schreckliche Erkenntnisse

Ich habe jetzt lange überlegt ob ich diesen Beitrag unter Passwortschutz schreibe und mich dagegen entschieden. Aber es geht sehr ins Detail – also passt auf euch auf.

Deshalb geht es erst nach den * weiter …

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Bilder und Gedanken, Details von Missbrauchssituationen, die bisher nicht da war, „Kleinigkeiten“, die bisher eher verschwommen waren – zum Beispiel wie er aussah. Ich sehe plötzlich nicht nur ihn und seine weiße Feinrippunterwäsche mit dem Eingriff, sondern Details, wie er aussah – da unten. Oder wie seine Hände meine umfassen um mich „anzuleiten“ – sehe den Größenunterschied, der mir klar macht wie klein ich da doch war.

Ich sehe und höre ihn – gutmütig, geduldig, wie er beruhigend auf mich einredet, aber auch grob und „gewaltig“, angstmachend und aufgeilend an der Macht und Gewalt. Sehe seine Narbe vor mir – auf dem Bauch – wo er mal aufgeschnitten wurde als er 15 war – weil er vom Baum gefallen war und sie nachgucken wollten ob alles ok ist (wie er mal auf Nachfragen erzählte).

Ich sehe die Hände meiner Mutter – beim „untrisch waschen“ – reibend, kneifend, so grob und hart, spüre sie, wie sie sich ihren Weg bahnen. Sehe ihre Augen vor mir, mit diesem speziellen Glitzern darin, hier ging es nicht um Sex, sondern um die Lust am Schmerzen bereiten. Höre diesen bestimmten Ton in der Stimme, sehe diesen bestimmten Zug um de Mund – aber vor allem ihre Augen. Ich spüre den Schmerz – und die Fassungslosigkeit, dass es ihr immer wieder gelingt noch mehr Schmerz zu bereiten. Spüre diese Macht in der Luft – dass es genau darum geht. Höre ihren Atem, der stossweiße kommt, spüre ihre Finger in mir und das Erschrecken, als diese nicht nur vorne, sondern plötzlich auch noch hinten Eingang erzwingen. Sich ergötzen an dem entfleuchten Stöhnen ob des Schmerzes – weil für einen Schrei keine Luft mehr in den Lungen.

Ich höre den Atem des Vaters, wie er sich verändert und ich höre, wie er nach der Bestätigung verlangt, wie toll sich das doch anfühlt und dass ich das doch so gerne mag und er es doch bitte nochmal machen soll, weil ich nicht genug bekommen kann.

Ich spüre die Angst zu ersticken, seine Hände am Hinterkopf, wie er mich führt, spüre sein Schamhaar, das mich kitzelt – und dass er viel zu groß war – für diesen kleinen Mund – so wie er auch viel zu groß war für andere Stellen.

Sehe wie ich vor ihm knie und das Erbrochene von seinen Füßen – und dem Boden lecke weil ich statt zu schlucken spuckte. Sehe diese Füße vor mir – ganz weiß auf diesem dunkelbraun-orangenen Teppichboden.

Höre Anweisungen, wenn ich wieder einmal „befördert“ worden bin und das ewige „das müssen wir wohl noch üben“. Wie er mir erklärt und zeigt, wie ich ihn halten und reiben soll, gleichzeitig aber mit der anderen Hand seine Eier kraulen und ein bisschen drücken soll – wehe aber es ist zu fest. So klein stehe ich vor ihm.

Dann sollte ich einfach nur daliegen, seine Hände huschen über den Körper und erkunden jeden Zentimeter, manche davon sehr genau.

Ich sehe aber auch meine Schwestern, spüre ihre Angst und wie er sie begrabscht. Sehe das Nachthemd vor mir, dass K. anhat und ihre riesigen Augen, die vor Angst hervor zu quellen scheinen. Sie sind acht Jahre älter als ich – ich verstehe nicht was da passiert – liege in meinem Kinderbett, das daneben steht und bin einfach nur irritiert – ohne zu Wissen warum.

Ich sehe seine Hände, den Ehering am Finger wie sie meinen Slip halten und zur Seite legen um erneut auf Wanderschaft zu gehen. Manchmal sehe ich nur die Hände, ohne den Menschen dahinter – manchmal sehe ich nur die Arme, weil die Hände mich festhalten und niederdrücken.

Ich spüre sein Knie – dass die Beine auseinander zwingt – und sehe dieses Knie dabei vor mir (und weiß doch, dass ich eigentlich das andere sehe, das neben mir aufgestellt steht).

Und ich sehe seinen Penis, immer wenn ich ihn spüre – wie er über meine Augen streicht, über mein Gesicht, sich in Ohren und Nase zu zwängen versucht, den Körper entlang streift um schließlich zwischen den Beinen zu ruhen – da liegt er anfangs dann nur – erkundet die Gegend wie zuvor die Finger – stupst an – auch wenn er erst Jahre später auch die Tiefe erobert.

Ich sehe sein Sperma – das so unterschiedlich war, kann es fast riechen – an den verschiedensten Orten – um mich herum, auf mir, spüre es – in mir. Anfangs dachte ich, er pinkelt mich an oder nutzt mich als Toilette.

Die Jahre geraten durcheinander, mal bin ich vielleicht drei oder vier, mal zehn, mal älter – nur um dann wieder ganz klein zu sein. Bunt gemischt, keine „neuen“ Situationen, aber so viel mehr Detailbilder, die sich einbrennen.

Das schlimmste jedoch ist, dass ich weiß, dass diese Bilder jetzt hochkommen, um mich zu schützen.

Und mir wird schlecht bei dieser Erkenntnis.

Der sexuelle Missbrauch ist für mich „weniger schlimm“ als das um was es grade eigentlich geht. Es ist „handhabbarer“ als mich mit der Mutter auseinanderzusetzen. Mit den permanenten Machtspielchen, dem ununterbrochenen Psychoterror, der Lieblosigkeit und ihrer Freude daran andere zu demütigen und zu quälen.

Es erschreckt mich zutiefst – dass ich mich in den Missbrauch „flüchte“ um mich nicht dem Schmerz und der Sehnsucht stellen zu müssen, der auf dieser Seite lauert.

Für mich war immer klar, dass das was mein Vater tat zwar schlimm ist, aber weniger in mir zerstört hat als das was die Mutter gemacht hat. Weil es das „kleinere Übel“ war, weil er „authentischer“ war, weil es bei ihm auch positive Erfahrungen gab, das Gefühl, dass ihm was an mir liegt. Ich will das nicht verharmlosen – die beiden haben zusammen gearbeitet – ob bewusst oder nicht. Aber die Mutter hat viel mehr zerstört in mir.

Ich habe Angst vor diesen Abgründen – das weiß ich schon lange – nicht umsonst hab ich die letzten Monate mich geweigert das näher anzuschauen. Gab ja auch genug anderes – doch diesmal ist es anders.

Die Bilder sind da, ich höre die Worte, spüre die Übergriffe und auch die Gefühle – und doch ist klar, dass es eigentlich grad gar nicht darum geht, sondern die „vorgeschickt“ werden, damit ich dem anderen weiter ausweichen kann.

Diese Erkenntnis erschüttert mich. Warum greift mein Unterbewusstsein als Ablenkung ausgerechnet zu diesen Bildern?

Ich weiß dass ich den Vater immer noch zu sehr „entschuldige“ – nicht seine Taten, sondern im Gesamtverhalten mir gegenüber. Aber ich dachte eigentlich, dass es nichts Schlimmeres gibt als (sexuellen) Missbrauch was man einem Kind antun kann.

Und muss erkennen, dass es für mich doch Schlimmeres gibt – meine Mutter.

Das macht mir noch mehr Angst – denn ich finde die Missbrauchssituationen ehrlich gesagt schon heftig genug.

Was für Abgründe werden sich da noch auftun?

Mir ist klar dass es emotionale sein werden – bisher ging es mehr um Schmerz (auch mehr körperlichen) und Ekel und Angst – alles eher „körperliche“ Gefühle. Jetzt geht es um Sehnsucht – nach Liebe, Geborgenheit, Schutz – und um Lieblosigkeit, Hass und Demütigung, ums Niedermachen und eben nicht „einzelne schlimme Taten“ – sondern um eine Gesamtheit, einer Geringschätzung und Entwertung, die sich grade auch im Alltag in den Kleinigkeiten so zeigt.

Es ist nicht mehr so „fassbar“ und ich kann nicht sagen: dieses und jenes – das war schlimm – weil die einzelnen Beispiele durchaus „normal“ sein können – und es nur durch die Summe, die Gesamtheit – so schlimm wird. Weil es keine „Ausrutscher“ waren oder eben Phasen in denen sie eben so war, sondern immer. Gleichzeitig so geschickt, dass sie sich nach außen meist als das Opfer darstellte – und zwar glaubhaft.

Beim Vater wusste ich woran ich war – er war einschätzbar, während die Mutter nur unberechenbar war – und es keinen Moment gab, in dem sie andere wirklich wert geschätzt hatte.

Trotzdem erschüttert es mich, dass mir die Missbrauchsituationen und oben genannten Bilder (die ja nur ein Auszug sind und bei weitem nicht alle die da sind) für mich so viel „harmloser“ sind, dass ich diese als Schutz vorziehe, sie noch nicht mal als destruktives Verhalten auftauchen, sondern weil sie handhabbarer sind und „sicherer“.

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