Münchhausen-by-proxy-Syndrom

In diesem Beitrag geht es nicht um Erklärungen des Syndroms – die findet ihr hier.

An dieser Stelle hier möchte ich meine persönliche Geschichte dazu aufschreiben.

Meine Mutter ging nie so weit mich in Lebensgefahr zu bringen.

Angefangen hat es etwa mit 4 Jahren – ich hatte wieder angefangen nachts einzunässen (vermutlich als Reaktion auf die sex. Übergriffe des Vaters, die mit ca 3 Jahren begannen). Ob ich nur wegen des Einnässens oder ob ich da schon Harnwegsinfekte hatte – weiß ich nicht – jedenfalls wurde ich zum Hausarzt und irgendwann von dem in die Urologie überwiesen.

Tja – und damit begann es – ich hatte viele Geschwister – und war die Jüngste damals – meine Mutter bekam jede Menge Aufmerksamkeit, weil sie eh schon so viel um die Ohren hatte durch die vielen Kinder und dann noch ein krankes, ein chron. krankes, bei dem nichts zu helfen schien, egal was sie alles für mich tat und auf sich nahm.

Ich wurde auf die Arztbesuche vorbereitet, anfangs nur durch ein „untrisch waschen“ (ein Begriff der für mich heute noch ein Trigger ist) – dabei wusch sie mich mit einem Waschlappen und war dabei sehr grob – ich war danach immer total wund (offiziell kam das natürlich vom Einnässen oder den Infekten) – wobei da eine Angst meiner Mutter mit reinspielte: sie hatte immer Angst, dass ihr jemand nachsagt, dass sie nicht gut für uns sorgen würde, so wurden wir häufig am Tag umgezogen, damit wir immer sauber waren, sie war beim waschen nie sanft oder so – doch das ging über das „normale“ hinaus.

Grobheit allein reichte aber nicht aus, so kam im Laufe der Zeit einiges mehr dazu – sie manipulierte an mir herum, steckte mir Finger und sonstiges rein, mit Schmutz, infizierten Urin und allem Möglichen. Irgendwann brauchte es nicht mehr allzuviel um einen Infekt auszulösen (dazu braucht es auch heute leider nicht allzuviel).

So landete ich jede Woche – montags um 14 Uhr – in der urologischen Ambulanz – Woche für Woche. Einmal im Jahr etwa war ich stationär für 2-3 Wochen – in dieser Zeit wurden sehr schmerzhafte Untersuchungen und Behandlungen vorgenommen – und anderem wurden mir Elektroden durch die Bauchdecke an die Harnblase gelegt um die Blasentätigkeit aufzuzeichnen oder 7 oder 8 Mal die Harnröhre geweitet.

Die Klinikaufenthalte an sich waren – abgesehen von den Schmerzen – für mich eher angenehm – da gibt es einige sehr positive Erinnerungen, die ich auch hier schon geschildert hatte.

Meine Mutter hat sich mit dem Pflegepersonal und dem Arzt immer sehr gut verstanden – hat da den Kontakt gesucht, war immer die „hilfsbereite“ und „ideale“ Mutter, die die Schwierigkeiten des Personals versteht. Sie war die Soziale mit dem riesengroßen Herz, die andere Kinder besucht, die keinen Besuch bekamen (es war eine Uniklinik, in der Kinder von sehr weit her lagen – damals durften Eltern nicht dort übernachten oder so), die die jeden Tag kam, sich – trotz des Stresses der Großfamilie – jeden Tag die Zeit nahm. Sie kam mittags – in der Besuchszeit, abends kam mein Vater – während ich seinen Besuch mochte, war mir ihrer meist egal – ich wollte lieber in den Stationskindergarten oder mit den anderen Kindern spielen.

Über 10 Jahre lang war ich jede Woche in der Klinik. Als ich etwa 7 oder 8 war hatte der Arzt, der mich bis dahin behandelt hatte nur noch Privatpatienten behandelt – aber da ich so ein interessanter Fall war, hat er mich weiterbehandelt.

Mit 11 oder 12 sollte ich dann dreimal die Woche zur Elektrostimulation der Blase kommen, das dauerte 2-3 Stunden jedesmal und ging über 3 Jahre etwa. Ich fand das immer sehr unangenehm.

Dazu kam, dass das in einem Raum passierte, in dem 2 Betten standen, man war also nicht alleine, sondern zu zweit, wobei nur darauf geachtet wurde, dass es eben geschlechtlich getrennt war. Aber Intimsphäre gab es nicht, was einem kleinen Kind noch egal ist, aber so ab 8 etwa eben nicht mehr und als Jugendliche sowieso nicht.

Immer wieder versuchte der Arzt die Abstände zwischen den Kontrolluntersuchungen jede Woche  zu verlängern, doch dann war sofort wieder ein Harnwegsinfekt oder eine Nierenbeckenentzündung auf dem Plan.

Über 10 Jahre lang bekam ich Dauerantibiotika, es gab 2 oder 3 Mal eine allerg. Reaktion – die auch eigenartig war, weil es kein Medikament gab, auf das ich jedesmal reagierte. Auf Penicillin reagierte ich immer nur in niederen Dosen – in hohen nicht, auf Keflex reagierte ich, nachdem ich es schon über 3 Wochen nahm an einem Wochenende, bekam es aber weiter und reagierte dann nicht mehr. Es war alles was ich hatte oder nicht hatte immer so unklar – die Nierenbeckenentzündungen meist ohne Fieber, ständig Antibiotika ohne dass ich deshalb weniger Infekte gehabt hätte usw.

Die Übergriffe der Mutter waren weniger sexuell orientiert, mehr sadistisch. Mich verfolgt noch heute ihr Gesichtsausdruck, wenn sie mir weh tat – ein freudig-erregter. Es war ein ganz bestimmter Blick.

Schon sehr früh – mit etwa 8 auch – fuhr ich alleine in die Ambulanz – ich erinner mich noch, dass ich beim ersten Mal den Weg nicht fand – ich wusste nur, dass über den Eingang „Liegendkranke“ steht – aber nicht wie ich von der Haltestelle dort hin kam – ich versuchte mich durchzufragen, doch immer hieß es nur, ob ich in die Chirurgie oder wohin ich eben wollte – in Innsbruck sind die einzelnen Abteilungen in verschiedenen Häusern – die Urologie war damals im Chirurgiegebäude im 2. Stock (heute ist die wo anders untergebracht) – und „Liegendkranke“ kam nun mal an jedem Gebäude vor, das wusste ich aber nicht.

Ich fühlte mich sehr verloren – aber irgendwie fand ich dann wohl hin – vielleicht wusste jemand dann doch was ich meinte – keine Ahnung.

Obwohl ich also da alleine hinfuhr (nicht immer aber im Laufe der Zeit immer häufiger) und alles alleine über mich ergehen lies – bekam die Mutter die Aufmerksamkeit.

Ich weiß nicht mehr wie oft ich gehört habe „die arme Mutter, geschlagen mit dem kranken Kind“.

Meine Mutter erzählte es immer überall herum, kaum dass ich etwas erzählte, griff sie zum Telefon um es der Nachbarschaft zu erzählen. Auch jedes Einnässen (das bis in die Jugenzeit Thema war) wurde herumerzählt, nachts wurde ich ein bis zweimal „aufgehoben“ – also geweckt und zur Toilette geschickt – das wurde natürlich auch bei Klassenfahrten dann gemacht. Ab 16 Uhr bekam ich nichts mehr zu trinken, tagsüber dafür musste ich ständig was in mir reinschütten. Vielleicht ist das der Grund warum das Trinken heute oft problematisch ist – tagsüber trinke ich oft wenig, abends dann mehr. Manchmal hab ich Durst und kann nicht trinken – bekomme einfach nichts hinunter. Zumal wir fast nur Wasser zu Trinken bekamen (manchmal auch mit Sirup) – meist aus den Zahnputzbechern im Bad (vor denen ich mich so ekelte, die schmeckten auch immer nach Zahnpasta – deshalb gibt es bei mir keine Zahnputzbecher – ich könnte die nicht nutzen).

Jedenfalls wurden immer alle informiert – über alles.

Es war mir einfach so peinlich – obwohl ich mich nicht erinnern kann als Kind deswegen gehänselt worden zu sein – aber es wussten immer alle Bescheid. Jedes Einässen wurde auch so durchdiskutiert und ewig zum Thema gemacht.

Ein Toilettengang war für mich nie was „normales“ – jahrelang wurde jeder Urin aufgefangen, gemessen, gerochen, angesehen, notiert. Ein an und für sich sehr intimer Vorgang wurde einfach öffentlich gemacht – was nicht grade dabei half da für mich unbefangen mit umzugehen.

Aus heutiger Sicht denke ich mir oft, dass es anders gelaufen wäre, wäre das nicht gewesen – jeder Toilettengang war unangenehm – und deshalb zögerte ich ihn so lang wie möglich hinaus – das wiederum führte dazu, dass ich es dann oft nicht mehr halten konnte. Dabei war das Einnässen eher nachts.

Meine Mutter sorgte „nur“ dafür dass ich wöchentlich zu den Kontrollen musste und entsprechend auch Harnwegsinfekte hatte – und das jährlich umfangreichere Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt werden während ich stationär war. Sie sorgte dafür, dass ich meine Medikamente nahm (die dann mit etwa 10 schon nur noch den Abfluß runter warf und mir meinen Teil dachte, wenn der Arzt sagte, wie wichtig es sei, dass ich die Medis nehme, weil ich sonst sofort eine Nierenbeckenentzündung bekäme) – und es war egal ob ich sie nahm oder nicht. Es machte ihr Spaß mir weh zu tun und einige ihrer Manipulationen taten höllisch weh.

Aufgehört hat es dann mit 15 etwa – als ich in die Handelsakademie wechselte – einfach weil für die Elektrostimulation keine Zeit mehr war, in der Hauptschule war es noch egal wenn ich viel Schulzeit versäumte (und ich versäumte sehr viel, teilweise war die Benotung gefährdet) und auch die wöchentlichen Kontrollen – ich hatte in der Zeit Schule (der Arzt hatte nur Montags um 14 Uhr Sprechstunde – war ja mittlerweile privat).

Die ganzen Sachen haben Spuren hinterlassen – nicht nur psychisch. Noch heute habe ich mehrfach im Monat Harnwegsinfekte, ich habe eine leichte Harn-Inkontinenz, die bisher auf keine Behandlung ansprach (allerdings bin ich da erst am Anfang), ich vertrage keine Antibiotika, die meisten wirken auch nicht – aber ich reagiere mit massiver Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufbeschwerden, wenn ich auf Infekte nicht mit viel Trinken, Wärme und Ruhe reagiere, entwickelt sich gerne eine Nierenbeckenentzündung (noch heute oft ohne Fieber – allerdings in den letzten 2 Jahren deutlich weniger oft als davor, davor war es etwa 8 mal im Jahr – in den letzten 2 Jahren hatte ich nur 2).

Dank der „Manipulationen“ der Mutter kann ich zu keiner Frau im medizinischen Bereich – keine Ärztin, keine Physio- oder Psychotherapeutin – selbst Arzthelferinnen und Krankenschwestern sind ein großes Problem. Das wiederum ist wegen des sexuellen Missbrauchs durch den Vater eine Zwickmühle – trotzdem komm ich da mit Männern deutlich besser zurecht. Vielleicht weil mein Vater „authentischer“ war – er hat es nie bestritten, während meine Mutter noch heute darauf besteht, dass ich doch eine tolle Kindheit hatte und von allen geliebt wurde – und ihr großes Unrecht tue.

Ja sie hat mich nie in Lebensgefahr gebracht und „nur“ für Harnwegsinfekte gesorgt – aber sie hat auch dafür gesorgt, dass ich körperliche Beschwerden nicht ernst nehmen kann – weil sie immer gejammert hat, wie arm sie doch ist – verpackt in dieses „ich bin ja so stark, tu doch alles für das Kind, opfere mich auf“ – weil sie aus meinen Zimperlein Riesentheater gemacht hat.

Nur wenn ich wirklich krank war, dann spielte sie es runter – sie hatte panische Angst davor, dass wir wirklich was haben. Bei mir wurde als Kind ein zu großes Herz festgestellt und das sollte dringend jedes Jahr kontrolliert werden – doch davor hatte sie zu viel Angst, mein kleiner Bruder hat als Kleinkind gekrampft und durfte deshalb nicht geimpft werden – doch sie hat jede Kontrolle verweigert. Denn da hätte ja was ernstes hinter stecken können – etwas das sie nicht unter Kontrolle hat.

Das Ganze ist nur ein Teil ihrer „Störung“ – aber es ist der Teil der sich auf das Münchhausen-by-proxy-Syndrom bezieht.

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4 Antworten auf Münchhausen-by-proxy-Syndrom

  1. hexenherz sagt:

    ich kann nur sagen, dass ich es sehr stark von dir finde, das aufzuschreiben… was deine mutter getan hat, ist verdammt grausam, v.a. der sadismus dahinter und dieses dauernde öffentlich machen von all dem, diese ständige demütigung… schrecklich. es macht mich sehr betroffen das zu lesen :/ es ist so schrecklich, dass du nicht nur von deinem vater, sondern auch noch von deiner mutter so missbraucht wurdest… ach mensch 🙁
    alles liebe und *gute gedanken rüberschick*

  2. Ilana sagt:

    danke dir 🙂

  3. Artista sagt:

    Mein Mitgefühl hast du…du bist ehrlich und reflektierst das Verhalten deiner Mutter richtig.
    Das schmerzte sicherlich, dies alles auf zuschreiben…du bist sehr mutig.

    Auch ich kenne keine liebevollen Eltern…das tut weh…und wird einem auf eine gewisse Art immer begleiten und die Sehnsucht danach wird bleiben…man muss lernen damit zu leben…und das ist kein einfacher Weg.

    Ganz liebe Grüße
    artista

  4. Ilana sagt:

    @Artista
    ehrlichgesagt ist es im Moment ganz gut – ich bin da ziemlich distanziert zur Zeit – es scheint alles „weit weg“ – natürlich gibt es Auslöser, die da mehr Aufruhr reinbringen (grade dieses „untrisch waschen“ – ist so einer) – aber gefühlsmäßig komme ich da zur Zeit nicht ran – sonst hätte ich es vielleicht auch nicht aufschreiben können.

    In der Thera arbeiten wir zur Zeit mit dem Konzept der „idealen Eltern“ – also sozusagen alternative „innere“ Eltern zu schaffen, die dem Kind von damals heute das geben was es braucht. Ich bin noch nicht sicher ob das alles so klappt (bisher mussten wir noch jedes Konzept „anpassen“) – aber mal sehen.

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