Instruemtalisieren

Irina (Shekaina) erzählt beim diesem Beitrag in den Kommentaren, wie sie von einem Freund instrumentalisiert wurde. Bei traumatisierten Menschen ist das ein häufiges Phänomen. Das läuft auch nicht bewusst ab – doch raus kommt man da nur, wenn eben keiner „drauf rein fällt“ – das ist eine Art Coabhängigkeit die da stattfindet. Dieses „mir kann eh keiner helfen, aber du hilf bitte mal von dir aus, weil ich kann es ja nicht annehmen, also musst du es mir aufzwingen“ – darin wiederholt ein Traumatisierter die Täter-Opfer-Rolle – es ist ein Verhalten, das bekannt ist, vertraut ist und damit auch sicherer als eine Veränderung.

Wie gesagt – das läuft nicht bewusst ab – der will nicht manipulieren oder so – sondern es ist ein unbewusster, tief verankerter Verhaltenszug, aus dem man auch nicht so einfach rauskann. Man nennt das auch Opferverhalten.

Jahre – oft sogar jahrzehntelang – war dieses Verhalten notwendig – um zu überleben. Und so wie man andere Gewohnheiten erst dann bekämpfen kann, wenn man sich ihrer bewusst ist – ist es auch hier.

Doch das bedeutet auch sein Verhalten grundlegend zu ändern – was wie wir alle wissen – sauschwer ist und Zeit braucht. Das geht nicht von heut auf morgen.

Raus kommt derjenige aber erst, wenn alle „Coabhängigen“ nicht mehr mitspielen – denn es gehören zwei dazu – jemand der macht und jemand der machen lässt. Anders als beim Trauma, wo es keinen Einfluß darauf gibt ob jemand macht oder nicht macht – man ist nur ausgeliefert – kann man heute etwas gegen dieses Verhalten tun.

Doch erstmal muss man sich dessen bewusst sein, dass man sich immer (noch) wie ein Opfer verhält – und man muss dies ändern wollen.

Dann beginnt ein sehr langer Weg, der sicher eine Menge Rückschläge mit sich bringt. Doch ich bin mir auch sicher, dass man diese Änderung alleine nicht schaffen kann, dass man dazu fachliche Hilfe braucht. Jemand der mit dem nötigen Abstand prüft, wo er helfend eingreift und wo er den Betroffenen selbst rudern lässt.

Als Bekannter, Freund, Angehöriger hat man diesen Abstand nicht. Das ist wieder wie bei der Coabhängigkeit – ein Drogenabhängiger wird erst dann was ändern, wenn er ganz unten ist, wenn Angehörige und Freunde kein Geld mehr zustecken, weil er sich ja sonst prostituieren muss oder klauen. Wenn die Angehörigen und Freunde ihn nicht mehr decken und vertuschen, sondern „auflaufen“ lassen. Erst dann erkennt er, dass er was ändern muss, dass er entscheiden muss ob er sterben will oder leben.

Das ist für Angehörige und Freunde nicht einfach – doch da bleibt nur hart bleiben, nicht nachgeben, weil jedes nachgeben ein Unterstützen der Suche wäre.

Beim Feststecken im Opferverhalten ist es ähnlich. Solange da jemand tut und macht und sich kümmert, muss derjenige der drinsteckt ja nichts ändern  – es läuft ja irgendwie. Er muss nichts verändern, weil jemand anderer sich um alles kümmert – also muss er sich um nichts wirklich kümmern. Und er muss dadurch auch keine Konsequenzen tragen – andere treffen die Entscheidung und sind somit an allem „schuld“.

Die Betroffenen müssen „erwachsen“ werden, lernen Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen tragen – so wie es jeder Mensch irgendwann lernen muss. Als Opfer wurden wir klein gehalten, kontrolliert, andere haben bestimmt und wir waren ausgeliefert – daraus muss man sich lösen – dazu gehört dann eben auch dass man Entscheidungen trifft – und lernt seine eigenen Grenzen zu wahren.

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3 Antworten auf Instruemtalisieren

  1. wortsucherin sagt:

    Hallo Ilana,

    mir ist so etwas zweimal mit sehr guten Freundinnen passiert. Bei der einen war es sehr bewusst, was sie irgendwann auch zugeben konnte. Bei der, die sich unbewusst so verhielt, war es teilweise sehr extrem. Es sollte soweit gehen, dass ich ihr alles abnehme, von entscheidungen bis hin zu machen selbst. Bei ihr war es so, dass ich von früher übernommen hatte, jemand macht alles für sie, negativ wie positiv und sie hat keine eigene Wahl. ich hab mich darauf eingelassen, weil ich das gefühl hatte, irgend etwas wieder gut machen zu müssen, da muss ich nochmal schauen was es war. jedenfalls, weil du etwas von Täter-opfer geschrieben hast: ich habe mich wirklich gefühlt wie ein Täter im negativen Sinne. Ich musste wirklich irgendwann stopp sagen und ihr erklären, warum ich stoppen muss und das ich das gefühl hatte, grenzen zu überschreiten, die ich nicht überschreiten darf. Ich weiß noch, wie entsetzt sie war, weil ihr das gar nicht aufgefallen ist.
    Das schöne ist, dass wir jetzt beide darauf achten und, wenn eine von beiden es merkt, spricht sie es an und es geht wirklich gut. Ich bin überrascht, wie sehr sie jetzt ihre eigenen entscheidungen trifft.
    Ich muss gestehen, dass ich nicht sicher war, ob unsere freundschaft das aushält und, wie du geschrieben hast, es war schwer und hat uns beide wirklich an unsere grenzen gebracht.
    Bei der anderen freundin lief es leider nicht so. Sie Manipuliert ganz bewusst und das auch weiterhin, weil sie immer jemanden findet, der mitspielt.
    Ich hätte mir früher nie vorstellen können, das so etwas massives unbewusst abläuft aber ist ja wirklich so.
    Liebe grüße
    Wortsucherin

  2. shekaina sagt:

    fürn mich ist da nochwas wichtig: auch die co-abhängigen sind krank- ge- und missbraucht werden, das ist irgendwie sehr wichtig – zumindest empfinde ich selbst das so, damit meine ich, dass auch die co-abhängigkeit für mich „gefährlich“ ist, ge- und missbraucht werden, die alte ordnung eben…
    liebe grüsse

  3. Ilana sagt:

    @Wortsucherin: auch das scheinbar massiv bewusste manipulieren ist oft eher unbewusst – meine Mutter manipulierte ununterbrochen, doch ich bin mir recht sicher, dass sie sich dessen nicht bewusst ist – sie brauchte das für „ihre“ Weltordnung, die Kontrolle haben – weil sonst alles zusammenbricht (für sie).

    @irina: da hast du vollkommen recht! Das fängt beim Helfersyndrom an und geht auch grade bei Traumatisierten durch das „nicht nein sagen“ können oder trauen und Grenzen kennen und setzen können weiter. Deshalb ist es ja so wichtig, dass Betroffene ihre Grenzen auch kennenlernen und vor allem auch wahren lernen.

    Übrigens ist das auch ein Schutzmechanismus – denn solange man sich um jemand anderen kümmern kann/muss, muss man sich nicht mit den eigenen Probleme auseinandersetzen – man ist ja vollauf damit beschäftigt es allen anderen recht zu machen. Auch das läuft nicht bewusst ab. Gehört aber dazu – zu dieser Wiederholung der Täter-Opfer-Verhältnisse – und es ist da genauso nicht so einfach rauszukommen. Liegt aber auch hier wieder an dem, der drin steckt – man muss sich dessen bewusst werden und dann schauen wie man es ändern kann – ich denke auch hier, dass das ohne Hilfe kaum zu schaffen ist.

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