letzten Jahre – geht es aktuell auch darüber hinaus – ich biete teilweise Sachen sogar an, bin eben offen und hab keinerlei Verbindung zu mir selbst in dem Moment.

Was mir nicht bewusst war ist, dass es tatsächlich so weit geht, dass ich „draußen“ wirklich strahlend, aktiv, fitt, freundlich, mit sehr viel lachen und gut drauf – ankomme – dass die Fassade so perfekt ist, dass selbst jemand, der wirklich drauf achtet – nichts merkt – weil eben nicht die Augen stumpf sind oder der Mund verkniffen oder sonst etwas.

Dieses nach außen völlig anders wirken als es ist – war ja damals mit ein Grund, warum das bei Gutachten so extrem schief lief – oder auch bei Ärzten/Therapeuten oder sonst Leuten, die mich nicht gut kannten.

Und selbst die mich gut kannten und wussten – nicht auf das achten wie ich wirke, sondern auf das was ich sage/schreibe – war es immer – schwierig.

Entsprechend frag ich mich natürlich ob das grade eine Rolle in der Thera spielt – denn er kennt mich jetzt ein gutes Jahr und hat so was bisher nicht mitbekommen – er kennt das „normale“ Funktionieren – aber nicht diese – Diskrepanz. Zwar dachte ich, dass die in der Thera nicht so da ist, aber ehrlichgesagt bin ich da grad sehr verunsichert – weil ich sie ja nicht – wahrnehme.

Und was in der Thera klar da ist ist anfangs dieses Funktionieren und zwischendrin ein Verstärken der Dissoziation (die gerne dieses Funktionierne dann eigenständig werden lässt).

Da aber natürlich weniger Verbindung zu mir da ist – kann ich auch nicht zeigen was in mir los ist – und vielleicht erwartet er aber genau das – weil er das ja von mir eher kennt.

Ich fand das Gespräch heute sehr interessant und es hat mich auch ein gutes Stück weiter gebracht.

Für die Arbeit vor Ort werde ich an dem Projekt weitermachen, bekomme aber vom Museum der Klinik Bücher zum reparieren für zwischendrin (und ja da freu ich mich riesig drauf – es entschädigt auch so ein klein wenig für den  Verlust der anderen Arbeit). So dass ich wechseln kann und ein bisschen besser drauf achten was grad für mich auch gut ist und was nicht – eben auch welcher Anspruch grade geht – beim einen ist es nach wie vor mehr ein Tüfteln, ausprobieren, schauen wie könnte das gehen, beim anderen ist der Ablauf relativ klar, ohne eintönig zu sein, weil ja jede Reparatur auch wieder anders ist.

Auch abgesprochen haben wir, dass ich nach dem Prototypen (oder auch vorher) jederzeit Stopp sagen kann (insgesamt werden ja 10 davon gebraucht) – also auch einfach so viele machen wie ich möchte – und wenn es nur der eine ist – ist es so – sind es 3, sind es eben drei. Das wusste ich zwar, aber mit Absprache fällt es mir vielleicht etwas leichter das dann auch anzusprechen.

Ansonsten kann sie mich nicht wirklich unterstützen, das muss ich selbst schauen – wobei jegliche Unterstützung von ihrer Seite möglich wäre.

Alles in allem war es gut wie es heute war.

Denn grade diese Diskrepanz erklärt vielleicht auch ein stückweit, warum ich dann auf dem Weg nach Hause jedesmal zu kämpfen habe und zu Hause auch erstmal zusammenklappe. Logisch – das alles kostet Kraft, die nicht da ist.

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