Thera heute

Tischlerei war ziemlich gut – allerdings ist da ein neuer Patient der sehr sehr anstrengend ist – sehr! Das ging Gott sei Dank nicht nur mir so, sondern auch den Tischlern. Wie bitte kann man dem Tischler anbieten, dass er ihn doch fragen kann, wenn er was nicht weiß, weil er sei ja auch ein halber Tischler (und er hat echt Null Ahnung)? Oder mir sagen, dass ich den Kaffee wohl machen musste, weil ich eine Frau bin? Ich war dann auch noch undankbar, als er mir Hilfe anbot (und im Anschluß fragte, was ich eigentlich mache) und dass er ja Erfahrung mit Weihnachtsmärkten hat und er uns helfen könnte alles besser zu machen usw.

Ich gestehe – ich war etwas abweisend und als ich den beiden Tischlern irgendwann sagte, wenn sie jemals auf die Idee kommen, dass ich mit dem irgendwas tun muss – streike ich. Als er ging seufzte sogar S. auf – der immer die Ruhe selbst ist und über Patienten nie etwas sagt – und meinte: der sei aber anstrengend.

Ganz ehrlich – ich war nah dran mit der Japansäge (lt. ihm ja ein Samuraischwert) – eins überzuziehen. Dabei hatte ich jetzt mit ihm nichts zu tun – während ein anderer Mitpatient den ganzen Vormittag mit ihm Platten schleppen und dann die Sachen entsorgen musste – er hat mein vollstes Mitgefühl.

Ich werde die Unhöfliche, die nicht antwortet wenn man sie anspricht und die anderen einfach ignoriert – zumindest was ihn angeht – ich fürchte sonst gibt’s mal richtig Ärger zwischen uns – aber richtig.

In der Thera dann sprachen wir noch kurz über den „Deal“ vom Freitag (das der Mülleimer nicht von der Müllabfuhr mitgenommen wird) – und dass das für mich schon auch gut war – weniger wegen der Müllabfuhr, weil die gar nicht so Thema für mich war, sondern, weil er drauf achtet, das niemand in die Tonne schaut.

Naja und um die Verwirrung über den Satz:

Die Vorstellung, da sitzt ein Kind in einer Müll-Tonne – im Dreck – fühlt sich wie Müll und wünscht sich nichts sehnlicher als – wie der andere Müll – entsorgt zu werden ist eine Vorstellung, die mich innerlich zerreißt […] ! Die damit verbundene innere Not schreit mir entgegen.

Ich sehe das nicht – das mit der Mülltonne – war für mich was positives. Ja mir ist schon klar, dass das „davor“, das wie es dazu kam – das eigentlich  tragische dahinter ist. Aber irgendwie – sehe ich da: der Thera hat – wieder einmal – andere Ansichten als ich. Nur normalerweise kann ich sie zumindest im Kopf nachvollziehen und komm halt gefühlsmäßig nicht so hinterher. Hier happert es aber schon beim Kopf – irgendwie.

Das mit den Mülltonnen – war für mich nichts Schlimmes oder so. Es war mein Rückzugsort – ich weiß, dass ich seiner Ansicht da eher vertrauen kann als meiner – aber es irritiert mich, dass ich das so gar nicht nachvollziehen kann – ich in einer Überzeugung feststecke, aus der ich schon im Kopf nicht recht rauskomme.

Nicht mal die Vorstellung anderer Kinder – wenn ich ein Nachbarskind im Müll finde oder so – hilft da – ja ich würde mich wundern und ich würde fragen ob alles ok ist oder so – ich würd mir auch Gedanken machen, aber ich fände es jetzt nicht so schlimm.

Und wir sprachen über diesen Eintrag (nicht inhaltlich) – ich muss mich dem Thema stellen. Es steht weniger die Krankenhaussache im Vordergrund, sondern einfach meine Mutter. Die ist schon seit Wochen immer mehr Thema und ich wehre mich da sehr – denn es bedeutet da in Abgründe zu schauen, die ich nicht sehen will.

In letzter Zeit ist es häufiger so, dass da dann eine Körpererinnerung da ist und die ein Gefühlschaos auslöst von dem ich nur merke, dass ich am liebsten losheulen würde und in mir nur dieses „zuviel“ habe – weil es so viele Abgründe sind.

Wir werden uns am Freitag dem ganzen nähern.

Ich weiß dass es nötig ist – schon längst – und das es auch wichtig ist – aber ich hab auch Angst.

Dabei sind es nicht die „großen“ Sachen, die Krankenhaus-Sachen oder die Übergriffe, die klar sind – es sind vor allem diese „kleinen“ Dinge, Bemerkungen, Taten, die jede für sich nicht so schlimm sind – die auch eine gute Mutter durchaus mal sagt oder macht – aber die in der Summe und vor allem dem ständigen und permanenten vorkommen – verletzen.

Der Thera sagte mal zu mir, dass ich einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Ich hab das damals nicht ernst genommen.

Als ich das Buch „Masken der Niedertracht“ gelesen habe, wird das auch damit verglichen und so genannt – und ich stelle fest – dass es stimmt. Ich habe diese Ein- und Vorstellungen übernommen – ich war das „perfekte Produkt“ – naja offensichtlich nicht – weil ich dann ja wagte „auszubrechen“.

Doch mir wird zunehmend auch klar, dass ich da noch einen sehr weiten Weg vor mir habe. Und der macht mir Angst – denn es bedeutet in die Abgründe meiner Mutter hinabzusteigen – um mich irgendwann lösen zu können und dann neu entdecken, wie ich es sehe.

Ich bin 37 – und habe das Gefühl dass ich das „Welt entdecken“ höchstens grade angefangen habe. So fühle ich mich auch oft – wie ein kleines Kind, das seine ersten Schritte läuft und dabei noch nicht mal die Wohnung kennt – geschweige denn die Welt hinter der Tür.

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