real

Er war nicht überzeugt, war unsicher – versuchte die Situationen, in denen das Sprechen nicht klappte – irgendwo zuzuordnen – eine andere Schublade zu finden.

Doch er fand keine.

Die Überlegung war eine Verhaltensanalyse zu machen – zu jeder einzelnen Situation (die ja doch stellvertretend für andere standen) – doch das Ergebnis hätte nur das gebracht, was wir schon hatten.

Wir hatten einige Situationen (ziemlich viele), die sich nicht zuordnen ließen – denn genau deshalb lagen sie ja auf diesem Stapel.

Nach meinem Telefonat mit Boris Hartmann war erst ein „ja genau so ist es – genau so!“, als ich bei Sab las, war so oft ein „wow das sind genau die Worte, die ich schon so lange verzweifelt suche“.

Es war vertraut, aber es gab auch Unterschiede. Aber am erschreckensten fand ich, dass ich meinen Vater so wieder fand.

Das Schweigen war schon oft Thema, als ich mit meinem Thera dann unter den neuen Gesichtspunkten sprach – ihm auch Mutismus so erklärte wie ich es verstanden habe. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass vieles was bisher unter Sozialphobie eingeordnet wurde, gar nicht da rein gehört.

Auch die Sozialphobie haben wir nie genauer angesehen – es war halt ein Begriff der passte, der irgendwann mal diagnostiziert wurde, weil ich nicht an Therapiegruppen teilnehmen konnte, aber es gibt die Fälle, in denen ich unter Leuten bin und keine Probleme habe – etwas was bei Sozialphobie eigentlich nicht auftritt.

Genauer hinschauen ergab, dass es immer um ein „gesehen werden“ geht, aber heftig wird es bei angesehen oder bewertet werden – und vor allem: wenn von mir etwas erwartet wird – dass ich etwas sage, antworte oder ähnliches. Dabei ist das nicht nur auf das Sprechen beschränkt – auch ein Nicken oder ähnliches war schon ein Problem.

Vor Jahren war es ja mal so, dass ich nicht vor die Tür gehen konnte. Die Angst die dahintersteckte (und die ich damals auch so formuliert hatte) war, dass mich ja jemand nach der Uhrzeit fragen könnte. Jemanden zu begegnen oder ähnliches.

Mein Thera war dann sehr schnell überzeugt, dass die Ursache wohl der Mutismus ist – und die Sozialphobie da eher die Folge ist.

Aber er nahm diese Diagnose auch sehr freudig auf, zu freudig.

Deshalb war mir wichtig, dass ein Außenstehender da wirklich genauer hinschaut und das auf „Herz und Nieren“ prüft.

Das ist die letzten Wochen gelaufen – irgendwann war ich nur noch verwirrt und unsicher, denn der Begriff Mutismus hat plötzlich eine Tiefe bekommen, Hintergrund, neurophysiologische und -biologische Abläufe usw. Bewusst sind wir von der Seite aus herangegangen, dass es KEIN Mutismus ist und die Diagnose wirklich bewiesen sein muss – die Urlaubsvertretung ging sehr skeptisch dran (deshalb wurde ja auch der dafür ausgewählt).

Wir haben das alles ziemlich auseinandergepflückt – in einem Ausmaß der für mich wirklich verwirrend und verunsichernd war. Irgendwann wusste ich gar nicht mehr wo wie was.

Heute wurden diese vielen Teile in die es zerpflückt wurde wieder zusammengesetzt.

Die Diagnose steht nun fest – zu 99,5 % (er möchte sich die 0,5 % Alpha- und Beta-Fehler bewahren 😉 ):

selektiver Mutismus

Dieser Beitrag wurde unter Psycho-Somatik, Therapie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu real

  1. lea sagt:

    Bist du jetzt zufrieden, noch etwas zu haben, was du „vorzeigen“ und worüber du dich ausmachen kannst?

    • Ilana sagt:

      Hallo Lea,
      ich mach mich nicht über die Diagnosen aus – aber für mich erklärt es manches. Zufrieden? Ja – denn für mich bedeutet es auch, dass ich dann in Situationen in denen das Sprechen nicht geht für mich eine Erklärung da ist, eine Begründung und auch eine Ursache – das erleichtert mir den Umgang mit der Situation – weil ich nicht in diese „Negativschleife“ reingerate (stell dich nicht so an usw.). Es gelingt mir damit eher zu sagen „es ist halt grad wie es ist“.

  2. Svea sagt:

    Die Diskussion hatte ich auch schon. Allerdings nicht nur mit einem anonymen Kommentar, sondern mit einer ehemaligen Freundin.

    „Du beziehst dich zu sehr auf deine Diagnosen.“ – „Bitte was tu ich? Nur weil ich jetzt weiß wie mein Feind heißt, geb ich doch nicht mit ihm an.“

    Mir fällt gerade ein Zitat aus einem Jugendbuch ein, was ich in der letzten Woche verschlungen habe. Ein Fantasybuch… in dem sich die Charaktere einen „Schutznamen“ geben. Denn „Wenn du den tatsächlichen Namen von etwas kennst, hast du Macht darüber.“ ! und „Man muss nur den Namen kennen und wissen, wie man damit umgeht.“ ! Der Zusammenhang ist selbstverständlich ein ganz anderer. Aber ich finde es mehr als passend.

  3. Ilana sagt:

    Für mich ist das „benennen können“ was ganz wichtiges – auch grade wegen meiner Kindheit, denn da war schon sehr vielen klar was da läuft, aber es wurde nur mit einem „etwas“ benannt. Selbst mein Vater hatte dem Jugendamt gegenüber zugegeben, dass „was“ gelaufen ist – aber keiner fragte nach. Alle hatten Angst da einen Namen für zu haben und dann vielleicht handeln zu müssen.

    Aber eine Bekannte ist eine Hypochonderin, die etwas liest und das dann natürlich gleich hat. Sowas macht mich immer so wütend – auch weil ich mit Diagnosen immer sehr hadere.

    Mutismus war die bisher erste, wo nicht so ein wehren von meiner Seite da war – das allein reichte schon, dass ich das erst recht geklärt haben wollte. Zumal die Möglichkeit gegeben war – es waren keine Extra-Termine nötig und ich hatte im August die Urlaubsvertretung bei jemanden, der Diagnosen ähnlich kritisch (wenn nicht sogar noch kritischer) als ich gegenübersteht. Außerdem jemand, der das fachliche Wissen für die Diagnostik hat.

    Mir ging es darum es zu benennen – wie in anderen Beiträgen über das Schweigen – ging es mir mit diesen, die ich zuordnen konnte – besser, da konnte ich besser mit umgehen, aber es blieben viele (die meisten – vor allen im Alltag)über, die ich nicht für mich schlüssig erklären konnte.

    Jetzt weiß ich, dass das mit dem Mutismus auch korrekt ist – nicht nur für mich gefühlsmäßig (dem ich eh nicht traue) – sondern auch offiziell – grade weil das ja auch für Gutachten usw wichtig ist – war mir das wichtig.

    Aber das mit dem Namen haben – ist wichtig. Dazu werde ich auch noch einen Beitrag mal schreiben 😉

Kommentare sind geschlossen.