die „zwei Wochen“

Gemeint sind die ca. 2 Wochen vor dem 23. Juli. Aber irgendwie werden die innerlich immer nur „die zwei Wochen“ genannt. Dabei waren es nicht mal genau zwei Wochen.

Zwei Wochen, in denen es kein „ich“ oder „wollen“ gab. Fremdbestimmt, übernommen von Täterintrojekten. Von der inneren „Mutter“. So sehr, dass sie für mich wie eine Person war, die einfach meinen Körper, mein Denken, mein Fühlen übernommen hat.

Wobei Fühlen weiß ich nicht – es gab ja kein Fühlen.

Ein Zustand der für mich neu war. Denn ohne das Fühlen war es ja gut auszuhalten. Selbst als dann das Wahrnehmen wieder da war, was da läuft.

Zu sehen und hören wie ich handle, aus altem Wissen zusammenzureimen, dass das echt nicht gut ist was da läuft – aber es löste keine Panik aus.

Aber am Schlimmsten war – es löste kein Hinterfragen aus, kein dagegen vorgehen. Weil es die Frage schlicht nicht gab. Es gab nicht nur keine Antwort – es gab die Frage schon gar nicht.

Wenn ich mich ganz bewusst fragte, ob mir grade was schmeckt oder gut tut oder gefällt oder ähnliches – war da nur Leere.

Ich as einen Toast – und konnte nicht sagen ob ich den mochte oder nicht. Nur, dass ich ihn ja früher gemocht habe, ihn also wohl mögen müsste.

Aber allein diese Frage brauchte zum einen eine Zusammenfassung auf kurz – im Sinne von: Magst du Toast? – weil alles was mehr als wenige Worte brauchte, war schon zu viel, zu wenig Frage, zu – inhaltsleer. Aber auch über eine Woche, bis es zu einer Antwort kam.

Und es war die einzige Frage, die eine Antwort bekam.

Ob mir was gut tat oder ich was machen möchte oder gefällt – schaffte es nicht mal bis zur Frage.

Es gab kein Verstehen, kein Hinterfragen, ich reagierte. Sah und hörte mir dabei zu – und das wars. Es gab auch kein Spüren.  So konnte ich nicht spüren wo ich den Stuhl berühre oder den Boden, ob etwas warm oder kalt war oder ähnliches.

Nur sehen und hören ging. Selbst riechen war – inhaltsleer.

Es gab kein „ich“ – es gab den Körper, der handelte, nach  Impulsen, die von der Mutter ausgingen.

Ich war eine willenlose Marionette. Vom Kopf her wusste ich, dass das was da läuft nicht gut ist. Das konnte ich aus Theorien ablesen, die ich im Laufe der Jahre in den Therapien gelernt habe. Aber mehr auch nicht. Ich wusste also um die Gefahr, spürte sie aber nicht.

Es war, als wollte man jemanden erklären was Zimt ist. Aber man hat nur das Wissen, kein Gespür oder Gefühl dazu, keinen Geruch, keinen Geschmack, kein Gefühl von „das mag ich (nicht). Nur das Wissen, das man anlesen kann. Wie es aussieht, wie man ihn verwendet. Nicht mal das wie er vom Geschmack beschrieben wird, weil diese Worte bedeutungsleer waren – das hätten auch einfach irgendwelche Buchstabenfolgen sein können.

Wie erklärt man so jemanden Zimt? Wenn man doch nur das Aussehen beschreiben kann? Keine Worte oder Beschreibungen für den Geschmack findet?

Was ich auch merkte ist, dass durch dieses Fehlen des Willens – durch jegliches Fehlen von „hinspüren“ der innerste Kern drohte völlig zerstört zu werden. Genaugenommen wusste ich nicht ob er das nicht schon war – denn es gab keine Verbindung zu ihm – und auch kein Gespür.

Oft gibt es ja keine Verbindung, aber eine Art Gespür oder Gewissheit, dass er sich nur verkrochen hat oder ob er soweit intakt ist oder verletzt und wie sehr usw.

Doch es gab gar nichts – auch das war neu.

Im Termin nach einer Woche etwa wurde erst im Kopf klar was läuft, bis dahin  gab es auch kein Denken oder so – in dem Termin wurde klar, dass grade kein „ich“ da ist und kein „wollen“. Was nicht mal irritierte, weil jedes Denken so – schwer war.

War ich sonst immer gut Zusammenhänge zu erkennen, Situationen zu analysieren, klappte das gar nicht mehr. Da wurde klar, dass jede Frage, die aus mehr als 3-4 Worten bestand, nicht mal als Frage ankam. Dass das meiste nicht ankam, dass es genauso gut Chinesisch sein hätte können – weil Worte keine Bedeutung hatten. Dass alles was Frage war – nur Leere auslöste.

Nach wie vor war kein Hinterfragen möglich. Nach wir vor kein hinspüren. Nur sehen und hören ging.

In den folgenden 1-2 Tagen kam ziemlich heftiges destruktives Verhalten dazu.

War es erst irgendwie auch klar, dass dem Körper nichts passieren wird, weil die Mutter ihn ja brauchte  (sie ist ja nur ein Anteil in ihm, der ohne ihn nicht mehr existieren würde), wurde es dann zu einem „bevor ich auch nur einen Millimeter Macht abgebe, zerstör ich ihn lieber“.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei war das sehr – eigenartig. Weil nach wie vor jedes Gefühl fehlte.

Ich meine – ich kenn selbstverletzendes Verhalten. Aber da ging es immer um Druckabbau, manchmal um sich zu spüren, Blut zu sehen usw – aber davor war immer Druck und es ging immer darum den irgendwie – loszuwerden. Sei es um sich wieder zu spüren oder den inneren Schmerz durch äußeren abzulenken usw.

Mich zu verletzen ohne diesen Druck – war – eigenartig. Es war wie fremdgesteuert – ich sah es, konnte nichts tun, wollte nichts dagegen tun – es gab kein wollen – es war einfach so.

Es kam zu Handlungen die auch wirklich gefährlich waren, die über Selbstverletzung hinaus gingen und zum Ziel den Tod hatten. Handlungen, die für mich fremd waren, die ich teilweise zumindest für mich auch nie in Betracht gezogen habe (und ich habe viele Suizid-Szenarien in meinem Leben durchgespielt – manches davon auch klar als „so nicht“).

In der Regel gibt es einen Punkt, ab dem es kein zurück mehr gibt. An dem ein Umentscheiden durch die äußeren Umstände nicht mehr möglich ist – selbst wenn man dann leben wollte.

An diesem Punkt brach ich ab. Ohne zu wissen warum, ohne Impuls, ohne Angst.

Im Nachhinein sah ich es eher als „Versuch“, als „Beweisführung“ meiner Mutter, dass sie den Körper absolut im Griff hat, dass sie entscheidet ob ich lebe oder sterbe.

Vielleicht gab es auch einfach Anteile, die – auch wenn sie sonst kein wehren zustande brachten – wenigstens das schafften.

Ich weiß es nicht.

Aber es war klar, dass das gefährlich ist. Dass meine Mutter nichts mehr zu verlieren hatte – und daher bis zum äußersten ging.

Da für mich zu dem Zeitpunkt immer noch kein Fühlen da war, war es –  so paradox das klingt – immer noch gut „aushaltbar“ – es gab ja nichts zum aushalten. Es gab keine – Wertung, kein Hinterfragen, keinen Konflikt. Es gab ja kein Wollen – also auch nicht die Frage ob ich das will oder nicht.

Es war einfach so.

Und ich wusste nicht ob das nun zur Abmachung (die Therapie nicht ohne seine Zustimmung zu beenden) gehörte oder nicht – also ob das ein Grund war sich zu melden.

Abmachungen funktionieren bei mir deshalb so gut, weil sie absolut bindend sind – für alle Anteile – auch die Täterintrojkete. Da gibt es keine Ausnahme. Aber deshalb ist es oft auch so schwer eine Abmachung zu treffen, weil quasi die Anteile, die sich wehren grade nicht aktiv sein dürfen.

Ich schrieb also eine – sehr verwirrende – mail an den Thera, dass ich grad nicht wüsste ob an dieser Stelle ein melden zur Abmachung gehören würde. Später noch eine mit der Bitte um einen früheren Termin, weil klarer wurde, dass es durchaus zur Abmachung gehört – denn wenn der Körper tot ist, beende ich die Therapie ja auch.

Der Termin fand dann auch statt. Eine Veränderung gab es dann aber erst im nächsten Termin.

Das war der letzte Theratermin – anfangs war einfach nur Chaos und nicht verstehen können. Für mich auch völlige Unberechenbarkeit. Mein Verhalten der letzten Wochen – hat mich geschockt. Aber ich konnte es auch alles nicht fassen, nicht greifen, nicht verstehen.

Mit dem Thera war es dann schwierig, weil ich einfach keine Zusage für zwei Wochen machen konnte – ich wusste ja nicht mal was in einer Stunde ist. Der Zeitabschnitt – war viel zu groß. Ähnlich als würde mich heute jemand bitten zu sagen, was ich in 2 Jahren an dem und dem Tag definitiv machen werde.

Meine Mutter hatte sehr eindrücklich bewiesen, was sie machen kann. Und mir war klar, dass ich nichts entgegensetzen kann, wenn sie das wirklich will.

Ich konnte ihn und seine Sicht (und Wut) verstehen, sehr gut sogar, aber ich konnte ihn auch nicht anlügen und einfach sagen: ja ich werde definitiv dann kommen. Ich wusste es einfach nicht.

War mit der ganzen Situation schlicht überfordert. Aber auch nicht akut gefährdet.

Natürlich hoffte ich dass das anhalten würde, aber garantieren konnte ich es nicht. Und wie gesagt – Abmachungen sind bindend. Ich konnte nur zusagen mein möglichstes zu tun und mich gegebenenfalls eben zu melden.

Im Endeffekt war schon am nächsten Tag alles weit weg. Denken immer noch schwierig und zusammenhangslos.

Das hat sich dann im Alltag ja eingependelt und war dann in der folgneden Wochen schon wieder normal. Auch hatte sich alles irgendwie – beruhigt – wenn auch mehr im Sinne von „zurückziehen und Kräfte sammeln für Neuangriff“ oder so.

Ich funktionierte, selbstverletzendes Verhalten „normalisierte“ sich wieder (also weg von direkt verletzen, eher zu viel Geld ausgeben oder sich überfordern oder so – was ich ja nie so ganz ablegen konnte und in Krisenzeiten immer noch vorkommt), selbstzerstörerisches Verhalten fiel weg.

Ich fühlte mich immer noch als Marionette – aber nicht mehr willenlos. Das war alles an das mich klammerte.

In den folgenden Tagen funktionierten Skills wieder oder auch gegensteuern bei destruktivem Verhalten. Ich konnte wieder was – tun. In Frage stellen, hinspüren ob ich das wirklich will oder warum.

Sicher noch irgendwie alles wie in Sirup, schwerfällig – aber möglich.

Das Funktionieren übernahm wieder. Das Fühlen verschwand wieder. Aber das „ich“ und das „wollen“ blieb.

Leider auch Alpträume und ähnliches – was dieses „willenlose“ angeht. Das ist bis heute für mich ein Trigger, der den Alltag sehr einschränkt – die Angst und Panik, dass das wieder passieren könnte.

Ich würde ohne eine Sekunde zu zögern, lieber meine Kindheit nochmal durchmachen, als nochmal dieses „willenlose Marionette sein“.

Das ist so – unbeschreiblich. Es lässt sich nicht erklären.

Vielleicht ist es deshalb für mich unter dem Begriff „diese zwei Wochen“ – weil es ein Ereignis/eine Erfahrung ist, dass ich mit anderen schlimmen – gleichsetze – in den Auswirkungen. Zumindest aktuell.

Ich wache schweissgebadet auf und muss erstmal schauen ob das „wollen“ noch da ist, hab im Alltag viele Panikattacken, muss immer wieder prüfen ob es noch da ist, ob das „ich“ noch da ist.

Auch wenn ich dann schnell wieder ins Funktionieren komme – es sind nur wenige Augenblicke immer (ok nachts dauert es länger) – aber es ist – beängstigend.

Es triggert und das auf breiter Ebene. Auch das Thema Mutter – ist wieder Trigger. Selbst der Begriff ist wieder schwierig. Dabei bezieht sich das nur auf diese zwei Wochen – aber ich krieg das grade nur schwer getrennt.

Ich krieg es auch nach wie vor nicht richtig – gefasst. Vom Kopf her verstehe ich es teilweise – aber nicht das warum und wieso oder so.

Es ist immer noch – fremd – und als wäre es eine Fremdsprache. Es sind immer noch die falschen Worte, nicht verständlich beschrieben für mich.

Das Fehlen von Gefühl ist ok für den Moment – da wird sich dann ab dem nächsten Theratermin vielleicht was ändern, am ok – weil es dann weitergehen muss und mir klar ist, dass ich daran arbeiten muss – und will.

Aber für den Moment ist es gut so. Es macht das ganze – gut aushaltbar. Und solange ich das „wollen“ habe, ist alles ok. Das Fühlen muss dann wieder rein, soll wieder rein – aber dazu brauch ich Unterstützung und Hilfe. Weil ich es grad nicht einschätzen kann.  Gar nicht.

Es ist als müsste ich erst neu schauen wer ich bin, wo ich stehe, was grad ist – um dann erst schauen zu können – wo will ich hin oder was davon ist ok und was nicht.

Es ist alles fremd irgendwie – ich habe grad nur das Funktionieren als „sicher“.

Ich muss erstmal schauen wo ich grad stehe – erst dann kann es – zielgerichtet – weitergehen.

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4 Kommentare zu die „zwei Wochen“

  1. Julia sagt:

    Liebe Ilana,

    Du selbst magst es nicht so sehen, aber ich finde Du bist tapfer und mutig. Ich meine das nicht einfach so; ich habe „nur“ drei Jahre mit diesem Zustand der Gefühllosigkeit gelebt und ich hatte jede Menge „Überlebenshilfe“ aber so wie Du zu reflektieren und weiterzumachen, dass hätte ich sicher nicht geschafft.

    Deine Erfahrungen und die ehrlichen Worte zeigen mir viel, lehren mich demütig und dankbar zu sein.

    Danke, dass es Dich gibt!

    Liebe Grüße
    Julia

  2. Ilana sagt:

    Liebe Julia,

    es geht nicht ums die Gefühllosigkeit – die war zig Jahre Alltag und ist es auch heute. Was aber in diesen 2 Wochen anders war, war jegliches Fehlen eines „ichs“ oder eines „wollens“ – es gab nur die Mutter in mir und nichts das das in Frage stellt. Noch nicht mal als klar war was da läuft, was da ist.

    Es gab keine Möglichkeit zu handeln – etwas zu tun – es war völlig fremdbestimmt, als würde jemand anderer meinen Körper steuern und ich hätte da keinen Einfluß.

    Das ist für mich das Schlimme, nicht das Fehlen der Gefühle – das ist eine ganz andere Sache, Gefühle können fehlen trotz eines „ichs“.

    Etwas zu wollen heißt noch lange nicht es zu können. Aber ein Gespür dafür zu haben, dass das was grad passiert nicht gut ist, nicht – schön ist – oder dass man es sich anders wünschen würde – selbst wenn es einem egal ist – ist es immer noch ein „ich“ – unter vielem vergraben, aber da.

    Aber wenn es dir nicht mal mehr egal ist, weil es gar nicht in Frage gestellt wird, wenn es keine Wünsche mehr gibt – gar keine – keine großen, keine kleinen, kein Spüren der Sonne auf der Haut oder wo der Stuhl anfängt und du selbst aufhörst, wenn das Alltag ist – nicht nur eine Momentaufnahme.

    Wenn einfach kein „ich“ mehr da ist – man nur noch eine Hülle ist, die jemand anderer steuert, eine andere Person – so extrem fremdbestimmt.

    Das war und ist für mich das Schlimme dran. Denn dann gibt es auch keine Veränderung, kein Ziel, kein sein – irgendwie.

    lieben Gruß
    Ilana

  3. Julia sagt:

    Liebe Ilana,

    aber Du bist doch hier. Du hast überlebt und kannst es jetzt reflektieren.

    Ich finde das ist schon viel.

    Danke nochmal fürs „nacherklären“ und Deine Geduld.

    Lieber Gruß zurück
    Julia

  4. Ilana sagt:

    Liebe Julia,

    ja ich bin – wieder – hier. Was nicht mein Verdienst ist. Wofür ich aber unendlich dankbar bin.
    Ich bin immer noch eine Marionette – aber keine willenlose mehr. Am „können“ muss ich noch arbeiten, aber dafür ist erstmal Voraussetzung was ändern zu wollen. Das Vorhandene in Frage zu stellen, oder zu hinterfragen, ob ich das so – will.

    Aber ich weiß dass das schwer verständlich ist, vor ein paar Wochen noch hätte ich es auch mit „nicht können“ wohl gleichgesetzt, mich nicht fühlen können oder so unter destruktivem Verhalten vergraben, dass halt kein Zugang grad da ist.

    Mir fehlen immer noch die Worte um es richtig zu erklären, ich kann es immer noch nicht recht – fassen, greifen.

    Dir alles Liebe
    Ilana

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