Thera heute – Teil 1

Ich landete bei einem kleinen Mädchen, sieben oder acht, zutiefst verzweifelt, weil es nur noch sterben wollte, aber nicht mal das klappte.

Es hatte Zitroneneis gegessen, obwohl es Zitroneneis abgrundtief hasste, aber es war das einzige an das es heran kam – und die Mutter sagte ja immer, dass man davon nicht zu viel essen darf, weil sonst der Magen einfriert und dann könnte man nichts mehr essen und müsste verhungern.

Also zwang es die ganze Packung hinunter, bezwang den Brechreiz und legte sich ins Bett – um auf den Tod zu warten.

Aber es kam nur große Übelkeit, irgendwann dann doch ein Übergeben und natürlich eine Bestrafung, weil es so „gierig“ war und ohne Erlaubnis das ganze Eis gegessen hatte.

Etwas später das selbe nochmal – statt Zitroneneis war es Orangensirup – denn auch davon durfte man ja nicht zu viel nehmen, weil sonst der Magen verklebt und dann könnte man nichts mehr essen und müsste verhungern.

Nur dass das dies mal die Übelkeit gewann und das Mädchen sich übergeben musste – immer und immer wieder – und natürlich wurde es wegen seiner „Gier“ und seines „Ungehorsams“ wieder bestraft.

Das Mädchen konnte das aber nicht sehen, es dachte viele viele Jahre lang, das es bestraft wurde, weil es nicht geklappt hat, weil es überlebt hat, dass die Bestrafung wegen was anderem war, tröpfelte erst über 20 Jahre später so nach und nach ins Bewusstsein.

Nun war es aber so, dass das Mädchen immer noch tot sein wollte – nichts wünschte es sich sehnlicher. Es betete zu Gott, dass es denn sterben dürfe, es handelte mit Gott – dass es ruhig auch weh tun dürfe, sie schwer krank sein kann, Hauptsache es darf am Ende sterben. Sie stellte Gott sogar ein Ultimatum: sie gab ihm noch bis September – bis dann sollte er aber doch bitte dafür sorgen, dass sie tot sei oder wenigstens so krank, dass sie sterben würde.

Jeden Tag ging sie in die Kirche, jeden Abend und jeden Morgen betete sie innig um den Tod – doch nichts passierte.

Das alles war schon passiert – an dieser Stelle stand das kleine Mädchen nun und wusste nicht recht weiter.

So fing sie an den Atem anzuhalten – und tot zu spielen. Einfach so tun als wäre man tot. Anfangs ging das natürlich nicht lange, das Luft anhalten – doch es wurde immer länger. Immer wieder versuchte sie den Atem anzuhalten – solange wie nur irgend möglich und irgendwann schaffte sie es sogar den Atemreflex zu überlisten. Manchmal so lange bis sie ohnmächtig oder bewusstlos wurde. So sehr sie dieses Überwinden des Atemreflexes auch liebte, es wurde zu einer regelrechten Sucht, da hatte sie die Kontrolle – war es dennoch nie genug.

Spätestens wenn das Bewusstsein schwand, schnappte der Körper wieder nach Luft. Nicht einmal da schaffte sie es weit genug.

Das Ganze zog sich über ein paar Jahre, lange nur mit dem Ziel – irgendwann würde es lang genug den Atem anhalten können – es dauerte Jahre bis auch diese Seifenblase zerplatze.

Über blieb nur grenzenlose Verzweiflung und Ohnmacht.

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2 Antworten auf Thera heute – Teil 1

  1. shekaina sagt:

    puh, das ist echt krass ilana, war das wirklich so oder war das eher ein „traum“?
    ich meine, diese frühkindlichen depressionen mit sduizidalem verhalten kenne ich extrem gut: habe als sechsjährige immer leichen im kopf gesehen und dann später habe ich mich oft mit einem gürtel oder einem handtuch selbst stranguliert, das war fast eine „befreiung“ (hat mein vater auch immer bei mir getan)…
    wie geht es dir damit heute? hast du noch oft den wunsch, zu sterben? oder hast du dich klar für das leben entschieden?

    es ist schrecklich, dass schon ein kleines kind an den tod denkt, was ja völlig gegen die natur geht, aber alles, was du erlebtest, ging GEGEN die natur.
    ich denk an dich

  2. Ilana sagt:

    Nein – ich habe mich FÜR das Leben entschieden, bin heute auch nicht mehr suizidal, war es aber jahrelang – meist so latent, doch durchaus auch mit klarem Plan und Ziel. Doch das ist heute nicht mehr so – ich lebe gerne – und kämpfe auch darum.

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