Mutismus

Über einen Kommentar von ihr auf ihren Blog gestossen – und hängengeblieben.

Mutismus – das Wort steht schon viele Jahre im Raum – aber er wurde nie wirklich diagnostiziert.

Meine Therapeuten kannten mich nicht anders – schweigend – und im Anschuß des Termins eine mail schreibend in der ich die Antworten gab, die ich im Termin nicht geben konnte. Beim nächsten Termin griff der Thera das Geschriebene dann auf und meine Antworten kamen dann wieder nach dem Termin per mail.

Sie kannten mich – völlig erstarrt, nicht mehr ansprechbar, nicht mehr reagierend – in Panik.

Mein nicht reden können – war fester Bestandteil – nicht nur bei schwierigeren Themen, oft auch bei oberflächlichen. Und wenn das Sprechen erstmal im Stocken war, nicht so ging wie ich es gern wollte – war es ganz vorbei – und je mehr dann nach gefragt wurde, desto schlimmer wurde es.

Wir hatten uns irgendwie arrangiert.

Im Alltag wurde es auf die Sozialphobie geschoben – wenn ich beim Bäcker stand und meine Brötchen nicht bestellen konnte, in der Schule bei den Prüfungen – war ja „nur“ Prüfungsangst.

Sprechen funktionierte eher beim Dissoziieren – bei dieser Art der Dissoziation bei der ich funktionierte.

Wenn nichts mehr ging wurde immer angenommen, dass ich halt dissoziiert wäre – und ich hab es nie richtiggestellt.

Erst vor wenigen Jahren, als es sich zu verändern schien. Denn bis dahin war ich nicht nur äußerlich sprachlos – mir fehlten auch die Worte – dann waren zwar die Worte da, aber ein Aussprechen war unmöglich – gepaart mit Scham und Angst vor dem was sie sagen.

Und dann kam die Zeit, in der es sich noch mal erweiterte – da waren die Worte da und ich wollte sie sagen, die Worte waren auch nicht „bedrohlich“ oder so – ich wollte sie auch wirklich sagen, mitteilen – aber mein Mund war nicht zu bewegen, die Zunge verweigerte jeden Befehl, jeden Versuch sie zu bewegen, der Körper ließ mich im Stich.

Das hat mich weit mehr erschreckt als alles zuvor.

Verschiedenes wurde probiert – in der Thera – um diese „Blockierung“ zu lösen – weil ich so sehr darunter litt.

Auch ich hab die Bücher „Kevin“ und „Jadie“ von Torey Hayden gelesen – als Jugendliche – sie beschrieben so vieles von dem was in mir vorging. Aber das konnte ja nicht sein – denn bei mir fiel das nie so auf – ja ich war ruhiger, aber wirklich zum Problem wurde das Sprechen erst in den späten Jugendjahren – als ich plötzlich bei Prüfungen da stand und nichts sagen konnte – egal ob ich etwas wusste.

Dabei hab ich damals „dauerdissoziiert“ – dass ich dissoziiere und das nicht normal ist – hab ich erst erfahren als ich ausgezogen war und eine Therapie anfing.

Da fiel auch das Schweigen dann extrem auf – aber es wurde entweder auf Sozialphobie, Panikattacke, Angstzustände oder „Verweigern“ geschoben.

Später dann wurde es auf die Traumatisierung geschoben – dass ich noch in dem „du darfst niemand was sagen“ verwoben bin – und ich nur lernen müsste, dass ich das dürfte.

Dass ich fast jede Therapiestunde „erstarrte“ und einfach nichts mehr ging und bis vor 3 Jahren die Therapie „schriftlich“ lief, weil ich kaum was sagen konnte – halt eine Folge der posttraumatischen Belastungsstörung.

Zwar stand der Begriff Mutismus im Raum – aber es gab niemand der das wirklich diagnostizieren hätte können, der die nötige Erfahrung damit hatte – ich war kein Kind mehr, keine Jugendliche und im Erwachsenenbereich war einfach niemand.

Also ging es mehr darum mir Sicherheit zu verschaffen – einen sicheren Raum, damit ich irgendwann reden kann.

Ich fühlte mich bei den Beschreibungen von Mutismus „getroffen“ – oft ein „ja genau so“ – es fühlte sich stimmig an – und so bekam es für mich auch einen Namen – vor etwa 8 Jahren.http://alles-nur-psychisch.com/wp-admin/press-this.php

Aber sicher war ich nie – denn er wurde nie von „objektiver Seite“ diagnostiziert.

Noch heute ist es oft schwierig – auch wenn es kaum noch vorkommt dass ich in der Bäckerei stehe und meine Brötchen nicht bestellen kann.

Aber z.Bsp beim Gebetskreis merke ich es – ich kann eigentlich ganz gut formulieren, Fürbitten oder was auch immer – doch da – in dieser Runde – auch wenn sie noch so klein ist und die Menschen noch so nett – hakt es – es geht nicht – wenn dann sehr stolpernd, unbeholfen, angstbesetzt. Da reicht schon eine weitere Person.

Die Sprachlosigkeit – grade in der Therapie – war für mich das Schlimmste – und ist es heute noch. Es ist nicht mehr Alltag, sondern in vertrauten Situationen selten – besondere Situationen wie Arztbesuche oder sonst was – sind da immer noch ein Problem.

Wobei auch hier so ganz langsam das „Funktionieren“ wieder funktioniert.

Trotzdem – manchmal wäre ich einfach gern sicher – ich wüsste gerne ob es wirklich eine Form des Mutismus ist oder  „nur“ mit der Sozialphobie zusammenhängt – was so unstimmig ist – denn dann dürfte es doch nur in solchen Situationen auftreten – find ich.

Es sollte unwichtig sein – wie man es nennt – Hauptsache ich komm damit irgendwie klar, kann meinen Alltag gestalten.

Aber es würde mir leichter fallen es dann zu akzeptieren – wenn es eben mal wieder nicht klappt – dann könnte ich sagen: ok ist halt grad wieder mal der Mutismus der da bremst – und müsste nicht den Angstaulöser suchen oder sonst etwas.

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2 Antworten auf Mutismus

  1. Sab sagt:

    Ich kann dich da gut verstehen, dass du gern wissen möchtest, ob du Mutismus hast oder nicht. Als ich von meiner Diagnose erfuhr, war ich verdammt erleichtert, obwohl es eigentlich nur ein Name ist. Ich wusste, dass es soziale Phobie und Angststörungen gibt, aber es ist nunmal ein großer Unterschied, wenn man offiziell einen Namen für sein Problem hat.
    Heute finde ich es allerdings egal, wie es heißt, weil es einfach schwierig ist und das ändert kein Name.

    Was haben dir denn die Therapeuten heute zu Mutismus gesagt?

  2. Ilana sagt:

    Dass sie das nicht sagen könnten, weil sie damit keine Erfahrung haben, aber es ja eh wichtiger wäre, damit umgehen zu lernen – womit sie auch recht haben – das weiß ich selbst, aber manchmal wäre es mit der Klarheit ja oder nein etwas einfacher.

    Es sind Traumatherapeuten – und sie kennen das „nicht sprechen können“ im Zusammenhang mit Scham und/oder Angst, weil es bei Missbrauch meist die Koppelung gibt mit „du darfst nichts sagen/wehe du sagst was“.

    Bei mir war es halt nie nur in Zusammenhang mit Missbrauch – aber das wurde dann auf die Sozialphobie geschoben, was für mich manchmal nicht stimmig ist, weil es auch ohne „wahrnehmen“ der Sozialphobie auftrat/-tritt.

    Dagegen spricht, dass es keinen deutlichen Hinweis in der Kindheit dazu gibt – ich war halt zurückhaltend und scheu und still, hab eher genickt – aber es fiel nicht auf, dass ich nur zu bestimmten Leuten spreche – die Probleme traten erst in der Jugendzeit dann auf – so ab 16/17 (also in etwa die Zeit in der mir klar wurde, dass das was in unserer Familie passiert nicht „normal“ ist).

    Das kaum noch was ging war dann nochmal später – so ab 20 etwa. Ab da war es dann auch „generell“ ein Problem – also egal wem gegenüber – aber da gab es auch keine „vertraute“ Person.

    Benannt wurde es somit einfach als „Sprechblockierung“.

    Dazu muss ich aber auch sagen dass beide Theras nicht so sehr für Diagnosen sind – weil es zu sehr in Schubladen steckt – sondern mehr für individuell angepasste Therapie (was ich auch sehr gut finde!).

    Diagnosen sind mir nicht merh so wichtig wie früher – meist gar nicht – nur so ab und an merke ich – dass ich einfach gern einen Namen hätte – weil ich merke, dass bei den Dingen wo ich einen habe, für mich das akzeptieren des „ist halt grad so“ deutlich leichter fällt.

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