Liebe Artista

Ich hab jetzt lange überlegt ob ich dir eine mail schreibe oder ob ich es hier poste. Aber es ist mehr ein Gedanken sammeln geworden – und weniger ein persönlicher Brief – weshalb ich mich hierfür entschieden habe – hoffe das ist für dich ok so.

Schon seit Tagen eiere ich um deine letzten Beiträge herum, weil sie mich so ansprechen, etwas ganz tief in mir, weil ich das Gefühl habe des „ja das kenn ich“ (ok das hab ich bei deinen Beiträgen meistens 😉 ) – aber vor allem, weil ich so gerne was dazu sagen möchte – einfach nur ein „ja das kenn ich auch – und ich denke ganz fest an dich!“.

Doch jedesmal wenn ich dann anfange einen Kommentar zu schreiben, wird es ein Roman – und ich lösch ihn dann wieder.

Ein einfaches „ich denk an dich, kenne das Gefühl, fühle mit dir“ bekomme ich nicht hin – manchmal aus Angst diese Sehnsucht auch wahrzunehmen, wo ich sie doch grade so sehr „ausblende“, manchmal weil es einfach weh tut diese Sehnsucht zu spüren, manchmal weil es mich sprachlos macht, weil nichts diese Sehnsucht lindern kann.

Ein Nachtrauern – etwas, was wir niemals wieder bekommen werden.

Ich kenne diese Sehnsucht – irgendwie auch das Gefühl, das vieles was mein Leben heute so schwer macht (weil eben diese Vergangenheit und diese Prägung) doch so anders laufen könnte, einfacher wäre, wenn ich die Liebe und Geborgenheit und Sicherheit einer Familie kennenlernen hätte dürfen – dieses Miteinander – bedingungslos geliebt, einfach weil ich ich bin.

Unser Leben wäre anders – es wäre sicher nicht problemlos, aber es wären andere Probleme. Das Gefühl „dazuzugehören“, nicht immer anders zu sein, aber auch ein Netz zu haben, Leute die da sind, wenn ich mal nicht so kann, sich fallen lassen können, weil da Menschen sind die mittragen – mein Leben, meine Entscheidungen, mich.

Dieses Vertrauen können, das auch die (ganz normalen) Fehler eines Menschen nicht erschüttern kann, weil es von ganz tief in mir drin kommt.

Aber auch das Gefühl des „wert seins“.

Grade in der Therapie, mit dem Konzept der idealen Eltern – merke ich dieses „ja das hätte ich auch gern, hätte auch gern eine Mutter gehabt, die hinter mir stand, die mich einfach liebt und alles für mich tun würde, mich als eigenständigen Mensch respektiert und lehrt meinen Weg zu finden und zu gehen. Einen Vater, der mich stützt und stärkt, bereit wäre für mich zu kämpfen um mich zu beschützen.

Niemals die Erfahrung gemacht zu haben nur benutzt zu werden um eigene Bedürfnisse zu befriedigen – wie ein Werkzeug oder ein lästiges Anhängsel, wenn es nicht grad gebraucht wird.

Was wäre ich heute für ein Mensch, wenn ich eine andere Familie gehabt hätte? Eine liebevolle, starke, gerne auch unkonventionelle – aber eben eine die mich um meinetwillen geliebt hätte?

Wenn ich Familienblogs lese und da in den Posts diese Liebe spüre, selbst oder eigentlich meist sogar grade in denen, wo die Geduld der Eltern mal zu Ende war, wo der Ärger überhand nimmt – zu sehen, dass es Menschen gibt, die dennoch lieben.

Auch ich musste wegziehen, hab einen neuen Namen angenommen, für mich annehmen müssen – wenn auch nicht aus dem Grund wie du – es gab Gefahr, aber die gibt es nicht mehr. Doch das Ändern des Namens war auch wichtig meiner Familie gegenüber – für mich. Weil mein Name nie mir gehört hat, für mich teilweise ein Trigger war.

Zweimal hab ich komplett neu angefangen – mehrere hundert Kilometer entfernt – allein – völlig allein – ohne irgendjemanden – keine Bekannten mehr. Beim ersten Mal bin ich noch monatlich in die alte Heimat gefahren um bei einem Gottesdienst mitzumachen – das war mir wichtig – das waren meine Freunde.

Beim zweiten Mal war ich dann ganz allein – es gab einen Therapeuten (der nach einem Jahr aber wegzog) und sonst niemand.

Heute hab ich einen kleinen Bekanntenkreis, doch das ist keine Familie.

Aber um Bekannte und Freunde geht es auch gar nicht so sehr – wenn ich eine Mutter oder Vater mit ihrem Kind sehe, wenn ich einen großen Bruder sehe, der seine „kleine“ erwachsene Schwester besucht, eine Oma, die ihre Enkel verwöhnt – gibt es mir einfach einen Stich.

Ich habe viele Onkel und Tanten, doch die meisten hab ich in meinem Leben 2 oder 3 mal gesehen. Meine Cousins kenne ich nicht, einen hab ich auch zwei oder drei mal gesehen – als Kind, aber die anderen gar nicht. Ich kenne nicht mal alle meine Nichten oder Neffen. Selbst unter den Geschwistern gab es nicht wirklich ein Miteinander – wir brauchten uns – um zu überleben, aber das hat uns nicht zusammengeschweißt. Zwischen einzelnen gibt es noch losen Kontakt.

Irgendwie der Gedanke: Freunde können sich lossagen wenn sie das wollen, aber Familie bleibt immer, eine Mutter bleibt immer Mutter und ein Kind immer Kind – diese Bande können nicht zerstört werden.

Dabei ist das Wunschdenken – und doch das was in der heutigen Gesellschaft als „normal“ gehandelt wird – egal ob es so ist oder nicht.

Die Eltern sind diejenigen, die ein Kind beschützen sollen, die es lieben sollen, egal was es anstellt – und irgendwie auch der Gedanke, was muss ich angestellt haben, dass mich meine Mutter nicht geliebt hat?

Ja vom Kopf her ist das alles schon klar – aber tief in mir bleibt diese Sehnsucht – nach einem Hafen in dem man Schutz suchen kann, nach einem sozialen Netz das trägt.

Du schreibst, dass du alle möglichen Leute anrufen musstest für deine Vernissage und ich möchte schreiben, dass ich gern gekommen wäre – gleichzeitig weiß ich, dass es nicht das ist um was es geht.

Du hast wundervolle Kinder und bist ihnen eine wundervolle Mutter – weil du sie liebst – und das bewundere ich sehr. Aber ich verstehe dass  die andere Seite fehlt – die wo du Kind sein kannst, wo du Rat suchen und finden kannst – Rat, der nicht „bezahlt“ wird – sondern einfach weil er dich liebt genauso wie du bist – und hinter dir steht.

Es ist eine Leere in uns – eine die nie gefüllt werden kann, weil das nur bestimmte Menschen könnten – und die – naja – die können es eben nicht. Und diese leere Stelle tut weh – so wie der Magen weh tut wenn man sehr hungrig ist.

Es ist ein Hunger, der niemals gestillt werden wird – und dennoch ist diese Sehnsucht da.

Eine Sehnsucht, die viele Menschen kennen – und die man nur nachvollziehen kann, wenn man sie selbst kennt. Eine Sehnsucht, die unterschiedlich intensiv ist, mal im Alltag eher als Melancholie, mal als tiefe Verzweiflung und/oder Einsamkeit (manchmal auch grade wenn viele Menschen um uns sind).

Es ist eine Wunde die nie ganz zu heilen wird, denn diese Leere kann nicht mehr gefüllt werden. Wir können um sie herum alles anfüllen, auch mit Menschen, doch dieser Fleck in uns – wird immer die Hoffnung haben doch noch die Mutter, den Vater, die Familie zu haben, die wir leider nicht haben – die, in der wir das Kind sind, das geborgen, geschützt und geliebt ist.

Wir können uns selbst um das Kind in uns kümmern – aber dieser Platz wird leer bleiben – und immer Sehnsucht auslösen. Vielleicht irgendwann einmal nicht mehr so verzweifelt und einsam, aber immer in unterschiedlichen Intensitäten.

Es ist wie ein Tod – wenn wir einen sehr lieben Menschen verloren haben, wird der immer einen Platz in unserem Herzen haben – irgendwann nicht mehr von Verzweiflung und Trauer gebeutelt, aber diesen Platz kann keiner einnehmen.

Wir haben die Eltern, die Familie „verloren“ – die, die uns liebt, uns beschützt, uns trägt – einfach weil wir wir sind und dazugehören. Vielleicht haben wir sie schon vor vielen Jahrzehnten verloren, schon bevor wir gezeugt wurden – weil auch die Eltern es irgendwo verloren haben, das lieben können. Aber das ist egal – das wann – es war zu früh – viel zu früh und wir hätten sie gebraucht.

Wir sehnen uns danach – und ich hoffe sehr, dass wir – du und ich – und all die anderen, die das auch kennen, irgendwann merken können, dass sie wertvolle, liebenswerte Menschen sind, die lieben können und auch geliebt werden, dass wir es zulassen können und vor allem dann auch bis ins Innerste erfahren dürfen, wie das ist – so bedingungslos geliebt zu werden – es mit allen Sinnen spüren und annehmen können.

Ich danke dir, dafür dass du so offen schreibst, so oft Worte findest, wo ich sie nicht finden kann und deine Erfahrungen und Gefühle mit uns – und damit auch mir – teilst. Du hast einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen erobert, den ich gar nicht näher beschreiben kann, aber es ist irgendwie so eine tiefe Verbundenheit die ich fühle – dafür möchte ich dir von ganzem Herzen danken – dass du so bist wie du bist 🙂

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6 Antworten auf Liebe Artista

  1. Lass Dich einfach mal ganz fest drücken. Ich hoffe, es ist Dir nicht unangenehm.
    Elisabeth

  2. Violine sagt:

    Auch ein Drücker von mir.
    Hmmm, die Familie. Bei mir war es immer sehr, sehr schwierig. Ich habe in den Neunziger-Jahren mit einer leichten Psychose reagiert und in den Nuller-Jahren haben sie mich überrollt. Es war schlimm. Unglaublich kräftezehrend. Und die Leute haben keine Einsicht.
    Im Moment habe ich gänzlich meine Ruhe, vielleicht bleibt das auch so, ohne Kontakt. Wenn es nicht anders geht, wenn ich sonst nur aufgefressen werde. Aber eine richtige Familie, das fehlt mir schon. Und ich bin froh um den Onkel, der sich von den Widerständen, unter denen er aufgewachsen ist, nicht unterkriegen lässt, und, wie es aussieht, unter fachlicher Anleitung was für sich tut. Der erkannt hat, dass sein Weg der falsche ist. Und umgekehrt ist.
    Wird mein Vater niemals tun. Und die anderen? Keine Ahnung, sie haben so dermassen Dickschädel.

  3. Ilana sagt:

    Danke ihr Zwei.

    Es geht gar nicht darum dass sich die Familie ändert. Es geht um das Gefühl der Geborgenheit, der Sicherheit, des geliebt seins des Kindes – den stolzen Blick der Mutter wenn man ein Bild gemalt hat oder einfach weil man ist.

    Eltern die ihre Kinder lieben – sie nicht nur benutzen. Wir sind heute erwachsen, aber in uns ist dieses Kind, dass sich nach einer liebenden Mutter, einem beschützenden und liebenden Vater sehnt. Nicht nach Eltern die missbrauchen, demütigen, Schmerzen zufügen, Eltern, bei denen Kinder ums Überleben kämpfen müssen – ums nackte Überleben – als Kinder.

    Diese Erfahrung machen dürfen – des geborgen, geschützt, geliebt seins.

  4. Violine sagt:

    Die Eltern, die Familie sind einfach die Wurzeln. Und es schmerzt (mindestens!) sehr, wenn die Wurzeln faulig sind.

  5. Barbara sagt:

    Liebe Ilana!

    Wenn ich lese zu welcher Herzenswärme, Mitgefühl und, vor allem welcher Fähigkeit, Dich mitzuteilen, Du in der Lage bist!

    Das hat dem kleinen Mädchen in Dir keiner beigebracht, das hat sich die starke Frau, die Du bist, selbst erarbeitet! Ich impfinde das enorm hoffnungvoll und stark und mutmachend!!

    Deine Kerze hat geholfen, meine Liebe! :-)) Jonathan ist gesund! Ich bin so unendlich dankbar und froh…

    Gleichzeitig muss ich an die Eltern denken, die ihre Kinder auf so sträfliche und unsagbare Weise misshandeln…mir tut das so weh….doch ich sehe mich dem Leben gegenüber verpflichtet, mit offenen Augen und furchtlosem Herzen durchs Leben zu gehen. Nicht wegzusehen…vielleicht hilft das einmal einem Kind..

    Bumm, heute bin ich ganz schön emtional *seufz*…ich hoffe sehr, ich überfordere Dich nicht! Das würde ich nicht wollen.

    Barbara

  6. Ilana sagt:

    Ach Barbara – lass dich drücken 🙂 – ich bin so froh und erleichtert dass Jonathan gesund ist – den ganzen Tag konnte ich euch nicht „loslassen“ – und bin einfach nur so froh 🙂

    Und mich rühren deine Worte – grade heute, grade weil ich im Moment eh grad „übersprudle“ – weil sich so vieles klärt grade – für mich – und weißt du – du bist eine der Mütter, die mir immer wieder einfallen, wenn es für mich darum geht, wie eine „ideale Mutter“ eben so ist. Deine Liebe zu deinen Kindern – all deinen Kindern.

    Und Jonathan – er ist einfach knuffig und ich bin so froh, dass das heutige Ergebnis gut war – für ihn, für euch – für all die Menschen die er noch berühren wird 🙂

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