Thera heute

Sehr intensiv, mit einem schönen runden Abschluss, so dass ich dann auch mit einer gewissen Ruhe nach Hause gehen konnte.

Es ging heute um Augen – eigentlich um das „in die Augen schauen“ – was ich grade in der Therapie gar nicht kann.

Im Alltag mach ich das schon wenn ich mit Leuten rede – aber da geht es auch immer noch oft mehr um ein Funktionieren – und da gehört das in die Augen schauen dazu.

Aber wenn jemand mehr von mir weiß, fällt das schon schwerer.

In der Kindheit ging es sehr darum bloß nicht hochzuschauen – denn das könnte als mangelnder Respekt gewertet werden oder als Trotz oder „Widerworte“ – und das war gefährlich. Gleichzeitig mussten wir anderen schon in die Augen schauen – beim Reden – weil sich das halt gehört – ich weiß, dass mir das als Kind oft schwer fiel – auch weil es ein „aus meiner eigenen Welt rausmüssen“ war.

Während es bei der Mutter meist um Machtspielchen ging, war es beim Vater anders – er interpretierte Angst oder Schmerz als Lust – da ging es oft sogar ums anschauen – und mich verfolgt noch heute sein Blick – dieser besondere Blick in den Augen – dieser besondere Ausdruck in den Augen  und sein Atem.

Beim Thera ist es klar Scham und auch das Minderwertigkeitsgefühl (nicht mehr Wert als der dreckige Karton auf der Straße auf den man drauftritt) – auch wenn ich das so meist gar nicht mehr empfinde.

Beim EMDR, wenn wir MB-Situationen aufgreifen, ist der Thera dabei – er sieht sozusagen was da passiert – ist Zeuge. Das sagt er dann auch oft, dass er es bezeugt. Aber für mich ist das immer noch schwierig – anfangs war es noch schlimmer – ich hatte Angst ihm wieder unter die Augen zu treten – jetzt wo er das weiß. Heute ist das nur noch selten so – aber das schlechte Gewissen ist da – und auch wenn ich heute „froh“ bin, dass er dabei ist – ich ihn auch ein Stück weit brauche um mich nochmal auf die Situation einlassen zu können – als Sicherheit – ist es schwierig zu wissen, dass er all diese Dinge von mir weiß.

Ehrlichgesagt versuche ich das heute eher wegzudrängen, nicht drüber nachzudenken, was er alles weiß – und das klappt auch ganz gut.

Dass das heute schwer fällt – das in die Augen schauen, wenn jemand viel von mir weiß – hat sicher viel mit Scham zu tun. In mir ist immer noch dieses „selber schuld“ verankert – vom Kopf her seh ich das anders – aber gefühlsmäßig  ist das immer noch da – auch wenn das heute mehr als Schutz ist – weil ich mich sonst mit der Ohnmacht und Hilflosigkeit auseinandersetzen müsste – da brauch ich noch Zeit.

Heute ging es aber mehr um die Zeit damals – um Situationen mit den Eltern und die griffen wir dann auch auf – und setzten dem dann die Situation mit den idealen Eltern entgegen – wobei ich da große Schwierigkeiten hatte – es war mehr ein „die idealen Eltern sorgen dafür dass ich mich sicher fühlen kann, dass Gefühlen – egal welchen – Raum gegeben wird“ usw – und da blieb dann nur ein großes „Wie?“ über – für mich war das in dem Moment völlig unklar – was würden die machen, dass es so ist, wie würden die mit dem Kind umgehen usw.

Wir haben dann noch ein Beispiel aufgegriffen – ein Kind (ich) dass sich gestoßen hat – und wie Eltern damit umgehen würden, wie sie reagieren, was sie machen – nicht nur ein „sie trösten“ – sondern ganz konkret wie – „komm erstmal her, in den Arm nehmen, Tränen auch erstmal laufen lassen, fragen was los ist, leicht wiegen usw usf“ – einfach konkret was sie tun und sagen – weil das für  mich eben nicht klar ist.

Trost war für mich immer was gefährliches und in den Arm genommen werden endete nicht selten in Übergriffen – wenn nicht im Missbrauch, doch in einem betatscht werden. Oder es wurde runtergespielt (gut gemeint damals) – im Sinne von: „Sieh mal – der Tisch hat jetzt eine Macke von deinem Kopf „oder ähnliches.

Ich kann mich nicht erinnern, wirklich getröstet worden zu sein – ohne Hintergedanken oder Gegenleistung. Vielleicht sollte ich da mal meinen Bruder fragen ob er sich an sowas erinnert.

Wenn ich nicht in der Situation oder dem Gefühl bin kann ich mir was zusammenreimen – überlegen, was würde ich tun wenn da jetzt ein Kind wäre – wie würde ich damit umgehen. Früher wurde mir nachgesagt, dass ich ein super Tröster war – die Kinder kamen häufig zu mir, aber auch Freunde sagten immer wieder, dass ich das gut mache – weil ich eben auch mal schweigen kann und einfach nur da sein und wenn ich was sage immer die richtigen Worte finde usw. Das mag schon sein – es war ein Funktionieren damals.

Heute bin ich unsicher – klar würde ich ein Kind das vor mir steht nicht allein lassen – würde einfach handeln und versuchen mein Bestes zu geben – für dieses Kind – mich hintanstellen – aber da bin ich dann wieder im „Sanimodus“ – im Funktionieren, für jemanden was regeln.

Wenn ich aber selbst in dem Gefühl drinstecke – bin ich hilflos – da steh ich da und wenn ich mir vorstelle es gibt die idealen Eltern – stehen die irgendwie hilflos daneben, weil ich keine Idee habe was die tun könnten, was gut wäre oder so.

Da brauche ich noch die Anregung – das heißt nicht das alles was ich dann höre auch umgesetzt wird oder angenommen werden kann – aber diese Anregungen, Beispiele – auf die kann ich mich einlassen und die die „funktionieren“ sind gut – und die, wo ein komisches Gefühl mit bei ist – kann ich dann auch „ausblenden“ (erstmal – im Endeffekt wird das dann mit dem Thera geklärt).

Noch ist es so, dass ich hören muss, wie liebevolle Eltern reagieren würden – auf best. Situationen, weil ich in diesem Momenten eher das kleine Kind bin und sehr in der Realität von damals verhaftet – meine Eltern – und das was da so lief – ist das normale, das „richtige“, weil vertraute. Liebevolle Eltern sind was neues für mich – immer noch etwas der „rosarote Elefant“ – vielleicht lese ich deshalb so gerne „Familienblogs“ – um das einfach ein Stück kennenzulernen.

Ideale Eltern sind für mich nicht die, die keine Fehler machen, sondern die, die ihre Kinder lieben, die sich bemühen und hinter ihren Kindern stehen, die hinhören, hinsehen und das Kind als eigenständigen Mensch respektieren.

Grade diese Kombination – erst das Kind in der Situation von damals – wo auch die Gefühle von damals sein dürfen und dann eben diese Zeit mit idealen Eltern – das ist eine Kombination die gut zu funktionieren scheint – denn es ist eben auch wichtig, dass das was war auch seinen Raum bekommt. Auch wenn ich all diese MB-Situationen so satt habe – so unendlich satt.

Die die da sind muss ich aufgreifen – nur so sind sie dann im Alltag nicht „störend“ oder im Vordergrund – weil sie einen Ort und eine Zeit haben, wo auch diese Gefühle sein dürfen. Das hat sich bewährt – wenn ich das nicht mache, infiltrieren sie den Alltag mehr und mehr, bis mehr Vergangenheit als Heute da ist.

Aber mit der Koppelung dann diese Zeit, dieses Kind in dem Alter mit den idealen Eltern aufzugreifen – löst erstmal jede Menge Tränen aus – macht aber auch eine Vorstellung davon, dass das was ich als Kind erlebt habe eben nicht „normal“ ist oder „in Ordnung“.

Bei den Terminen ist zwischen dem Thera und mir eine unglaubliche Nähe da – eine gute und niemals grenzüberschreitende Nähe, nicht mal grenzegefährdete Nähe – sondern eine sichere. Das geht nur weil ich dem Thera vertraue – nicht nur darauf dass er meine Grenzen kennt und wahrt, sondern auch dass er seine eigenen kennt und durchaus im Auge hat – und er damit auch darauf achtet, dass es für ihn nicht zuviel wird (und natürlich auch darauf dass es für mich nicht zu viel wird).

Eine Nähe die neu ist, die auch Angst macht, weil sie sehr verletzlich macht. Aber auch eine Nähe die genau das möglich macht – das Aufgreifen der Situationen – der von damals und der mit den idealen Eltern. Und das Vertrauen, dass er mir da nicht einfach nur irgendwas erzählt – so dass ich mich da auch ein Stück einlassen kann.

Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

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4 Antworten auf Thera heute

  1. Seelenbalsam sagt:

    Bei mir sind es die Worte, die weh tun. In die Augen sehen, muss ich von Berufswegen, aber ‚reden‘ ist oft schwierig. Ich bin oft ganz schnell still in der Therapie.

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
    Sie sprechen alles so deutlich aus.
    Dieses heißt Hund und jenes heißt Haus.
    Der Beginn ist hier und das Ende ist dort.

    Mich bangt auch ihr Sinn,
    ihr Spiel mit dem Spott.
    Sie wissen alles, was wird und was war.
    Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar.
    Ihr Garten und Gut grenzt geradezu an Gott.

    Ich will immer warnen und Wehren:
    Bleibt fern! Die Dinge singen hör ich so gern.
    Ihr rührt sie an; sie bleiben starr und stumm.
    Ihr bringt mir all die Dinge um!

    (Rilke)

  2. Ilana sagt:

    Worte sind ein Kapitel für sich. Lassen sich von mir oft nur sehr ungern finden und in vielen Situationen sind sie einfach nicht da. Ja Worte können verletzen, treffen, anrühren. Um Worte kämpfe ich jeden Tag, schreibend klappt es oft besser, sprechend fehlen sie in der Thera fast immer, oft schaff ich es dann aufzuschreiben – wenigstens in Stichworten, oft aber auch nicht.

  3. ariadne sagt:

    ich lese hier so nach und nach das nach, was du in den letzten tagen geschrieben hast. das hier berührt mich gerade ziemlich, weil es mir in der therapie genauso geht, ich schaue meiner therapeutin nicht in die augen, ganz selten mal bei belanglosigkeiten ganz kurz. ich kanns nicht, mir ist aber selbst unklar, warum, irgendwann habe ich es mal so formuliert: ich habe angst, dass man mir in den kopf schaut… und es hat auch viel mit scham zu tun, damit, dass es mir schwerfällt, zu dem zu stehen, was mir passiert ist, weil es mich so „abartig“ macht… aber eigentlich will ich dich hier nicht mit meinem zeug zumüllen, wollte nur irgendwie dalassen, dass mich das, glaube ich, wieder weiterbringt, was du schreibst… danke dafür.

    • Ilana sagt:

      @ariadne: mir war es auch nicht klar – naja – das mit der Scham schon – aber der Rest nicht so – ich hab mir aber auch nie wirklich Gedanken drüber gemacht – war halt so, wichtiger war mir, dass ich in der Thera keine Fassade aufbaue. Du „müllst“ mich nicht zu 🙂 ich bin froh dass du es geschrieben hast, es hinterläßt einen neuen Impuls – Danke

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