wehleidig

Das ist eine dieser Grenzen, die bei mir sicher verschoben sind.

Aufgewachsen bin ich zwar einerseits halb im Krankenhaus – aber das war ja auch „gewollt“, andererseits wenn wirklich mal was war, war das nichts.

Ich glaub alle meine Geschwister sind schon mal mit hohem Fieber zur Arbeit gegangen, mein Vater fuhr mit gebrochenem Fuß (den er sich beim Pilzesammeln gebrochen hatte) – erstmal mit dem Motorroller nach Hause um zu jausnen bevor er in die Klinik fuhr (komplizierter Bruch).

Er war nie krank – und wenn – wusste das keiner und so mancher der Geschwister landete auf der Intensivstation, weil sie Erkrankungen nicht ernst nahmen.

Kein Wunder also, dass ich körperliche Beschwerden erst ernst nehme, wenn es wirklich brennt.

Was ich gar nicht abkann ist, wenn jemand wegen einer Erkältung oder Rückenschmerzen auf „todkrank“ macht – hey ich weiß was Rückenschmerzen sind – und wenn da jemand rumjammert sich aber ganz normal bewegen kann – denke ich mir nur, der weiß gar nicht was Rückenschmerzen sind. Es gibt da eine Bekannte die nur am Jammern ist.

Oder eben eine Erkältung und dicken Hals – und gleich alles absagt – weil sie ja sterbenskrank ist.

Klar kann man sagen, dass man sich nicht wohl fühlt – und auch jammern – problematisch wird es für mich erst wenn so ein best. Tonfall dazukommt – den kann ich gar nicht richtig beschreiben – so ein wehleidiges halb seufzen und „ach ich bin ja sooooooooooooo arm dran“.

Dieser Tonfall sit es, der mich einfach nur wütend macht.

Und ja ich weiß wo das herkommt, dass ich da so drauf reagiere – aber diesen Tonfall – da werde ich richtig aggressiv.

Dabei wurde mir grade beim Schreiben klar, dass es wirklich weniger das Jammern an sich ist – sondern eben dieser best. Tonfall.

Das ist der selbe Tonfall, den auch Betroffene drauf haben, die aus ihrem „Opferverhalten“ nicht herauskommen und sich da gradewegs drin suhlen, die immer eine Ausrede finden um nur ja nicht an sich arbeiten zu müssen oder das es ja immer nur die bösen Einflüsse von außen sind, die sie daran hindern (aber nicht den Hintern hoch kriegen um dann einfach mal eine Entscheidung zu treffen).

Dabei denke ich dass ich da schon eine gewisse Toleranz habe – ich erwarte von niemanden dass er alles gleich schafft und hinbekommt – aber ich erwarte, dass jemand wirklich an sich arbeiten möchte – nicht ab kann ich, wenn jemand einerseits ständig über die Familie jammert (die nebenbei bemerkt wirklich heftig ist)  und die ja an allem Schuld ist und ja so „übermächtig“ ist – und andererseits aber da auch kein Stop gesetzt wird – weil dann könnte ja das Geld nicht mehr fließen oder man erwachsen werden müssen.

Ironischerweise sind das die selben Leute die dann auch wegen einer Erkältung gleich sterbenskrank sind.

Dieses „ja, aber – ich bin doch so arm dran und kann doch gar nichts ändern“ – und die auf jeden Vorschlag (und zwar wirklich jeden!) mit „ja, aber …..“ antworten.

Ich meine das ist ok – nicht immer geht alles und es gibt Grenzen und ich bin die erste die sagt, dass man nicht alles schaffen muss – dass das gar nicht geht. Aber wenn dann jemand nicht bereit ist sich Hilfe zu suchen oder einfach schlicht die Entscheidung zu treffen, dass er an seinem Leben was ändern will – dann platzt irgendwann bei mir der Kragen.

So ging einmal eine Freundschaft in die Brüche – eine Frau, die sich von ihrem Mann terrorisieren lies – mehr psychisch als körperlich – und darunter litt – aber Angst hat aus diesem System auszusteigen. Vier Jahre lang hab ich sie begleitet – unzählige Hilfsangebote gemacht – ihr Mann hat mich gehasst, weil ich natürlich nicht auf ihn reinfiel und auch noch seiner Frau Flausen in den Kopf setzte – sie ist immer noch bei ihm – und ich hab nach vier Jahren aufgegeben – ich will da nicht mitspielen – und das hätte ich gemusst – bei der Bushaltestelle warten, bis der Mann weg ist – weil er darf ja nicht wissen das wir uns treffen, die Kinder instruieren, dass sie nichts verraten – nein Danke – ohne mich!

Eine andere Bekannte ist ähnlich – bekommt 2000 Euro im Monat zur freien Verfügung und hat Angst, dass sie dann ja weniger Geld zur Verfügung hätte – tja dann soll sie bleiben und aufhören ständig nur rumzujammern.

Es geht noch nicht mal um die Leute die keine Hilfe haben – aber wenn man alles mögliche an Hilfsangeboten (auch fachliche) anbietet und immer nur ein „ja, aber ….“ kommt, weil eigentlich will man nichts ändern – da mache ich nur bis zu einem best. Punkt mit.

Ich bin nicht bereit mich da mit einspannen zu lassen oder das Spiel mitzuspielen – und irgendwann sag ich dann auch: du weißst was du tun musst, wenn du wirklich was ändern willst – ich helf dir dabei – meld dich wenn es so weit ist.

Und da gibt es noch eine Freundin – Hypochonder durch und durch – und sich suhlend im „Opferverhalten“ – damit kann ich nicht umgehen – seit ein paar Jahren begleite ich sie schon – doch ich musste in den letzten Wochen den Kontakt deutlich verringern – ich kann das nicht – und vor allem – ich will das nicht mittragen – ich bin da wenn jemand Hilfe braucht und bereit ist diese anzunehmen – doch ich werde niemanden ewig hinterherlaufen und sie immer und immer wieder anbieten (noch dazu hat diese Freundin sowohl einen guten Therapeuten als auch einen fähigen Betreuer – mehr aus Selbstschutz für sie organisiert – weil ich einfach nicht mehr konnte und mich in eine Rolle gedrängt fühlte, die ich nicht haben will).

Und nur zur Sicherheit – keiner der von mir genannten und gemeinten Personen schreibt einen Blog oder mails – ich meine nur Personen aus dem realen Umfeld (nicht dass sich jetzt noch jemand angesprochen fühlt, den ich gar nicht meinte).

Ja ich weiß, die können meist nicht viel dafür und ich war selbst lang genug in diesem Opferverhalten – aber nur wenn man als Opfer da aussteigt – die Entscheidung trifft, dass man das nicht mehr will – und es wirklich nicht mehr will (denn primär ist das natürlich das Vertrautere und damit „sicherere“) – kann man die Hilfe annehmen – und etwas ändern.

So – Frust rausgelassen – jetzt tief durchatmen und weiter geht’s.

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5 Antworten auf wehleidig

  1. Svü sagt:

    Ja, ich war (teilweise) auch mal so. Das war aber bevor ich erkannt habe, dass ich alleine wirklich nicht klar komme und auch nicht klar kommen werde. Bevor ich wirklich realisiert habe, dass ich krank bin.

    Ich war – offiziell – immer der Meinung alles alleine hinbekommen zu müssen. Inoffiziell hab ich jeden mit subtilen „Ich komm nicht mehr klar, hilf mir gefälligst.“Bemerkungen in den Wahnsinn getrieben. Hat man mir dann helfen wollen, war ich dann wieder in der „offiziellen“ „Ja, aber das muss doch auch so gehen…“-Haltung.

    Im tiefsten Inneren wollte ich aber glaube ich immer, dass mir jemand anders die Welt rettet. Ohne mein zutun.

    Allein das jetzt aufzuschreiben zeigt mir wie anstrengend ich gewesen sein muss. Hinzu kommt, dass ich selbst solche Menschen auch nicht lange ertrage. Ich habe oft und gerne meine Hilfe angeboten. Habe oft und immer wieder die gleichen Dinge gehört, die ich früher selbst gesagt habe. Aber solange nicht die absolute Erkenntnis da ist, dass man selbst was tun muss, solange kann man helfen bis man schwarz wird. Es fruchtet eh nicht.

    Ganz beliebt bei uns in der Klinik war dann immer der Satz: „Es ist nicht meine Baustelle.“

    (Wieder nicht kurz gefasst :D)

  2. shekaina sagt:

    das kenne ich. ich habe z.b. seit ewigkeiten hashimoto, aber nehme das einfach nicht ernst, nehme dann wochenlang das medikament nicht, weil ich denke, ich brauche es nicht und, wenn dann mein ganzer körper so verspannt ist, dass ich nicht mehr stehen oder sitzen kann, dann nehme ich sie wieder.
    habe akut eine herzmuskelentzündung und wie zugezogen? fieber gehabt, NIE liegen geblieben und schwupp gehts auf´s herz.
    ich muss sagen, dass ich auch sehr sehr empfindlich darauf reagiere, wenn mein freund sagt „ich hab ja soooo kopfweh“ und sich sofort auf die couch legt und dieses kopfweh vielleicht 2 mal im monat hat.
    durch meine extreme fehlstellung im rücken (bandscheibenvorfall, gleitwirbel etc) kenne ich kaum tage, an denen ich keine schmerzen habe, von daher finde ich sowas dann oft „lächerlich“, muss mich aber dann ermahnen, dass er AUCH schmerzen hat, nicht nur ich. aber sie eben anders lebt.
    denke, dass wir da schon ein schlechtes körpergefühl haben
    was ich auch nicht ausstehen kann, ist ein ewiges jammern ohne etwas zu tun. z.b. ein guter freund von mir, der seit jahren unter depressionen leidet, aber a.keine medikamente nehmen will, weil er sonst nicht mehr blut spenden kann (die 30 euro aber „braucht“. was braucht er mehr: geld oder gesundheit?) und keine therapie machen will, weil er seit jahren plant, umzuziehen und es doch nie tut. „lebensverweigerer“ nenne ich diese menschen immer. habe zu dem oben genannten auch den kontakt abgebrochen.
    es ist ok, durchzuhängen oder nicht voran zu kommen, aber man sollte es eben einfach mal VERSUCHEN und alle hilfen, die man kriegen kann, annehmen.
    trotzdem nehme ich mir dich sehr zum vorbild, ich finde du bist vorbildhaft, was das alles angeht.
    ganz liebe grüsse

  3. Ilana sagt:

    Ja – es ist diese Haltung: andere werden’s schon richten oder auch der Therapeut macht gar nichts was mir hilft.

    Es geht mir nicht um Durchhänger, die hat jeder, darf auch jeder haben – auch mal längere – aber dann muss man einfach mal was tun – Hilfe annehmen und auch mal unbequeme Entscheidungen treffen – wenn mir die Familie schadet, muss ich nicht gleich den Kontakt abbrechen, aber zumindest so einschränken dass es eben nicht mehr nur schadet.

    Ich weiß das das Opferverhalten mit zu den Symptomen gehört und auch dass es nicht einfach ist – da auszusteigen – alleine schafft man das ohnehin nicht – und auch mit Hilfe ist es schwer – aber es wenigstens versuchen – immer und immer wieder. Dazu gehört auch etwas zu verändert – nicht nur bei sich, sondern auch im Umfeld – denn zum Opferverhalten gehört auch jemand, der da mitspielt.

    Für mich war es besonders schlimm dann in dieses Täterrolle gedrängt zu werden – weil man helfen wollte – das ist das was mich daran glaub ich am meisten ärgert – dass es auch ein sehr manipulatives Verhalten hat – weil man will ja Hilfe – aber der andere soll was tun, das es mir besser geht.

    Was das körperliche angeht – gehts mir ähnlich wie dir shekaina – ich nehm’s auch oft nicht ernst genug – wobei ich mittlerweile die Medikamente schon regelmäßig nehme und mir große Mühe gebe mich zu schonen wenn ich krank bin.

    Aber trotzdem kommt dann immer wieder auf die Frage ob ich Fieber hab: Nö hab ich nicht (weil ich hab ja nicht gemessen, also hab ich keins) – aber ich hab wirklich selten Fieber 🙂

    Wenn ich so überlege nehm ich den Körper heute deutlich ernster als noch vor 2 Jahren – da galt der gar nichts – von daher bin ich mit dem aktuellen Stand schon zufrieden – der Arzt sieht mich wenn es muss.

    Aber es ist schwierig damit umzugehen, wenn jemand aus seinem Opferverhalten nicht raus kommt – das Problem hab ich aktuell mit einer Freundin – ich kann ihr keine gute Freundin mehr sein – und das tut weh – aber ich kann das was sie so macht nicht mittragen. Ich werd mit Sicherheit weiter für sie da sein – aber mit Grenzen, die sie auch weiß. Trotzdem tut es einfach weh da zusehen zu müssen – und es tut mir im Moment zu weh, als das ich das könnte.

  4. shekaina sagt:

    ich wollte nur noch kurz etwas sagen, mein vater sagte immer „bis ich 45 war, wusste ich nicht mal, dass ich einen kopf habe“- so hat er das jammern beantwortet, wenn ich kopfweh hatte und ich hatte als kind richtig schlimme spannungskopfschmerzen (so wie heute auch!)- dasfiel mir nur grad noch ein… wie viele parallelen wir aufweisen.

  5. Ilana sagt:

    schon erstaunlich …

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