annehmen – weitergehen

Ich persönlich finde das „annehmen“ ja ganz wichtig. Annehmen was ist – auch was die Vergangenheit heute noch an Auswirkungen hat – und manchmal ist annehmen das einzige was ich in dem Moment machen kann, weil ich es nicht ändern kann – dass es heute weh tut, heute fast zerreißt – auch wenn es „altes“ ist.

Doch dann sagen Leute, dass ich doch nicht zurückschauen soll, sondern nach vorne, dass ich weitergehen soll, dass annehmen ein stehenbleiben ist – und verharren und irgendwie auch ein „aufgeben“.

Und ich stehe dann da – und frage mich, wie ich es erklären soll – dass das annehmen grade das ist, was nötig ist um weitergehen zu können, nach vorne schauen zu können. Denn ohne dieses „annehmen“ reißt es mir den Boden unter den Füßen weg.

Oft höre ich, dass ich zu sehr in der Vergangenheit lebe, ihr zu viel Raum gebe und mir noch das heute damit nehme.

Doch es ist umgekehrt – nur weil ich der Vergangenheit den Raum gebe, kann ich im heute leben und bin nicht durchwegs von der Vergangenheit bestimmt.

Jahrzehntelang bin ich weggelaufen, hab nicht zurückgeschaut, sondern nur nach vorne – das Ergebnis war, dass ich von einem Trigger zum nächsten gerauscht, ein Flashback nach dem anderen und eine Krise sich an die nächste reihte.

Das Heute war damals Qual – es ging nur ums Überleben – irgendwie.

Es war nichts anderes als ein weglaufen – nur dass man vor sich selbst nicht weglaufen kann.

Die Vergangenheit hatte mich fest im Griff – unkontrolliert und nicht steuerbar.

In einem wirklich guten Interview über SVV schreibt Prof. U. Sachsse, dass das heute deshalb auch häufiger als Thema aufkommt (Trauma) – weil es nicht mehr so tabuisiert wird wie früher, es ist heute für Betroffene nicht mehr möglich dem auszuweichen, im Fernsehen, in den Zeitungen – überall wird Missbrauch auch thematisiert – so dass es viel mehr Auslöser (Trigger) für die Betroffenen gibt als es noch vor 20 Jahren war – deshalb können Betroffene das Thema auch nicht meiden und sind so häufig mit konfrontiert, dass die Verdrängung immer wieder „durchbrochen“ wird.

Ich hatte die Wahl: so weiterleben – ständig im Kampf ums Überleben, weil Leben gar nicht möglich war – oder mich dem inneren Feind eben stellen.

Ein Thera sagte mal zu mir (ging um Panikattacken) – dass man sich dem „Monster“ stellen muss – so wie bei einem Horrorfilm. Wenn das Monster im Bild ist – auf Standbild schalten – und es genau anschauen und beschreiben, die Einzelheiten des Aussehens – und je genauer man hinschaut, desto weniger wird die Angst – weil man es kennenlernt. Ein Geschichtslehrer den ich mal hatte, hatte zu mir gesagt (nachdem ich ihm auf die Frage warum ich nicht gelernt habe gesagt hab, dass es mich das Thema nicht interessiert) – das Interesse kommt mit der Beschäftigung. Ich hatte dann ein paar Jahre später bei einer Wanderausstellung über die Heiratspolitik des Kaiser Maximilian als Aufsichtsperson gearbeitet – und gemerkt: er hat recht. Mich hat der ganze Mist nicht interessiert – aber je mehr ich darüber erfuhr (auch durch die Führungen die man ja zwangsläufig häufig mitbekam) – wuchs das Interesse – und ich hab angefangen auch nachzulesen usw.

Ich muss mich heute noch jedesmal überwinden um MB-Situationen aufzugreifen. Das ist kein sich „drin suhlen“ oder sonst etwas.

Das was damals passierte – hat mich geprägt – und viele dieser Prägungen behindern mich heute – im wahrsten Sinne des Wortes.

Es geht darum genau das zu ändern – darum, dass mich diese Erfahrungen im heute nicht mehr aushebeln – dass ich sagen kann: das war damals, doch heute gilt das nicht mehr, heute darf ich fühlen, heute darf ich sein, heute darf ich reden – und vor allem – ich darf mich auch wichtig nehmen, auf meine Grenzen achten und sie wahren.

Doch das musste ich erst lernen.

Es ist nachgewiesen, dass andauernder Missbrauch in der Kindheit neurobiologische Veränderungen im Gehirn zur Folge hat – es geht dabei nicht um ein „wollen“ – sondern der Körper reagiert einfach wie er es damals gelernt hat.

Und es geht darum im Gehirn „neue Bahnungen“ zu schaffen um die Reaktion auf verschiedene Auslöser zu ändern.

Das bedeutet aber auch, dass man in die Situation von damals „eintauchen“ muss – sie nochmal durchleben, durchfühlen muss – und nach und nach lernt sie aus heutiger Sicht zu bewerten – die Bewertung von damals (in der Regel ja die des Täters) – nach und nach zu ändern.

Die Täter hatten jahrzehntelang Zeit die Bewertung zu stärken, das geht nicht von heut auf morgen das zu ändern. In der Regel sagt man, dass man mind. so lange braucht das zu ändern, wie es vorher „falsch“ gelaufen ist.

Es ist harte Arbeit – da etwas zu ändern – und das geht eben nur indem man kontrolliert MB-Situationen aufgreift.

Das kann man erst, wenn so viel Stabiliät ist, dass das Aufgreifen nicht „aushebelt“ – es nützt nichts wenn man sich dann in der Situation verliert – im Gegenteil das schadet sehr – denn es bedeutet eine Retraumatisierung.

Deshalb ist es in der Traumatherapie so wichtig, dass erst viel Zeit in die Stabilisierung investiert wird – der Betroffene muss lernen mit Flashbacks umgehen zu können – Skills müssen in „Fleisch und Blut“ übergegangen sein – so automatisiert einsetzbar sein, wie eben auch die Flashbacks automatisiert ablaufen.

Es muss gegeben sein, dass der Betroffene Möglichkeiten an der Hand hat sich wieder im heute, im hier und jetzt zu orientieren und sich aus Flashbacks zu befreien. Das Aufgreifen einer MB-Situation darf nicht flashbackartig sein – denn  Flashbacks sind Reaktionen des Körpers – da geht es für den Körper ums Überleben – sie sind nicht steuerbar – das kontrollierte Aufgreifen einer MB-Situation muss aber steuerbar sein.

Ohne meinen Therapeuten greife ich das nicht auf – weil ich weiß, dass zum einen das Tappen (EMDR) bei mir verhindert, dass es zum Flashback wird, aber auch, selbst wenn das passieren würde, haben der Thera und ich zusammen Möglichkeiten mich da rauszuholen – so wie ich auch zu Hause Möglichkeiten habe um die, die aufkommen – mit Skills in den Griff zu bekommen.

Dennoch ist es für mich nötig – diese Situationen aufzugreifen – um die Bewertung zu verändern – aus diesem für mich gefühlten Monster, das ich war, weil sonst hätten die Eltern das doch nicht getan – irgendwann ein kleines Mädchen machen zu können, das nichts dafür kann dass die perversen Eltern ihre Gelüste befriedigen wollen.

Denn diese Bewertung gilt für mich noch heute – und ich kann sie nur dort ändern, wo sie anfing, wo sie stattfand.

Außerdem müssen die Erinnerungen an den MB sich nicht in den Vordergrund drängen (zu meist unmöglichen Zeiten), wenn sie einen Raum bekommen – wenn sie sehr wohl sein dürfen, aber eben in einem kontrolliertem Rahmen.

Wenn heute etwas hochkommt – schaue ich mir das an, kämpfe durchaus dagegen an, aber wenn es sich nicht verdrängen lässt, bleibt nur ein annehmen – ein sagen: ok – es ist wie es ist, es ist da weil … und es ist etwas Altes, das mit dem heute nicht viel zu tun hat.

Ein Innehalten, hinschauen, hinspüren und damit auch spüren was ich grade brauche und dem dann Nachgehen.

Ein Annehmen, weil nur damit auch ein weitergehen möglich ist – weil nur damit möglich ist, die täglichen kleinen Wunder des Alltags sehen zu können, weil man eben nicht von der Vergangenheit überrollt ist – sondern ihr einen Raum gibt, der auch Raum für heute und morgen läßt.

Nur so kann ich irgendwann das heute und morgen leben ohne von dass das von der Vergangenheit diktiert wird.

Und manchmal muss man stehenbleiben und sich umsehen – und schauen ob man noch auf dem richtigen Weg ist – oder einfach mal innehalten um wieder zu Atem zu kommen – bevor man wieder weitergehen kann.

Nicht anzunehmen, nicht hinzuschauen, nicht hinzuspüren und nur nach vorne, nur das weglaufen – das wäre ein Aufgeben, damit nähme ich mir jede Chance auf ein eigenständiges Leben.

Nicht anzunehmen, nicht hinzuschauen, nicht hinzuspüren würde das wiederholen, was die Täter damals gemacht haben – und würde im Endeffekt nichts anderes sein, als den Missbrauch zu wiederholen – die Täter hätten gewonnen, könnten uns weiter klein halten, würden weiterhin jede Entscheidung von uns diktieren.

Grade für Menschen, die nicht mit liebevollen Eltern aufwachsen, die nicht lernen dürfen, auch mal eine eigene Meinung zu haben oder dass es Grenzen gibt und Menschen, denen diese Grenzen wichtig sind, die sie wahren und auch dafür sorgen, dass andere diese Grenzen wahren – die damit dem Kind auch zeigen, dass es etwas wert ist und respektiert werden soll – Menschen, die das nie lernen konnten, sondern nur erfuhren, dass die eigenen Grenzen nicht existieren, sie nichts wert sind, nur Werkzeug zur Belustigung und Befriedigung der Bedürfnisse anderer – grade diese müssen dieses auf sich achten lernen und vor allen auch lernen es ernst zu nehmen.

Durch annehmen, hinschauen, hinspüren – und dann entsprechend dem was erspürt wurde weiter zu gehen – auf dem Weg zu sich selbst, zum eigenständigen Leben, zu dem die Vergangenheit gehört – aber auch das heute und die Zukunft.

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10 Antworten auf annehmen – weitergehen

  1. Violine sagt:

    Das hast Du gut gesagt, das kann ich nur unterschreiben.

  2. Enibas sagt:

    Ich wünschte ich könnte es. Du findest Worte für die ich keine finde. Darf ich sie für mein (noch privates) Blog übernehmen?!

  3. Regenfrau sagt:

    Hallo Ilana,
    erst gestern las ich, dass eine zu frühe Amnestie oder unter-den-Teppich-kehren, sehr gefährlich werden kann!
    Denn die Gefühle brodeln in einem ja weiter und suchen sich dann ein anderes Ventil!
    Ja, wenn radikale Akzeptanz mal funktioniert, is es erleichternd und hilfreich!
    Ich wünsche Dir einen schönen Tag!!!!!!!!! 😉

    • Ilana sagt:

      Es geht nicht so sehr um radikale Akzeptanz – zumindest nicht darum zu akzeptieren was damals passiert ist – denn dazu muss man wie gesagt das was war erst verarbeiten und in die eigene Geschichte „integrieren“ – auch gefühlsmäßig – sozusagen das was es damals nicht möglich machte es als zwar schlimme, aber halt Erinnerung zu verarbeiten nachholen – dazu gibt es verschiedene Wege – meiner ist – diese Situationen nochmal aufzusuchen, zu durchleben, zu durchfühlen – das was damals nicht durfte, weil es einerseits verboten war, andererseits mich nicht überleben hätte lassen. Das nachholen – um es damit Schritt für Schritt zu verarbeiten.

      Das Annehmen bezieht sich mehr darauf, dass ich heute, wenn ich merke, dass da grade wieder altes brodelt und mich einschränkt – dann auch sagen kann: es ist jetzt so wie es ist – ich kann in diesem Moment nichts ändern, aber ich werde das, was da jetzt so nach oben drängt, sobald es möglich ist aufgreifen, genauer anschauen und ihm damit die Beachtung und den Raum geben, den es grade fordert, doch jetzt geht es nicht.

      Manchmal bedeutet das, dass es sich etwas beruhigt, manchmal aber eben auch, dass ich mit diesem Brodeln jetzt halt umgehen muss, es handhaben muss – ohne direkt hinzusehen, weil das im Alltag grade nicht so geht. Annehmen, dass es jetzt grade nicht so gut tut, dass es weh tut – akzeptieren, dass da etwas Aufmerksamkeit fordert – es wahrnnehmen, aber dennoch meinen Alltag so gut zu gestalten wie es grade geht.

      Kann es grad nicht besser erklären – aber es trifft noch nicht wirklich das was ich meine.

  4. Regenfrau sagt:

    Hi,
    ne ich meinte auch nicht früher.
    Sondern z.B. wenn ich etwas gerade nicht machen kann (wegen Triggergefahr, Müdigkeit..ect), dass ich mich dann nicht mehr schimpfe, sondern: Ja so ist es gerade im Moment, mal sehen was ich tun kann, ich überfordere mich aber auch nicht und es heißt ja nicht, dass ich das nie mehr tue.
    Nur jetzt geht es eben nicht.
    Manchmal sind nur winzig kleine Schritte im Alltag möglich und das anzunehmen, wenn es gelingt, erleichtert mich, nimmt mir den Druck und Streß raus.
    So in der Art.. 😉
    Meine alte Geschichte zu integrieren, so weit bin ich noch lange nicht…

  5. Ilana sagt:

    @Regenfrau
    Ja genau – so in etwa – schauen was eben geht und das auch machen, aber auch akzeptieren wenn etwas nicht geht (fällt mir aber auch immer wieder schwer ;))

    Und das mit dem integrieren kommt noch – hab Geduld mit dir.

  6. Violine sagt:

    Vielen Dank für Deinen Link. Der ist sehr gut, sehr interessant. Hat mich sehr weitergebracht.
    Echt, einfach toll, wie Du Dich engagierst!

  7. Regenfrau sagt:

    Das blöde is, dass ich mich ja auch nach außen oft verteidigen muss und erklären, weil viele mich nur als hübsche junge Frau sehen „die ja noch soviel vor hat“…und man mir meine innere Not nicht ansieht. Da kommen schon oft blöde Sprüche *seufz*. Vielleicht müssen doch mal paar Notlügen her…
    Was Du wahrscheinlich wegen der Rente kennst…
    Schönen Tag Dir! 😉

  8. Ilana sagt:

    @Regenfrau: erklären und verteidigen – einfach sagen: bis hierhin und nicht weiter – die eigene Grenze sehr klar machen – aber auch selbst drauf achten – je klarer es mir gelingt die selbst zu achten und desto klarer kann ich sie auch nach außen machen – dann treffen auch blöde Sprüche nicht mehr so. Aber oft fällt es schwer da einfach auch klar zu sein – für mich selbst.

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