Medikamente

Seit einigen Wochen nehme ich nun kein einziges Psychopharmaka mehr, nichts was die Stimmung stabilisiert oder ähnliches.

Ja es geht. Aber für mich ist auch klar: sobald die Zahnarztgeschichte abgeschlossen wird, kommt das eine Medikament wieder rein.

Auch wenn es ohne auch geht, wenn es sogar besser geht als gedacht, ist es doch eine Hilfe, einer Unterstützung.

Weil es mir einen Tagesrhythmus bringt, der mit dem „Alltag“ besser handhabbar ist, ich meine Sachen besser erledigt bekomme, ich besser – funktioniere.

Aber auch weil es die Stimmung etwas stabilisiert – nicht viel – aber dieses bisschen ist mir wichtig.

Dagegen steht, dass ich es eigentlich nur nicht nehmen möchte, weil ich es gern ohne Medis schaffen will, weil ich es gern ohne Psychopharmaka hinbekommen will. Und weil ich weniger schlafe.

Nur ganz im ernst – wer hat denn was davon, wenn ich das ohne schaffe? Die Krankenkasse, weil sie es nicht zahlen muss?

Für alle anderen ist es doch piepschnurzegal – solange ich damit umgehen kann.

Was hilft mir dieser Stolz, wenn ich wieder total übermüdet nicht schlafen kann oder es deshalb morgens schon reicht, dass ich erst ein Brötchen aufbacken müsste um frühstücken zu können um mich fast losheulen zu lassen, weil mich das überfordert.

Natürlich funktioniere ich auch mit nicht super, hab auch mit meine Krisen usw – aber irgendwie ist es ohne einfach – extremer.

Ich bin absolut für Medikamente – solange es einem damit gut geht, solange die Wirkung nicht von den Nebenwirkungen wieder aufgefressen wird.

Ich bin auch dafür, dass man das versuchen soll – und ja da auch dranbleiben. Es hat Jahre gedauert bis wir das Medikament gefunden haben, das für mich gut funktioniert. Dass als einzige Nebenwirkung hat, dass ich eben mehr schlafen muss – also auch drauf achten, dass ich nicht regelmäßig zu spät ins Bett gehe.

Ja ohne hab ich einen anderen Rhythmus, aber ehrlichgesagt einen, der mir nicht hilft im Alltag klar zu kommen. Und ich WILL damit klarkommen, ich will morgens in Ruhe aufstehen bevor ich los muss und ich will abends nicht ewig aufbleiben, sondern eben ins Bett, lesen und dann schlafen.

Ich will auch einen geregelten Tagesablauf und zwar einen, dem ich  Termine mit anderen Leuten nicht anpassen muss, sondern der tagsüber eben Zeit für Termine bereithält.

Mit Medikament bedeutet das auch, dass ich dann eben nicht abends jeden Tag endlos vorm Computer hänge, sondern drauf achte, dass es nicht zu spät ist.

Aber das sehe ich nicht als Nachteil – es ist für mich eine Hilfe den Tag zu strukturieren. Ohne Zwang – weil Ausnahmen immer gut möglich ist, aber generell sollte schon eine gewisse Struktur eingehalten werden.

Für mich ist klar, dass es eine kleine Hilfe ist – aber eine, die ich gerne wieder drin hätte, die mich eben unterstützt und bei der die Vorteile für mich bei weitem überwiegen.

Ich wusste schon vorher, dass es auch ohne machbar ist. Sicher auch soweit ganz gut machbar. Aber mir ist mein Stolz es allein zu schaffen nicht mehr wichtiger, als mir die nötige Hilfe zu holen und zuzugestehen.

Es ist kein Muss – bei weitem nicht, aber es ist ein Kann – und zwar eins, dass mir den Alltag und das Leben mit mir – erleichtert.

Der Weg dahin war steinig, so viele Jahre Kampf um was zu finden, dass auch funktioniert ohne zu viel einzuschränken (durch Nebenwirkungen usw), aber irgendwann haben wir das richtige gefunden.

Und die letzten Wochen zeigen mir: es ist nach wie vor gut und richtig für mich. Genau in dieser Dosierung, wobei da kann man dann neu schauen. Die Dosierung war sogar sehr niedrig für dieses Medikament. Und es wird eigentlich für was ganz anderes eingesetzt.

Aber für mich ist es gut so. Und deshalb werde ich es auch wieder reinnehmen, sobald die Lachgasbehandlungen zu Ende sind. Deshalb wurde es nämlich abgesetzt – weil unklar ist ob es da Wechselwirkungen gibt.

Ich bin froh, dass es für mich möglich war es abzusetzen, froh, dass es auch ohne soweit läuft. Aber ich bin auch heilfroh, wenn es wieder rein darf.

Theoretisch dürfte es in niederer Dosierung schon rein – als Bedarf. Und zwar bis auf den Tag vor der Zahnarztbehandlung sogar fast regelmäßigt.

Das mache ich jetzt nicht – weil ich da merke, dass ein weglassen erstmal alles wieder verschlimmert – und ganz ehrlich – das ist so schon heftig genug. Das ist mir dann eine Nacht mehr Schlaf nicht wert, dass die Folgenacht eine einzige Katastrophe ist.

Ein Grund mehr für mich, mich drauf zu freuen, wenn es wieder regelmäßig rein darf – auch wenn das noch eine ganze Weile (geschätzt Ende des Jahres) dauern wird.

Ich habe gelernt Medikamente als das zusehen, was sie sind: Hilfe, Unterstützung, die durchaus auch ihren Preis hat, die unendlich viel Geduld braucht bis man die richtigen Einstellungen gefunden hat – die sich dann aber auch lohnen, weil sie mir das Leben wirklich erleichtern können. Ich muss es nur zulassen, mich drauf einlassen. Ihnen wertneutral begegnen. Wenn ich nur mit negativen Erwartungen da ran gehe oder mich „gezwungen“ fühle, wird das das Befinden dermaßen beeinflussen, dass allein davon schon ein Teil der Wirkung „wieder aufgefressen“ wird. Nicht im Sinne davon dass es dann nicht wirkt, sondern dass für einen persönlich dann Nebenwirkungen immer schwerer wiegen werden als Wirkung. Weil man das schon so erwarte, weil man es eigentlich gar nicht probieren – will.

Bei mir hat sich da im Laufe der letzten 15 Jahren einiges verändert. Gott sei Dank.

Nachtrag: und weil die erste vorwurfsvolle mail schon da ist: das ist mein Weg, ich sag damit nicht, dass das jeder so machen soll, dass jeder Medikamente braucht oder nehmen muss usw.

Sagen wollte ich einzig und allein: Jeder muss das für sich selbst entscheiden, abwägen ob die Vorteile überwiegen oder die Nachteile so viel Einfluss ausüben, dass es einem mehr schadet als hilft.

Ich verstehe das kategorische Ablehnen von Medikamenten (grade bei Antidepressiva ja durchaus häufiger Thema) nicht – das gebe ich zu.

Aber ich verstehe durchaus, dass einen die Nebenwirkungen fertig machen und den Nutzen nicht aufwiegen. Genauso wie ich das „ohne schaffen wollen“ nachvollziehen kann.  Oder dass einem die Geduld ausgeht, weil es wieder und wieder nicht klappt und die Suche nach einem passenden Medikament eine Odysee ist, die leider keinen Erfolg garantiert.

So wie jeder Mensch anders ist, anders reagiert, so muss auch diese Entscheidung sehr individuell getroffen werden.

Jetzt klar genug?

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