Arten des Schweigens

Ich kenne die unterschiedlichen Arten „nicht sprechen zu können“ – diese Arten „fühlen“ sich alle anders an, Schweigen ist für mich nicht gleich Schweigen
ich
– kenne den speechless terror – das sprachlose Entsetzen, das bei PTBS so oft vorkommt – da ist irgendwie nichts mehr da – da ist wirklich nur sprachloses Entsetzen – kein Denken, nur noch ein verharren und „nicht fassen können“ irgendwie

– kenne auch das peinliche Schweigen – weil das was ich sagen sollte/wollte – einfach so peinlich ist oder so schlimm – das ist eher ein „sich windendes Schweigen“

– kenne auch das einfach erstarren – am ganzen Körper – nicht mehr bewegen können und natürlich auch nicht mehr sprechen können – keine Ahnung ob das schon eine Form des Mutismus sein könnte – für mich war das nicht immer durch Flashbacks oder so ausgelöst (das würde dann auch eher zum speechless terror gehören) – sondern oft für mich völlig unklar – weil mich jemand nach der Uhrzeit fragt oder was auch immer

– kenne auch den Blackout – dass einfach nichts im Kopf ist was ich sagen könnte – alles wie leergefegt

– und das „still werden“ – wenn alles zu viel wird, zu viele Eindrücke auf mich einprasseln oder die Gefühle zu intensiv werden – ein Gefühl wenn ich jetzt ein Wort sage bricht irgendwie alles zusammen – ich heule los oder flippe einfach aus – aber es ist kein „still werden“ das ich groß steuern könnte – ich kann dann auch nichts sagen

– was ich aber nie zuordnen konnte, war eben dass ich was sagen will – und es geht nicht – ich kann meine Stimmbänder, meine Zunge, meine Lippen nicht dazu bewegen sich zu bewegen, einen Laut zu formen, es ist wie ein erstarren – aber ohne Angst, ohne Panik – und betrifft hauptsächlich Kehlkopf, Stimmlippen, Mund, Zunge usw. Da kann ich auch die Zunge dann nicht groß bewegen – als würden diese Teile nicht zu mir gehören. Zwar ist dann auch der restl. Körper starr, aber nicht so wie beim nur erstarren – nur halt starrer als normal.

– was auch nicht zuordenbar war, war, dass ich am Schalter stehe und dann kein Wort rauskriege – ich hab das alles immer auf die Sozialphobie geschoben, mittlerweile glaube ich das nicht mehr – die Sozialphobie ist da – aber eigentlich weit weniger ausgeprägt als ich dachte – solange ich nichts sprechen muss und nicht angesehen/bewertet werde – trotzdem auch ohne Sprechen – ein Gottesdienst z.Bsp – doch die Anzahl der Menschen die dann da sein können ist bei „sprachlosen“ Veranstaltungen deutlich höher als 3.

– was auch nicht zuordenbar war, war das schlecht telefonieren können, dass ich da irgendwie wortkarg bin oder nur kurze Sätze sage usw (gibt da nur wenige Ausnahmen, bei D. z.Bsp klappt das mit dem Sprechen gut)

– oder das in der Schule bei Prüfungen mal das Blackout und nichts sagen können da war und manchmal ging es aber gut (und ich immer dachte warum ich mal Prüfungsangst habe und mal nicht – zumal es von der Art der Prüfung unabhängig war – ob das mal aufgerufen werden oder eine Jahresprüfung war – ich wusste nie ob es klappt oder nicht – egal ob ich den Stoff beherrschte oder nicht), dass ich auch im Beruf immer eher die stille war – die zuhört – auch beim trösten eher die war, die nichts sagt, sondern eher was macht usw. Das wurde mir so oft gesagt, dass grade das mich ausmacht, dass ich eben nicht mit leeren Phrasen tröste, sondern da bin und zuhöre – und Schweigen aushalten kann (was mir heute als Ironie erscheint).

– oder auf die Frage nach meinem Namen oder den Katzen nichts raukriege

Wenn ich was sagen wollte, die Worte im Kopf hatte – und auch nicht Angst hatte dass es peinlich wäre oder so – und dann nichts sagen konnte, weil die Worte sich einfach nicht bilden ließen, weil kein Laut zu produzieren war – das war für mich immer das Schlimmste. Manchmal war auch das was ich sagen wollte, dann in dem Moment einfach weg. Doch meist saß ich dann nur fassungslos da und versuchte verzweifelt die Kontrolle über die Sprechorgane zurückzubekommen.

Versuchte? Besser wohl versuche.

Der Thera fragte mich heute wie oft das vorkommt – ich sagte heute nur noch ab und an.

Dann fragte er nach dem letzten Mal – gestern

Und sonst so die letzten Male – und ich merkte dass es deutlich öfter vorkommt als ich mir eingestehen will. Nur dass ich manchmal dann halt kneife und am Schalter anstehe und bevor ich dran bin – doch zum Automaten gehe – weil ich merke, dass ich schon wieder meine Zunge nicht wirklich bewegen kann oder ähnliches.

Gleichzeitig aber auch – dass es besser ist – vor zwei Jahren noch, war das „nicht sprechen können“ ein deutlich größeres Problem – und dass ich im Zuge der unzähligen Angsttraining – auch daran gearbeitet habe.

Dass es keine Zeiten gibt wo es gar kein Thema ist, aber dass es deutlich schlechter ist, wenn es mir allgemein nicht gut geht, der allgemeine Stresspegel höher ist – ich auch sonst empfindlicher bin für Triggerreize oder ähnliches. Wenn es mir gut geht, ich fit bin und stabil – kann ich auch gezielter damit umgehen, es bewusster trainieren oder eben bewusster nicht zum Automaten sondern an den Schalter gehen.

Und mir ist aufgefallen – dass Reden für mich nie normal ist – selbst wenn es gut geht – ist es für mich nicht selbstverständlich.

Aber auch, dass seit das mit dem Mutismus so konkret im Raum steht (und nicht nur so irgendwie seit Jahren ohne sich wirklich damit zu beschäftigen) – ich mehr Verständnis für die Phasen habe, wo es nicht so geht. Dass ich mich nicht mehr so oft im Selbsthass verliere wie früher, dass ich mich deswegen nicht mehr so niedermache oder unter Druck setze.

Das konnte ich immer gut bei den Situationen wo das Schweigen erklärbar war – speechless terror usw – da war es „ok“ und ein „ist halt so – kann ich ja dran arbeiten“ – doch bei den nicht erklärbaren oder die nicht so recht passten – hab ich mich immer niedergemacht – in der „stell dich nicht so an“-Manier.

Das ist heute anders – ich begegne dem mit mehr Verständnis (auch wenn ich an der Akzeptanz noch hart arbeiten muss).

Vieles was wir die letzten Jahre in der Therapie gemacht haben, entspricht genau den Therapien die bei Mutismus eingesetzt werden. Das „nicht sprechen können“ – war jahrelang Thema in der Therapie – wir fanden andere Lösungen, vor allem das aufschreiben – das auch heute für mich noch sehr wichtig ist.

Oft löst das Aufschreiben die Blockade – nicht ganz – aber dass zumindest wieder einzelne Worte gehen. Die Stimmbildung hat mir mehr Verständnis für die Abläufe beim Bilden eines Tones gegeben – und durch die Übungen auch etwas mehr Kontrolle darüber. Ein bewussteres „hinfühlen“. Das kommt mir heute zugute – als Skill kann ich dann versuchen mich darauf zu konzentrieren – nur auf das Gefühl – der Stimmlippen oder so – nicht auf den Ton.

All diese Dinge nutze ich um Angstzustände unter Kontrolle zu kriegen – und meistens funktionieren sie.

Keine Ahnung ob ich jemals zum Bäcker gehen werde ohne der Unsicherheit ob ich meine Brötchen auch bestellt bekomme, ohne das Vorbereiten „wo muss ich hinzeigen“ oder ähnliches.

Als Jugendliche hab ich einen Gebärdensprachkurs besucht – mit Begeisterung – für mich war das eine Art sprechen zu können, wo mich der Mund nicht im Stich lässt. Leider fand ich niemanden zum üben, so dass davon nichts mehr da ist. Doch ich habe solche Dinge gesucht – Alternativen mich auszudrücken – weil das mit der Sprache nicht ging.

Doch dass es mit der Sprache nicht ging hing nicht nur mit dem Mutismus zusammen – sondern auch mit den Traumata – und dem „nicht sprechen dürfen“.

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2 Antworten auf Arten des Schweigens

  1. Regenfrau sagt:

    Das find ich ja interessant,
    Deine Gedanken zu diesem schweigen und nicht reden können.

    Sehr gut (leider) kenne ich dieses pure entsetzen und absolute Sprachlosigkeit ohne recht den Grund dazu wissen…sondern eher als körperlicher Flashback. Der Körper erinnert sich und ich fühle viel, kanns aber mit dem Verstand nicht erfassen was da grad los ist.
    Blöd, wenn andere dabei sind und fragen, was denn grad ist und ich das nicht verbalisieren kann, weil ich es selbst nicht weiß.

    Und dann kenn ich von mir das *stumm-werden* wenn mir etwas zuviel wird.
    Da schwächt mich selbst das reden so körperlich, dass ich das Gefühl habe, gleich zusammen zu klappen.
    Hat was mit meiner Hochsensibilität zu tun.
    Und wehe es bohrt einer nach, in so einer Phase, da werde ich aber…uhhhhhhhh 🙂
    Bis jetzt kenne ich nur einen (!) Mann der damit ganz easy und locker umging. Als ein anderer mich ansprach und ich nicht reagieren konnte, sagte der Mann: laß sie einfach, die meditiert gerade.
    Ohne, dass ich dem Mann jemals was davon erzählte…er „wußte“ es einfach.
    Er ließ mich so sein und meckerte nicht..
    Ganz klasse Gefühl 😉

    Schönen Tag Dir noch 😉

  2. Ilana sagt:

    stimmt – das „still werden“ wenn alles zuviel ist – kenn ich auch – werde ich oben gleich noch mit einfügen. Danke. Find ich klasse dass der Mann das einfach so akzeptiert hat 🙂

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