Gedanken zu Leben, Therapie und mir

Es gibt verschiedene Ansätze in der Traumatherapie, selbst mit EMDR kann man die Dinge unterschiedlich aufgreifen.

Für mich war irgendwann, nach einigen Versuchen, klar, dass ich durch die Missbrauchs-Situationen von damals „nochmal durch muss“ – ich muss in Gedanken noch mal in diese Situationen um das, was damals nicht möglich war – es irgendwie zu verarbeiten und als – zwar schlimme – Erinnerung im Gedächtnis zu integrieren. Damals war das nicht möglich, damals ging es ums Überleben, der Körper reagierte einfach – tat alles um zu überleben.

Dummerweise gibt es da viele viele Jahre an solchen Situationen. Dabei ist nicht mal wichtig jede einzelne aufzugreifen – das wäre auch schlicht unmöglich – aber Situationen als Beispiele für „diese Art“ oder ähnliches.

Anfangs ging es mehr darum es für mich „klarer“ zu bekommen, mittlerweile aber auch diese Situation gefühlsmäßig zu durchleben.

Die Gefühle durften damals nicht sein, Gefühle durften überhaupt nicht sein – und so musste ich mit über 30 erst lernen, was Gefühle sind. Das ist schwierig, weil von einer Erwachsenen erwartet wird, dass sie sie kennt, lesen kann, geben und annehmen kann, doch für mich war das wie eine Fremdsprache – und im Sprachen lernen war ich noch nie gut. Außerdem war es eine Sprache, die „gefährlich“ war.

Wenn wir als Kinder Gefühle zeigten, bedeutete das Gefahr, Bestrafung. Wir hatten nur die Gefühle zu zeigen, die erwartet wurden. Wenn man ein Geschenk bekam, hat man sich zu freuen – z.Bsp. Bis vor wenigen Jahren lief das bei mir alles über den Kopf ab. Wenn ich etwas geschenkt bekam lief im Kopf: aha – ich hab etwas geschenkt bekommen, über Geschenke muss man sich freuen, Freude zeigt man durch lächeln, große Augen und ein entsprechend ausgestossenes „Danke“

Tja und dann hab ich reagiert – gelächelt, die Augen aufgerissen und „freudig“ Danke gesagt/gehaucht/gerufen – je nach Situation.

Eine meine ersten Erinnerungen an die Kindheit ist so ein Ablauf im Kindergarten. Von meinen kleinen Geschwistern weiß ich, dass die etwa 2 waren, als sie nicht mehr spontan ein „oh schau da ist eine Kuh!“ gerufen haben oder ähnliches. Uns wurde das sehr früh eingetrichtert. Das wichtigse war die Fassade – und Gefühle verraten.

Gefühle sind für mich immer noch gefährlich – und sie zu fühlen – macht sehr unsicher. Ich kenne es ja nicht anders.

Aber grade deshalb ist es wichtig, dass die Gefühle von damals „erfahren“, dass sie sein dürfen. Damals wurden sie bestraft – und diese Erfahrung ist so tief verankert, dass es mir schwer fällt Gefühle zuzulassen. Am Schlimmsten ist das Weinen, das so eng mit Angst gekoppelt ist.

Diese Koppelung bekomme ich nur da gelöst, wo sie angefangen hat – in den Situationen von damals.

Das wiederum bedeutet, dass ich mich diesen Situationen immer und immer wieder stellen muss, sie durchleben, durchfühlen – um den Gefühlen ihre Berechtigung zurückzugeben, ihr „sein dürfen“ zurückzugeben, lernen zu können, dass das fühlen „normal“ ist, zum Leben dazugehört und auch wichtig ist – für den Menschen – für mich.

Das ist ein langer Weg – ein jahrelanger – und das wusste ich auch als ich ihn anfing.

Genauso wie ich weiß, dass ich ihn auch weitergehen werde, weil es die einzige Wahl für mich ist – die einzige Möglichkeit, wenn ich mein Leben zurückgewinnen will, wirklich Leben will – ohne die ständigen „Einbrüchen“ der Vergangenheit, oder die Täter, die sich tief in mir verankert haben und die mein Leben heute immer noch steuern wollen. Wirklich herausfinden was ich will – wirklich will – nicht weil mir eingeimpft wurde, dass sich das so gehört, sondern wirklich ich sein und mein Leben leben.

Irgendwo tief in mir gibt es dieses ich – vergraben unter der Vergangenheit, den Erfahrungen die daraus resultieren – und immer öfter blitzt das auch durch. Dieser Panzer, eine Mischung aus den Tätern, deren Einstellungen und Auffassungen wie eine Gehirnwäsche aufgepresst wurden und dem was das kleine Mädchen versuchte um zu überleben, das Dissoziieren, flüchten in einer andere Welt, Annehmen dieser Einstellungen und Ansichten der Täter – weil nur so ein Überleben möglich war – diese Mischung ist als Panzer um diesen innersten Kern – der Kern, den die Eltern nicht zerstören konnten, der aber auch so sehr geschützt wird durch diesen Panzer, dass es schwierig ist, zu ihm durchzudringen.

Der Panzer unterscheidet nicht zwischen früher und heute – und er ist stark – das musste er damals sein – so stark, dass er sich nicht so einfach knacken läßt – sondern immer nur Schicht für Schicht – denn selbst wenn man einen Teil geknackt hat, kommt darunter der nächste – stabil und stark. Ich weiß nicht wie viele es davon geben wird – nur – dass ich, wenn ich wirklich leben will – diesen Kern finden muss – und wenn ich ihn gefunden habe – ihn auch großziehen muss.

Das alles geht nur mit dem fühlen – und es tut unendlich weh – ich sehe dann dieses kleine Mädchen – ausgeliefert, ohnmächtig der Demütigung und dem Schmerz ausgeliefert – und kann nicht sagen: das war ich – weil das viel zu weh tut. Aber ich näher mich langsam an.

Das alles weiß ich – und weiß auch dass es richtig ist – fühle es sogar – dass es richtig ist – trotzdem hab ich es einfach satt – all diese Situationen damals, es ist so anstrengend und so schmerzhaft sich denen zu stellen – so dass ein Teil von mir aufgeben will – sollen sie doch gewinnen – die Täter – ich bin müde und mag in diese Höllen nicht immer und immer wieder eintreten.

Dieser Teil darf auch sein – er darf nur nicht die Übermacht gewinnen. Doch davor hab ich nicht wirklich Angst – ich hab mein Leben lang gekämpft – so einfach gibt es sich dann nicht auf, auch wenn es sich für mich manchmal so anfühlt.

Es ist mein Job, meine Aufgabe an mir zu arbeiten, das kann niemand anderer tun. Nur wenn ich es lerne auf mich zu achten, meine Grenzen zu wahren – und vor allem – mich anzunehmen, vielleicht sogar mal mich zu mögen – können das auch andere tun.

Ich kann nicht arbeiten gehen – weil ich es nicht schaffe – zu krank dafür bin. Aber ich arbeite daran – ich arbeite an mir – egal ob ich irgendwann wieder arbeiten gehen kann – ist es meine Aufgabe an mir zu arbeiten, mich nicht einfach hängenzulassen, aufzugeben.

Früher nur aus Wut – einem „die werden nicht gewinnen!“ oder „diese Genugtuung werde ich ihnen nicht geben“.

Heute mehr ein: es ist mein Leben, die Vergangeheit war die Hölle, doch was ich daraus mache, liegt an mir.

Dieser Beitrag wurde unter Leben, Psycho-Somatik, Therapie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.