Grenzen

Die meiste Zeit gelingt es mir sehr gut sie zu wahren. Ich habe gelernt auf meinen Körper zu hören, aufzupassen und ihm den nötigen Respekt, die nötige Ruhe zu geben.

Doch es gibt Momente, in denen das wahren nicht so einfach ist, wo man einfach „durch muss“ – muss man wirklich?

Das Schwierige ist, wenn man dann mal weit über die Grenzen gegangen ist, den Weg zurück zu finden – wieder auf die richtige Seite der Grenze, das gelingt mir leider nicht so schnell – nach dem Motto „jetzt ist es eh schon egal“.

Meist geht das dann so lange, bis der Körper sein „Aus“ einfordert, in dem er einfach streikt – so richtig – dass es nicht mehr ignorierbar ist.

Hinter dieser Grenze – verliere ich die Orientierung, weiß oft nicht mehr ob ich mich noch weiter entferne oder wieder annäher. Zumal es den direkten Weg ja oft nicht gibt.

Die Wohnung z.Bsp – ist klar – es ist zuviel grade, aber wenn ich das jetzt nicht wenigstens in den Grundzügen schaffe, sind die Folgen noch schlimmer als das ignorieren des „zuviels“  in diesem Moment. Grade weil es so und so zu viel ist, die Folgen des so lassens aber noch schwerer sind.

Der Sport – da weiß ich es nicht – er könnte genauso gut wieder ein Weg zurück auf die richtige Seite sein – weil er das Gefühl vermittelt, etwas geschafft zu haben, es durchgezogen zu haben, einem Ziel das mir wichtig ist – näher zu kommen. Aber es bedeutet auch, das wenige was an Kraft da ist in etwas zu investieren, das nicht „lebensnotwendig“ ist – es wäre sinnvoller diese Kraft ins Aufräumen zu stecken – das wiederum entfernt mich aber wieder mehr von der Grenze.

Ich stieg heute auf den Ergometer und es war heftig, ich war so am Ende, kraftlos und habe nur mit großer Mühe die 10 Minuten durchgehalten – mit Übelkeit und Schwindel, die klar sagen „Stopp! Zuviel!“, auf die zu hören aber schwierig ist.

Davor hab ich hier die meisten Möbelstücke wieder an ihren Platz gerückt – nur teilweise eingeräumt, weil irgendwann der Körper ein Stopp einforderte – Übelkeit, Schwindel, der mich umkippen hätte lassen, hätte ich mich nicht auf der Stelle hingesetzt.

In mir sagt ein Teil: absolute Ruhe, sich nur Gutes tun, nichts „tun müssen“, sich etwas gönnen, was leckeres zu Essen machen (auch wenn selbst das zu anstrengend ist) und Ruhe, Ruhe, Ruhe!

Ja das wäre es was nötig wäre, vielleicht noch ein bisschen raus in die Sonne setzen, wobei das wohl etwas zu viel wäre, die Hitze gibt nicht grade Kraft zurück.

Aber die Folgen wäre, dass die Betreuung noch deutlich schwieriger wird, was sich die grad gar nicht leisten kann, die ist eh schon so wackelig. Und das ich hier in der Wohnung für die nächsten Wochen/Monate wieder ein Riesenproblem hätte – weil wenn ein Punkt überschritten ist auch das alltägliche wegräumen nicht mehr geht und innerhalb von 2 Tagen das ganz große Chaos ausbricht, das „nicht mehr schaffbare“ Chaos.

Ja mit funktionierender Betreuung würde das vielleicht machbar sein, doch das ist nun mal grade nicht so (dabei bin ich meinem Betreuer sehr dankbar, dass er versucht das „am Laufen“ zu halten).

Ich wünsche mir einen Wegweiser, der mir den Weg zurück auf die richtige Seite zeigt. Einen, der auch einen Weg aufzeigt, der nicht so unmöglich begehbar ist, wie der mit der absoluten Ruhe – weil es nichts nützt, wenn zwar der Weg gut wäre, aber das Ziel dann in den Schlund eines Monsters führt.

Diese Gratwanderung, jede Sekunde abwägen was nötig, machbar, sinnvoll, richtig ist, weil man das bisschen an Kraft aufteilen muss, Prioritäten setzen muss, nicht im Sinne von „ein Stück trockenes Brot oder Kaviar“ sondern „das Stück trockenes Brot oder ein kleiner Schluck Wasser“.

Das was ich – solange ich vor der Grenze bin – gut kann, das abschätzen, abwägen – was gelingt und einen recht klaren Weg vorzeigt – was sogar noch funktioniert wenn man nur so ein bisschen über die Grenze geriet, die noch „im Auge“ hat – klappt gar nicht mehr wenn ich weit darüber bin.

Dann bin ich verwirrt, unsicher, hinterfrage jede Entscheidung – weil ich einfach nicht weiß: was bringt mich wieder zurück auf die richtige Seite – wo ist diese verdammte Grenze – wie finde ich sie wieder?

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