Gedanken

Gabriela postet einen Lesetipp – den Bericht einer Betroffenen, die heute als Erwachsene mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen arbeitet.

Ich las den Bericht und statt Betroffenheit waren da viele Fragen. Das was beschrieben wird ist soweit schon ganz gut. Betroffene kennen das und für Nicht-Betroffene ist es ganz gut beschrieben.

Doch für mich bleiben trotzdem Fragen offen – lebt diese Frau wirklich? Macht sie das, weil sie nur dadurch aus der Ohnmacht rauskommt, sozusagen als Therapie für sich? Oder hat sie ihre Traumata so weit verarbeitet, dass sie da auch mit der nötigen Distanz an die Arbeit gehen kann?

Viele traumatisierte Menschen arbeiten im sozialen Bereich – und ich seh das immer kritisch. Natürlich ist es gut, denn die kennen die Situation und können sich da eher einfühlen. Aber bei den meisten hab ich den Eindruck, dass die mir ihrer Geschichte nicht durch sind – und daher eher in dieses Helfersyndrom reinrutschen – denn solange sie anderen Betroffenen helfen können, müssen sie sich mit der Ohnmacht und der Hilflosigkeit und dem Ausgeliefert sein – das sie selbst erlebt haben – nicht auseinandersetzen – sie können diese eigenen Gefühle auf andere projezieren.

Vielleicht bin ich da so empfindlich weil ich vor wenigen Monaten so jemanden als Betreuer zugeteilt bekommen habe und mich echt fragte, ob jetzt er mich betreuen soll oder ich ihn (wobei er sich für super fit hielt).

Ich selbst hab im sozialen Bereich gearbeitet, in der Sterbebegleitung, als Sanitäter, als Betreuer von Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen (überwiegend geistige Beh.) usw. Und ich war gut in meinem Job – sehr gut sogar. Trotzdem war es eine Flucht – ich hab mich um die Probleme anderer gekümmert und musste mich mit meinen nicht auseinandersetzen.

Heute sehe ich das anders – und grade wenn man dann mit Menschen arbeitet, die ähnliches durchgemacht haben, finde ich es besonders wichtig, dass man selbst damit abgeschlossen hat – weil man sonst – unbewusst – zuviel überträgt.

Doch in diesem Text gibt es Formulierungen, die für mich eher sagen, dass sie eben nicht durch ist mit ihrer Geschichte.

Ihre eigene Geschichte erzählt sie wie jemand, der es gewohnt ist, dass ihre Zuhörer ihr entweder nicht glauben oder anfangen zu weinen. Beides nervt sie. Sie findet ihr Leben nicht schlimmer als das Leben von anderen Menschen.

Mir geht es ähnlich – mich nerven Tränen oder das nicht glauben auch oft. Aber ich finde nicht dass mein Leben nicht schlimmer war als das anderer. Ja es gibt Menschen denen es deutlich schlechter ergangen ist. Doch eine „normale“ Kindheit hatte ich nicht und ich hab sehr lange gebraucht um das auch zu akzeptieren.

Jahrelang hab ich mich daran festgehalten, dass es anderen schlechter ging, ich doch Glück hatte und hab mich um die gekümmert, denen es schlechter ging. Auch wenn ich damit vielen geholfen habe, habe ich es nicht für sie getan – auch wenn ich mir das immer vorgemacht habe. Ich habe das für mich getan, es war mein Schutz.

Das heißt nicht dass ich das schlecht finde, aber mich beeindruckt der Artikel nicht – sondern er wirft die Frage auf, warum sie das macht – und ich weiß nicht, in wie weit diese Dame das getrennt kriegt, in wie weit sie sich mit der Arbeit schützt, in wie weit sie sich bewusst ist, ob sie das wirklich nur macht um anderen zu helfen oder weil sie damit das Gefühl hat „etwas tun zu können“ und sich nicht mit der Ohnmacht auseinandersetzen muss.

Ja es kann gut sein, dass sie wirklich ein Vorbild sein kann, dass sie wirklich viel geschafft hat. Es kann aber auch sein, dass sie sich hinter der Arbeit versteckt – das wird im Artikel nicht klar.

Ich wünsche es ihr – dass sie mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hat, es nicht nur Schutzmechanismen sind, eine Flucht.

Sie lebt ihr Leben und versucht aktiv etwas zu tun, das ist gut, das ist lobenswert. Doch ich hoffe, dass sie das nicht nur macht um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen.

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4 Antworten auf Gedanken

  1. artista sagt:

    Liebe Ilana,

    kann deine Gedanken dazu gut nachvollziehen – ich kannte diesen Teext schon und habe damals gleich gedacht.

    Es ist sowas von wichtig seine eigene Geschichte aufgearbeitet zu haben, bevor man sich um ähnliches kümmert.

    Wünsch dir einen ruhigen Abend.

    Herzlichst
    artista

  2. Violine sagt:

    Ich stimme Euch beiden zu.
    Und ich habe hier in Heidelberg in einem Reha-Zentrum – einem Berufsförderunswerk – studiert. Da gibt es ständig Berufsfindungsleute, und keiner mit einer psychischen Symptomatik darf da in was Soziales rein. Ich finde das sehr rigoros, aber andererseits ist es auch sehr gefährlich – genau wie Ihr beiden sagt – wenn man diese Leute in diesen Berufen hat, die damit eigentlich nur ihr eigenes Loch stopfen wollen. Leider gibt es das im sozialen Bereich nur allzu häufig, mit ebensolchem nachfolgendem Leid. Ich war früher sehr blauäugig, was das betraf, und musste das dann sehr leidvoll erfahren.

  3. Violine sagt:

    Jetzt habe ich auch den Text angelesen. Ganz habe ich ihn nicht geschafft. Diese Frau ist nicht gerade ein Vorbild für andere und sie hat wirklich nicht abgeschlossen.
    Nein, danke, das muss nicht sein.

  4. Ilana sagt:

    Hmm – ich weiß es nicht ob sie abgeschlossen hat oder nicht – von einem Artikel allein kann man das nicht sagen – finde ich – und sie macht ja was – das finde ich schon gut – im Artikel liegt der Schwerpunkt aber auf der Arbeit mit den Kindern – und eben nicht an sich selbst – nur das wollen Nicht-Betroffene auch nicht lesen – denn die Arbeit an sich selbst ist so schwer zu erklären und noch schwerer zu verstehen.

    Deshalb kann ich nicht sagen, dass sie kein Vorbild ist – weil ich es nicht weiß.

    Mir war wichtig, das aber auch sagen zu können – weil zu viele unreflektiert in den sozialen Bereich gehen. Das heißt nicht dass die da nicht gut sein können – mir wurde das immer wieder bestätigt, dass ich gut bin. Das hängt glaub ich eher daran ob man sich abgrenzen kann, Grenzen setzen kann – für mich war das fast wie ein Knopf den man abschalten konnte, wenn ich nach Hause ging. Andere können das nicht und lassen dann permanent über ihre Grenzen latschen.

    Ich kenne Betroffene die gut sind in ihrem Job, sich selbst aber vergessen und das machen um „ein Loch zu stopfen“ wie Violine so schön sagt – ein Loch in sich selbst. Und ich musste Betroffene kennenlernen, die sich für gut halten, aber selbst die Grundkenntnisse überschreiten, weil deren Trauma was anderes war und sie das allen Traumatisierten überstülpen.

    Mir wurde sehr oft gesagt und bescheinigt, dass ich außergewöhnlich gut bin – grade auch in Hinblick auf mein Alter. Und ich fühlte mich auch gut.

    Mich lehrte das der Missbrauch – das abschalten können. Sie gibt den Kindern diese Grenzen, weil es ihr gefehlt hat – ich hab genau das gegenteilige erlebt – kein Verständnis, klare Ansagen, an die man sich gehalten hat, aber gebraucht hätte ich ein „ja ich versteh dich“ (wenn auch kein „hau nur drauf“ – ich war ja immer eher die in mich gekehrte).

    Gut zu sein heißt auch den vor mit stehenden Menschen als Individuum zu sehen – nicht ein „der braucht nur klare Grenzen“ oder „der braucht nur mal jemanden der ihn umarmt“ oder was auch immer. Sich einzufühlen was wirklich gebraucht wird und dabei seine eigenen Grenzen im Auge zu haben und die auch klar machen zu können. Er braucht die nötige Distanz – um unterscheiden zu können wie weit kann ich gehen.

    Selbst die, die ihre Arbeit sehr gut machen – machen sie nicht für andere, sondern für sich – das halte ich für nicht richtig – sie machen sich etwas vor – und im Endeffekt kann das anderen schaden.

    Aber ich würde auch nicht sagen, dass sie kein Vorbild ist – ich kenne sie nicht, ihre Arbeit nicht, ihre Art nicht, weiß nicht ob sie an sich weiter arbeitet und das „im Auge“ hat oder nicht. Der Artikel hätte dazu auch nichts geschrieben.

    Die Arbeit für andere – das war es um was es geht – als Betroffene Betroffenen gegenüberstehen. Daher kann ich nichts zu dieser Frau sagen – weil für mich da wichtige Fragen offen blieben.

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