Thera heute

Passt beim Lesen bitte auf euch auf!

Wir haben damit begonnen die Zeit zum Schulanfang aufzugreifen – mich in diese Zeit zu versetzen, wie das Wetter ist, was mein Lieblingsspiel ist, wer meine Freundin ist usw – und mir dann einen Ort zu suchen, wo es ruhig ist.

Gelandet bin ich in der Mülltonne – wir hatten so graue metallene Mülltonnen vor dem Haus – 12 Stück oder so, da ja Mehrfamilienhaus – und in die bin ich immer geklettert, wenn ich allein sein wollte – es war der einzig mögliche Ort für mich um allein zu sein – selbst im Bad und auf Toilette war das ja nicht möglich. Entdeckt mal beim Versteckenspielen – und dann immer wieder genutzt.

Es war nicht grade gemütlich, stank fürchterlich und dunkel war es auch, richtig hinsetzen ging auch nicht – aber es war mein damaliges „Welt aussperren“ – nur dass ich natürlich Angst hatte entdeckt zu werden, weil jemand grade Müll wegwerfen will oder was auch immer.

Das mit den Mülltonnen wusste ich auch – war also nichts neues. Lächeln musste ich als der Thera fragte wo ich gelandet bin und dann meinte, das hätte er sich gedacht, das war ihm klar 🙂

Dann machten wir weiter – es ging darum dass der Thera sozusagen mit dem Kind sprach – weil ich den Kontakt nicht hinbekam – und eben ein paar Sachen fragte – vor allem nochmal wie es ihm geht – weil ich da nicht direkt anknüpfen konnte.

Und dann war nur noch dieses „ich will tot sein“ oder „ich will sterben“ – mit solch einer Intensität, die ich nicht erwartet hatte. Es war auch das Bild, dass mich eben in der Tonne – wenn ich Glück habe – keiner findet und dann bin ich tot und die Müllabfuhr kommt und die Tonne wird geleert und die bringen mich dann auf die Müllkippe und weil da ja immer wieder Müllautos kommen werd ich bald zugeschüttet und dann findet mich endlich niemand mehr! Und wenn ich ganz großes Glück habe, dann komm ich gleich in die Müllverbrennungsanlage und auch da findet mich ja keiner mehr.

Dieses Gefühl von – ich bin tot und in der Mülltonne – war so innig – der größte Wunsch – dass ich mich davon auch kaum lösen konnte.

Weiter ging es dann damit, dass der Thera bzw die idealen Eltern ins Spiel kamen und das Kind aus der Tonne holen wollten – und das ging total nach hinten los – weil ich wollte da nicht raus.

Aber vor allem war es wieder das Gefühl von „aufzwingen“ – die haben ja nicht gefragt – und auch sicher gut gemeint – aber ich wollte da nicht raus. Ich brauch das EMDR an der Stelle dann ab um auch klar zu machen, dass das grad völlig nach hinten los geht – und es wichtig ist, dass ich in der Tonne bleiben kann.

Denn mit dem „ernst nehmen“ usw – verband ich eben auch: na dann komm doch zu mir in die Tonne und zwing mich nicht erst rauszugehen – als wäre das die Bedingung dass du dann tröstest oder so.

Es war irgendwie so, wie ein Kind das in diesen kleinen Spielzelten sitzt und traurig ist – und da will jemand trösten und zerrt es erstmal raus um es sich auf den Schoss zu setzen oder so. Das ist jetzt sicher nicht so schlimm – doch für mich war es das – weil nicht gefragt wurde ob ich da rauskommen möchte und mich zu jemand setzen – sondern einfach rausgezogen wurde. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass sich einfach jemand neben mich setzt – denn offensichtlich war das der Ort wo ich mich in dem Moment am sichersten oder geborgensten fühlte.

Dieses einfach „rausziehen“ war wie ein „aufzwingen“. Ich weiß, dass ich da eh sehr empfindlich bin, ich kann z.Bsp auch keine Rettungsaktionen machen – also das Kind in der Missbrauchssituation retten indem man es rausholt und an einen sicheren Ort bringt (in der Regel ein Haus das man vorher vorbereitet und in dem die geretteten Kinder alles bekommen was sie brauchen, sozusagen die ideale Umgebung) – für mich war das immer ganz schlimm.

Es kristallisierte sich mit der Zeit heraus, dass es darum ging, dass schon damals der MB ja „nicht sein durfte“ – also nicht war – und dass es für mich erstmal um den Kampf ging, dass das was passierte – eben auch passiert ist – und damit auch sein Recht hab – das akzeptiert wird, dass da was Schlimmes passiert – weil ich es für mich schon nicht akzeptieren konnte. Dieses „Rausholen“ und retten – verstärkt dieses „darf nicht sein“ – nur dass das dann eher wieder so ein „verdrehen der Realität“ ist – wie meine Mutter das macht(e) – das was nicht ins Bild passt wird verdreht und der eigenen Realität angepasst.

Deshalb ist für mich so wichtig, dass das was passierte – auch seinen Raum bekommt und eben „sein darf“ – vor allem weil es ja auch darum geht gefühlsmäßig diese Situationen aufzuarbeiten. Die Gefühle durften damals nicht sein – und in mir auch heute noch nicht – daran arbeite ich ja grade, dass ich den Gefühlen ihre Berechtigung zukommen lasse.

Mir war schon klar, dass Thera und ideale Eltern es gut meinen – aber dass sie nicht fragen ob ich raus will, sondern einfach rausheben wollen – war für mich ein „aufzwingen“.

Deshalb war es wichtig, das dann auch mitzuteilen, weil der Thera sonst nicht weiterarbeiten kann – sozusagen.

Das klappt mittlerweile auch ganz gut, dass ich dann abbreche – das mitteilen selbst ist jedoch immer ein Kampf, weil Reden in solchen Moment nur in Wortfetzen geht – wenn überhaupt (alternativ schreibe ich auf, aber auch das ist oft nicht einfach).

So war dann auch klar, dass ich in der Tonne bleiben kann, die idealen Eltern haben wir dann erstmal weggelassen (da wusste er nicht recht ob die grad „passen“) und es ging darum, dass sich jemand dem Kind nähern darf, aber eben akzeptiert dass es in der Tonne bleiben will – und auch nicht raus muss – erst wenn es selbst will. Aber der Thera wird drauf achten, dass die Müllabfuhr diese Tonne nicht mitnimmt. Das war ein Kompromiss der ok war.

Mit diesem „Zugeständnis“ flossen dann auch die Tränen – in erster Linie zwar mehr deshalb, weil ich nicht genug Vertrauen aufbringen konnte um aus der Tonne zu steigen, aber eben dann auch, weil es ok war, es ging auch um die Gefühle in der Tonne – also die Traurigkeit und dieses „sterben wollen“ und die Angst – die war dann aber weg als sozusagen der Thera auf die Tonne achtete.

Das wäre auch mit den idealen Eltern gegangen – das konnte ich nur nicht so deutlich sagen und deshalb hat er da sicherheitshalber verzichtet – ist mir auch lieber so.

Dieses „darf sein“ kam dann auch an – und die Gefühle waren heftig – es war ein schluchzen, dass ich gar nicht in den Griff bekam (und ich hab ja große Probleme zu heulen – vor allem wenn dann noch Geräusche dazukommen geht gar nichts mehr), so war das eher „kurz“ – weil dieses „darf nicht“ – dieser Automatismus, der da sofort greift, eben griff.

Ich war fast die ganze Zeit in diesem „will sterben“ gefangen – es war klar, dass das von dem Kind kam und mit heute nichts zu tun hat – aber ich hatte es in der Intensität nicht erwartet – zumal das ja ein oder zwei Jahre vor den Selbstmordversuchen waren (die in der 2. Klasse waren).

Der Thera sagte irgendwann dazwischen, dass dieses Gefühl dieses Kind in der Tonne zu sehen – ihn zerreisst.

Da ist mir erst aufgegangen, dass das nichts „normales“ ist, sondern das alles eben nicht „normal“ ist. Für mich ist das mit der Mülltonne nichts Schlimmes – es ist sogar was positives, weil es mir Auszeiten verschaffte – und wenn es nur ein paar Minuten war.

Ich weiß dass ich auch mal mit Buch und Taschenlampe in der Tonne sass – sie also auch ganz gezielt aufgesucht habe (das ging aber nur wenn grade geleert worden ist – weil dann konnte man einigermaßen sicher sein, dass die hinteren Tonnen nicht benutzt werden, die Leute die was wegwerfen nur die vorderen nutzen)

Aber auch die Traurigkeit und die Angst – dieses „sterben wollen“ – war für mich normal. Erst durch den Satz des Theras kam erstmal die Frage auf, ob das wirklich alles so „normal“ ist – ob Kinder halt so sind – oder Menschen halt so sind.

Es war heute sehr intensiv – und es wird auch sicher noch weiter arbeiten in mir. Ich habe schon sehr lange nicht mehr an die Mülltonnen gedacht.

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2 Antworten auf Thera heute

  1. ariadne sagt:

    Das berührt mich sehr (und hat mich gerade auch noch an etwas erinnert…) Ich verstehe das ganz gut mit den Mülltonnen, diese Möglichkeit, sich zu verstecken, das war für mich als Kind auch sehr wichtig, weil ich eben im Haus nicht sicher war. Nur dass es bei mir keine Mülltonnen waren, wir hatten einen Wald, einen botanischen Garten und einen Friedhof direkt vor der Tür, da hatte ich verschiedene Plätze, wo ich hinging (trotz Verboten). – Ist das denn deinen Eltern gar nicht aufgefallen? Durch den Geruch zum Beispiel?

    Und wenn Kinder suizidal werden, das ist ganz sicher nicht normal, da steckt immer was Gravierendes dahinter. Auch wenn man das von „außen“ irgendwie viel besser sehen kann…

  2. Ilana sagt:

    Aufgefallen – nicht das ich wüsste – wir waren ja draußen beim spielen – und schmutzig machen war ok – gab das obligatorische Gejammer wegen der Wäsche, aber das gab es immer (war aber bei einer Großfamilie ja auch täglich 1-3 Maschinen). Vom Geruch her kann ich mich nicht erinnern, wenn dann hatten wir wohl halt verstecken gespielt oder sonst was.

    Die Selbstmordversuche wurden ja nicht „erkannt“ – und ansonsten glaub ich nicht dass ich das groß erzählt hab, nehm ich mal an.

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