Sprachlosigkeit

Ich glaub das war für mich eine der schlimmsten Folgen meiner Vergangenheit – die Sprachlosigkeit.

Das nichts sagen dürfen so sehr verinnerlicht – warum auch sollte man etwas sagen – ist doch nicht wichtig, weil ich nicht wichtig bin, nichts wert bin – also auch alles was ich sagen könnte unwichtig ist.

Als Kind habe ich erzählt – im Kindergarten, in der Schule – mit dem Ergebnis, dass meine Mutter allen klar machte, dass ich ja nur lügen würde um mich wichtig zu machen – da ich ja plötzlich durch die vielen Kinder nicht mehr die alleinige Aufmerksamkeit bekomme (klar – mit 6 älteren Geschwistern) – ja ich war ein Nachzügler und die großen Geschwister haben mich sicher verwöhnt – doch Aufmerksamkeit – das lernten wir alle sehr früh, dass es besser ist die nicht zu erregen.

Es war nicht nur das nichts sagen dürfen, ich hätte gar nicht gewusst was sagen – denn ich hatte keine Worte für das was mit mir gemacht wurde, was mir passierte. Die Worte die mir dafür gegeben wurden passten nicht zu den Empfindungen.

Es sollte „lieb haben“ sein und „lieb sein“, es war „Fürsorge“ und „Kümmern“, doch für mich war es nur Fassungslosigkeit über den Schmerz.

Das Gefühl des Allein gelassen werdens, des nie wissens, was in der nächsten Minute passieren würde – würde die Mutter dann Mutter oder Monster sein, würde sie dafür sorgen, dass der Vater mit mir in den Zoo geht oder ins Bett – und was wird er tun?

Wenn ich Fotos von damals ansehe und die nur die Augen sehe – nicht das Gesicht – sehe ich kein Lachen – ich sehe Augen, die viel zu alt sind, die überzulaufen scheinen von all den schlimmen Dingen die passieren, von all der Verwirrung, all der Vorsicht mit der sie der Welt begegnen, denn das was sie gelernt haben ist, bloß niemals – absolut niemals! – irgendjemanden zu vertrauen.

Es waren Erfahrungen, für die es keine Worte gab – das Kind verstand gar nicht was da passierte und hatte erst recht keine Begriffe, Worte dafür. Und da es ja eh nicht drüber reden sollte – konnte es auch nicht danach fragen.

Dieses Gefühl der Sprachlosigkeit, dieser Fassungslosigkeit – ist für mich eines der schlimmsten Gefühle. Da ist jeder Schmerz, jede Traurigkeit – besser – egal wie intensiv – denn das ist wenigstens „greifbar“, benennbar.

Noch heute geht es für mich darum, die Sachen die passierten und die Folgen davon zu benennen – manchmal gelingt mir das durch das Schreiben – das Schreiben schafft eine Distanz, die ich nicht habe, wenn ich diese Worte aussprechen soll.

Als Kind übernimmt man die Werte der Eltern, bei mir war es: du bist nichts wert, zu nichts nütze, faul, der letzte Dreck – und nur Mittel zum Zweck, ein Werkzeug für die Eltern, mit dem sie ihre Bedürfnisse befriedigen können – das man wegwirft, wenn es nicht mehr so funktioniert wie gewünscht – dann wird es zum wertlosen Werkzeug – und weil ich irgendwann nicht mehr Werkzeug sein wollte, bin ich auch noch unendlich und entsetzlich undankbar.

Die Frage des Warums stellte sich bisher nur beim Vater – derjenige, bei dem ich durchaus das Gefühl hatte, dass ich ihm etwas bedeute, dass er sich gern mit mir beschäftigt. Das ironische dabei ist – das ich mir diese Frage nicht bei den oralen Übergriffen stellte – als gehörten die dazu. Erst als er weiter ging – für diesen Moment – gibt es ein „Warum?“.

Was die Mutter anging – die Ärzte fragten nicht mich – selbst der Psychologe zu dem ich als Kind geschickt wurde, fragte nur meine Mutter – ob es Probleme in der Familie gäbe, neue Umstände, ein weiteres Kind, Scheidung oder sonst etwas – meine Mutter antwortete und das war’s.

Manchmal fühle ich mich noch heute wie das Kind von damals – das nur fassungslos und staunend – und darüber sprachlos – da steht und versucht verzweifelt zu begreifen was da grad passiert.

Verzweifelt nach Worten sucht – nicht mal um sich mitzuteilen, sondern um es wenigstens für sich benennen zu können, einordnen zu können, begreifen zu können.

Das ist die Verbindung zu heute – die Worte zu finden um das benennen zu können, einordnen zu können, begreifen zu können – um es dann irgendwie auch verarbeiten zu können.

Und die Erfahrung machen zu können, dass es auch jemand gibt der zuhört, der glaubt und der hilft die Werte wieder gerade zu rücken – damit den Werten, die die Eltern vermittelt hatten, etwas entgegengesetzt wird – um so ein Stück Realität rein zu bekommen.

Mein Thera meinte mal zu mir, er hätte das jetzt erst richtig verstanden: für ihn ist klar, wenn er den Kugelschreiber in die Luft hält und er lässt ihn los, dann fällt er – wegen der Schwerkraft – hinunter.

Genauso klar ist für ihn, dass es nicht meine Schuld war, dass es nicht in Ordnung war was da alles passierte und es nicht an mir lag.

Nur dass für mich der Kugelschreiber halt nicht immer zu Boden fällt, sondern durchaus in der Luft schweben bleiben wird.

Irgendwo hab ich mal gelesen, dass es für jede schlechte Erfahrung 64 positive Erfahrungen braucht um die wieder „gut“ zu machen. Also einmal erfahren „du bist dumm“ braucht 64 „du bist klug/intelligent“ – um das wieder auszugleichen (und ich hoffe jetzt mal dass ich die Zahl 64 richtig im Kopf hab – war jedenfalls eine hohe 2-stellige).

Heute beim Thera – saß ich wieder da, schweigend, obwohl es so viele Worte gab, die ich sagen wollte – doch es ging nicht. Es tat zu weh, die Worte hätten mich zerrissen. Sie kommen mir wieder abhanden – die Worte – oder waren nie da für das was grad an Themenbereich hochkommt – für mich unter dem Überbegriff „alte Wohnung“ beinhaltet sie auch Ämter- und Behördengeschichten, Betreuungsvereine, Kindheit – und noch eine Menge mehr.

Am Freitag werde ich mit dem Thera zusammen versuchen in diesen Sumpf hinab zu steigen – und nicht zu ertrinken.

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4 Antworten auf Sprachlosigkeit

  1. artista sagt:

    Wie gut ich das nachvollziehen kannst, was du schreibst…das nie reden dürfen…nie…und wenn, dann hatte man gelogen…

    Aussichtslos für ein Kind…das ist unendlich traurig…

    Sei herzlich gegrüßt
    artista

  2. Ilana sagt:

    Ja – und dieses Schweigen sitzt tief – und macht es auch für uns Erwachsene noch oft schwer sich davon zu lösen

  3. Ich kann das auch so gut nachvollziehen.
    Wie oft sitze ich bei meiner Therapeutin und führe innere Kämpfe ob ich nun reden darf oder nicht…Die anderen Anteile waren zum Teil so stark das ich überhaupt keine Stimme mehr hatte über Stunden…

    Es ist irgendwie wie eine zerreisprobe, man weiß es wird nur besser wenn man redet, irgendwie weiß man vom Verstand her auch es ist vorbei, heute ist eine andere Zeit, aber überall angekommen ist es noch lange nicht.

    All zu oft ist da das Kind was nichts sagen durfte, was immer so tun musste als sei alles in Ordnung, was überall krampfhaft versucht hat sich anzupassen um ja nicht irgendiwe aufzufallen, um immer und überall der unscheinbare mitläufer zu sein. In der Schule unauffällig keine überragenden aber auch keine schlechten Leistungen etc…
    Blos das niemand was merkt…

    Ich bewundere den Mut so offen über all das zu schreiben. Ich glaube ich brauche da noch einiges an Zeit für.

    Ich wünsche dir weiter viel Kraft und Mut auf dem Weg heil zu werden

    Sternschnuppe

    • Ilana sagt:

      @sternschnuppe: das „darf nicht“ ist heute in der Therapie bei mir nur noch sehr sehr selten – aber das „kann nicht“ immer noch ab und an da – wenn gleich auch kein Vergleich zu früher, da saß ich meistens schweigend und erstarrt da – was heute nur noch selten vorkommt. Für mich ist das Aufschreiben leichter als das Aussprechen – und oft machen wir das dann auch so. Noch vor zwei Jahren hätte ich das nicht offen schreiben können und als ich vor ein paar Monaten den Schritt tat – war ich mir mehr als unsicher, ob das so das richtige ist. Doch jetzt ist es gut so wie es ist.

      Ich wünsche dir viel Kraft und Durchhaltevermögen auf deinen Weg – bleib dran – es lohnt sich! – und herzlich Willkommen hier 🙂

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