Missbrauch und Glaube

Die Frage: Wo war Gott während des Missbrauchs? – ist bei dem Thema allgegenwärtig (auch bei anderen schlimmen Ereignissen wie Naturkatastrophen oder was auch immer).

Ich bin gläubig, ich glaube das Gott immer bei mir ist. Doch wo war er damals – als Kind, wo war er als ich nur noch sterben wollte (auch noch vor wenigen Jahren)? Wo ist er bei den Flashbacks?

Heute – auch in sehr dunklen Zeiten – habe ich schon das Gefühl er ist da – er ist bei mir, er sitzt/steht neben mir, ganz nah – nicht um mich zu schützen, sondern um mich nicht allein zu lassen.

Wenn ich das weiterspinne müsste ich sagen:

Ich glaube er war da, bei mir, in dem Moment wo der Vater mich missbrauchte

Ich glaube er war da, bei mir, in dem Moment, in dem meine Mutter mir weh tat und ich ihre Erregung in den Augen sah.

Glaube ich das wirklich?

***

Ich glaube das er bei mir ist – auch in den dunklesten Stunden – als Zeuge und damit ich in dem Schmerz, der Verzweiflung, dem Horror nicht alleine bin – er fühlt ihn mit, sieht nicht weg – sondern hin – nicht um sich aufzugeilen, sondern um den Schmerz und den Ekel ebenfalls zu fühlen.

Er ist bei mir – und er bezeugt das was da passiert.

Doch warum schützt er mich dann nicht?

Ich hab kein Gottesbild, bei dem er mich vor allem schützt – das könnte ich auch nicht nachdem was mir widerfuhr. Ich glaube auch an den freien Willen – der Mensch ist keine Marionette oder Spielfigur von Gott –  er gibt den Menschen Fähigkeiten – gute und schlechte – und es ist die Entscheidung und die Verantwortung des Menschen was er daraus macht.

Der Mensch kann sich entscheiden – das gilt auch für ehemalige Opfer die Täter werden – kein Opfer MUSS Täter werden, das ist eine Entscheidung die der entsprechende trifft – so ist auch jeder Mensch für seine Handlungen verantwortlich.

Es entspricht nicht meinem Glauben die Verantwortung für alles nach oben abzugeben. Gott fügt keine Missstände. Aber er läßt sie zu.

Das wiederum gehört zum freien Willen – denn würde er immer einschreiten – wäre es kein freier Wille mehr.

Und wie ich das hier so schreibe – ja ich glaube, dass Gott damals dabei war, dass er bei mir war – als Zeuge, aber auch um das Leid mit mir zu teilen (keine Frage – es ist immer noch mehr als genug).

Ich glaube nicht daran, dass Naturkatastrophen Gottes Reaktion auf unseren Unglauben ist – sondern dass wir mit unseren Tagen zum Teil selbst dafür verantwortlich sind – weil wir keine Rücksicht auf die Natur nehmen, die Erde ausbeuten.

Insofern tragen wir auch  einen Teil der Schuld unserer Ahnen in uns. Doch verantworten muss ich mich für MEINE Taten und Nichttaten. Denn auch das nichts tun, nicht hinschauen, nicht hinhören – ist eine Tat.

Es gibt diesen Text Spuren im Sand. Da heißt es, dass der Herr mich in den schlimmsten Zeiten getragen hat.

Das sehe ich anders – die Vorstellung dass er einen Teil des Leids auf sich nimmt – klar kann es sein, dass es ohne noch schlimmer wäre – aber ganz ehrlich – es ist schlimm genug. Ich fühlte und fühle mich da nicht getragen, sondern meist recht allein gelassen.

Zu oft hab ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich auf niemanden außer mir verlassen kann (und oft genug nicht mal auf mich), nein ich fühlte mich nicht getragen. Trotzdem glaube ich dass er da ist, dass er mein Leid spürt und mitleidet.

Ich glaube auch nicht dass das Schlimme passiert um uns zu bestrafen, prüfen oder uns etwas zu lehren. Denn das würde man niemanden den man liebt antun – weder so zu bestrafen, noch so hart zu prüfen oder einen so hohen Preis für die Lehre zu veranschlagen.

Aber ich glaube daran, dass wir an dem Schlimmen wachsen können, dass die Art wie wir damit umgehen – uns prägen. Trotzdem ist der Preis nur all zu oft viel zu hoch.

Da sind wir wieder beim freien Willen – es liegt an uns wie wir damit umgehen, was wir daraus machen.

Und ich glaube, dass Gott schon manchmal Möglichkeiten bietet, dass er uns Engel schickt die uns helfen sollen – Menschen, die unseren Weg kreuzen, die die richtigen Worte finden, uns helfen können.

Uns wird das Leben geschenkt, für alles weitere – müssen wir auch etwas tun. Dabei geht es nicht um Leistung – sondern darum, dass wir uns bemühen unser Bestes zu geben.

Vor vielen vielen Jahren hab ich mal ein Dankgebet geschrieben, in dem stand, dass Gott mich meine Wege gehen läßt – dass es meine Entscheidung ist ob ich links oder rechts gehe, dass er mir die Fähigkeit gegeben hat zu entscheiden was richtig und falsch ist. Aber auch wenn ich den falschen Weg wähle, ist er da – und wenn ich strauchle kommt kein „hab ich dir ja gesagt“ – sondern er hilft mir auf und begleitet mich zurück.

Er ist nicht mit jeder Entscheidung einverstanden, doch er ist bereit zu verzeihen und mich jederzeit wieder aufzunehmen, wenn ich mich von ihm abwende.

Ich glaube nicht an einen strafenden Gott, aber an einen der hinschaut und an einen verzeihenden Gott, wenn jemand bereut wenn er was Schlimmes oder Verletzendes getan hat. Bereuen heißt auch wieder gut machen wollen und vor allem sich bemühen, dass es nie wieder passiert – bereuen heißt nicht „ach dann geh ich zur Beichte und alles ist wieder gut“ und dann hingehen und es wieder tun.

Ich glaube nicht an einen lieben Gott, aber ich glaube an einen liebenden Gott.

Ich bin nicht dankbar für das was mir passiert ist, ich glaube auch nicht dass es schon einen Sinn haben wird, den ich nur noch nicht erkenne. Aber ich bin dankbar für meinen Glauben, der für mich nicht selbstverständlich ist. Dieser Glaube ist ein Geschenk, nichts was erklärbar wäre oder begründbar, nichts was theoretisch geprüft oder was auch immer ist – er wurde mir geschenkt.

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11 Antworten auf Missbrauch und Glaube

  1. psychoMUELL sagt:

    wenn dir dein Glaube hilft zu überleben bzw zu leben …
    ich glaube nicht mehr, meine Erfahrungen haben mich vom Glauben total abgebracht!

  2. Ilana sagt:

    Der Glaube war nicht die Hilfe zu überleben – das liegt an mir – ich muss mit dem was passierte umgehen lernen, ich muss etwas dafür tun – unabhängig vom Glauben.

    Das was passiert ist – hat mich weder zum Glauben gebracht, noch mich davon abgebracht – denn ich glaube an den freien Willen und die Verantwortlichkeit des Menschen.

    Die Täter sind verantwortlich – nicht Gott.

    Aber wie ich geschrieben habe: ich sehe den Glauben als Geschenk an, niemand konnte mich überzeugen, man muss es erfahren – und für diese Erfahrung offen sein (womit wir wieder beim freien Willen sind 😉 )

  3. Silberaugen sagt:

    Ich… hm… das ist ein schwieriges Thema.
    Ich glaube auch an Gott. Und ich glaube das wir, als sein Geschenk, immer ein Stück von uns in uns tragen und das wenn das Gedicht sagt: „Dort habe ich dich getragen“, dann hat uns dieser Anteil Göttliches mitgetragen.

    Ist das verständlich oder klingt es blasphemisch? Ich will nicht blasphemisch sein wenn ich sage „die Dinge und Menschen tragen einen Teil Göttliches in sich“, denn das ist etwas, woran ich glaube: jeder Mensch hat einen reinen, liebenden Anteil oder hat ihn gehabt. Aber was wir aus diesem Geschenk machen ist, was nachher Bedeutung hat.

    Meine Eltern haben einen Spruch im Flur hängen, an den ich mich immer gerne erinnere: „Vertrau auf Gott, doch auch auf eigne Kraft – denn Gott segnet nur was der Mensch sich selbst erschafft.“.

    Und im gleichen Atemzug muss ich an meinen ExMann denken, der sich verzweifelt fragte: Warum ich?
    Die Antwort, die er fand war: „Weil Gott wohl glaubt das ich stark genug bin, diese Bürde zu tragen.“

    Hm. War das jetzt alles unpassend? Entschuldige, aber das ist ein Thema das auch mich umtreibt.

    Alles Liebe und eine Gute Nacht,

    Silberaugen

  4. Svea sagt:

    Mhm… ich finde Gott ist ein schwieriges Thema. Gerade auch im Zusammenhang mit Missbrauch oder eben auch einfach „nur“ einer persönlichen Klatsche.

    Ich muss sagen, dass ich völlig unreligiös aufgewachsen bin. Meine gesamte Familie ist entweder ausgetreten oder einfach nur zu faul zum Austreten. Keiner interessiert sich wirklich dafür und ich bin auch damals schon nur aus anderen Gründen ^^ zur Kommunion gegangen. Keiner hat es je geschafft mir Gott näher zu bringen.

    Aber natürlich stell auch ich mir die Frage: Woher kommen wir? Warum passieren Dinge wie sie passieren? Gibt es eine höhere Macht? Schicksal? Doch Gott? Ist er da, obwohl ich nicht an ihn glaube?

    Wenn du eine Kerze anzündest, für irgend wen von uns, dann ist für mich einfach wichtig, dass da jemand sitzt und an mich denkt. Jemand reales. Mit dem gleichen Gedanken habe auch ich schon Kerzen angezündet. Auch in der Kirche. Aber nicht um zu beten, sondern als Symbol, dass ICH an denjenigen denke. Aber selbst das ist lange her. Mittlerweile denke ich „nur“ noch 😉

    Bei den ganzen Fragen drehe ich mich im Kreis. Ich persönlich möchte aber einfach nicht glauben, dass Gott es zulassen würde, dass diese Dinge passieren. Das ist für mich mit einem „liebenden“ Gott nicht vereinbar. Was habe ich davon, wenn er zuschaut? Was habe ich von dem Gedanken, dass es eventuell schlimmer sein könnte, wenn er nicht da wäre?

    Ja, ich glaube an eine höhere Macht die uns hier auf die Welt geworfen hat. Ich glaube z.B. daran, dass man einen wichtigen Menschen immer zweimal im Leben „sieht“. Ich glaube in gewisser Weise ans Schicksal. Ja, ich gehöre zu den Leuten die daran glauben, dass alles irgendwie seinen Sinn hat. Selbst die größte Scheiße. Und wenn es „nur“ die Tatsache ist, dass du das erleben musstest, um diesen Blog zu schreiben, damit wir uns kennen lernen konnten.

    So glaube ich. Aber ich habe keinerlei Problem damit, wenn jemand an Gott glaubt. Solange er mich nicht davon versucht zu überzeugen, dass er da ist 😉

    Übrigens habe ich jetzt noch 39 ungelesene Ilana Einträge vor mir xD

  5. Ilana sagt:

    Wenn du dein Kind liebst – kann die Liebe allein es dennoch nicht immer schützen. Es wird dennoch hinfallen, Verletzungen erfahren und vielleicht auch Schlimmes.

    Ich hab nicht den Anspruch, dass Gott da ist um immer alles abzufangen. Wie gesagt glaube ich auch, dass Gott uns den freien Willen gab – und dass der „wichtiger“ ist. Denn wenn er beim Schlimmen einschreitet – nimmt er den freien Willen – auch wenn es der des Täters ist.

    Er hat uns den freien Willen gegeben und die Fähigkeiten ein guter Mensch zu sein.

    Genaugenommen fände ich das Eingreifen schlimmer – denn dann wären wir wie Spielfiguren – ohne Eigenverantwortung – das fände ich grausam.

    Vielleicht ist es bei mir so, weil ich kürzlich von Canavan eine Triologie gelesen habe, wo 5 Götter über ein Volk herrschen – dieses Volk wird dann von einem anderen Volk angegriffen – und am Ende stellt sich heraus, dass es die selben Götter sind – die die Menschen manipulieren und zu Spielfiguren machen – für die ist das alles einfach nur ein großes Spiel.

    Wenn Gott eingreifen würde, gäbe es keinen freien Willen mehr – denn dann darf ja nur noch der Wille sein, der ihm gefällt.

    Ich glaube auch nicht, dass Gott das zuläßt weil ich stark genug war – sonst gäbe es keine Suizide – denn die waren dann wohl nicht stark genug.

    Mich tröstet manchmal das Wissen, dass da jemand ist, der weiß was passiert ist – der die Ungerechtigkeiten gesehen hat.

    Aber wie Svea wünschte ich mir da manchmal jemand realen, zum anfassen.

    Den Spruch von Silberaugens Eltern find ich klasse – den werd ich mir aufschreiben.

  6. Violine sagt:

    Ich finde gut, dass Du sagst, dass es kein „Trainingslager“ oder was auch immer ist, wenn wir Schlimmes erleben. Ich fand‘ das immer so verlogen. Ich denke dann sofort an die Opfer des NS-Regimes – ist vielleicht ein bisschen krass – aber wer hatte da schon eine Chance, was für sich draus zu lernen? Die meisten sind doch drauf gegangen.
    Klar, wenn man eine schwierige Aufgabe bewältigt, noch dazu, wenn sie einen persönlich betrifft, das stärkt und das formt, aber nicht jede Aufgabe wird bewältigt. Kann mir doch dann nicht vorwerfen lassen, ich sei nicht gläubig genug oder so.

  7. liv sagt:

    Ich glaube, dass Gott immer bei Dir war und mit Dir geweint hat.
    Ich bin tief erschüttert.

    Vielleicht schreibe ich andermal mehr.
    Bis dahin – sei umsegnet von dem, der Seine Kinder lieb hat … dennoch.

    Herzichst, Liv

  8. matze sagt:

    Gott kümmert sich nicht um die Menschen ,
    deshalb wird gemordet …etc ..
    Wir sind ihm (ihr , es )
    völlig egal .leider .

    • Ilana sagt:

      Hallo Matze, das ist eine Glaubenssache – deshalb schrieb ich auch, dass mir der Glaube geschenkt wurde und ich darüber sehr dankbar bin. Wie gesagt sehe ich das Problem eher im freien Willen, ein Gott der ständig eingreift (im Guten wie im Bösen) hätte für mich was erschrenkendes – da wären wir nur noch Spielfiguren. Gott ist auch nicht verantwortlich dafür was ich aus meinem Leben mache.

      Selbstverantwortung des Menschen – finde ich ganz wichtig – und ist für mich mit dem Glauben auch vereinbar.

      Glaube kann man nicht erzwingen, aber man kann ihn geschenkt bekommen, wenn man will – die meisten die nicht glauben (können), wollen auch nicht glauben. Und das ist ihr gutes Recht, es ist ihre Entscheidung.

  9. Madlen sagt:

    Ich persönlich glaube nicht, aber zu sehen dass auch der Glaube an Gott Gutes verrichten kann, ist sehr schön.

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