Erkenntnisse der Thera heute oder die Welt ist auf den Kopf gestellt

Wenn ich mich von dem Monsterbild verabschiede,

  • muss ich mich von allem verabschieden, das mich ausmacht – alles was ich, bin, denke, tue – gründet darauf – und müsste in Frage gestellt werden
  • muss ich das Bild des Vaters ändern, und verlier auch das wenige was ich von ihm bekommen habe, er war die einzige Bezugsperson die ich hatte und ich will das nicht verlieren
  • muss ich auch das Bild der Mutter ändern – die Zusammenarbeit mit dem Vater – nicht mehr nur „sie böse, er hat mich aber lieb gehabt“ oder so
  • muss ich mich damit auseinandersetzen, dass niemand was getan hat, Kindergärtnerin, Lehrer, Ärzte, Nachbarn, Jugendamtmitarbeiter
  • muss ich akzeptieren, das damals etwas Schlimmes passiert ist (und zwar mir)
  • muss ich damit umgehen, dass ich nichts hätte tun können, solange ich schuld habe, und wenn nur eine  Teilschuld – aber zumindest war ich dann nicht nur ohnmächtig und ausgeliefert – doch das würde viel zu weh tun – ich kann das noch nicht aufgeben – tut mir leid
  • muss ich das „bin nichts wert“ den Eltern zuschieben – nur ich finde nichts was dem was entgegensetzen würde, finde keinen Wert
  • weiß ich nicht mehr was die Widersacher sind und was nicht – jetzt kann ich sie wenigstens meistens zu- und einordnen – doch wenn ich nicht mehr weiß wo oben und unten ist – wie soll ich dann wissen was woher kommt?
  • muss ich hinsehen – zu dem Kind von damals – zu dem was passiert ist und muss die Ohnmacht, den Schmerz, die Angst, den Ekel, die Sehnsucht, die Resignation, das Ausgeliefert sein, der Hilflosigkeit und was weiß ich noch alles – sehen – und fühlen
  • muss ich benennen was alles passiert ist
  • muss ich nochmal durcherleben was damals passiert ist – ohne den Schutz des „bin halt ein Monster und liegt an mir“

Davor hab ich Angst – was wenn ich das alles aufgebe und nur Schmerz finde, was, wenn ich nicht damit klar komme, was dem Kind alles passiert ist?

Ich weiß nicht mehr was ich denken soll, was war und wie ich das alles einordnen soll, hab keine Richtlinie mehr – war ich nun selbst schuld oder nicht, war das was Schlimmes oder bild ich mir das nur ein? Was ist die Realität? Ich finde sie nicht – alles ist durcheinander und verwirrt.

Was soll ich denken, was glauben? An was festhalten?

Wenn das woran ich mich 37 Jahre festgehalten habe falsch ist – wie soll ich sicher sein, dass das Neue -was auch immer es ist – nicht auch falsch ist?

Ich funktioniere, kann mich auch ablenken, doch das nur für den Augenblick – ein Leben nur für den Moment, das auch mehr ein Funktionieren ist. Es fehlt das Fundament, das „wer bin ich“, ich habe mein „ich“ erst vor 7 Jahren gefunden – bis dahin war ich nur eine Rolle – die Rolle der Tochter in die ich von klein auf gedrängt wurde – geformt und zurechtgestutzt wie es gewünscht war – bloss kein Individualismus, bloss kein bisschen von mir dabei.

Es war schwer dieses „ich“ damals zu finden – herauszufinden wer ich bin, was ich eigentlich will. Und es war ein Kampf – doch es war nichts im Vergleich zu dem was grade los ist – damals musste ich mich nur von den äußeren Umständen abgrenzen, Kontakt zu den Eltern abbrechen und mich finden.

Jetzt muss ich die Eltern und all die Menschen und Ansichten aufgeben, die in mir verankert sind – die meine eigenen geworden sind, weil ich sie vorgelebt bekam, die meine eigenen geworden sind, ohne dass ich erkannte, dass sie von außen kamen.

Das kennt jeder – man übernimmt Ansichten, Wertvorstellungen – sie haben uns geprägt.

Meine haben mein Selbstbild geprägt – und plötzlich bröckelt das – immer wieder ein Stück, mit jedem Bild, jeder Erinnerung aus der Kindheit bröckel das Bild des Monsters, das ich ja gewesen sein musste – nur deshalb ist das alles passiert, weil ich halt so ein  Monster war.

Durch die Traumatherapie, die Erinnerungen geriet einiges ins Wanken, und es kam der Hauch der Vorstellung auf, dass dieses Mädchen damals vielleicht doch nicht nur Monster war – und deshalb alles normal und in Ordnung was ihm passierte. Dass Menschen wussten, das sie ihm schaden und mehr. Das die Eltern nicht nur das Beste im Sinn hatten, sondern zerstörten.

So bröckelte das Bild des Monsters – und manchmal blitzte ein kleines Mädchen durch (auch wenn ich große Schwierigkeiten habe in diesem Mädchen mich zu sehen – das gelingt auch heute nur in wenigen Momenten).

Und das Thema „Abschied“ taucht auf – Abschied von der Vorstellung der „heilen Familie“, einem Vater, der auch Vater war, nicht nur Missbraucher, ein Abschied auch von dem im Schutz nehmen des Vaters – in vielen Bereichen, auch von der Mutter, hier mehr der Hoffnung, dass ihr vielleicht doch was an mir lag, ein Abschied von dem „ich bin schuld“ – das implizierte, dass ich wenigstens was tun konnte, hätte können – und nur weil ich etwas gemacht oder nicht gemacht hab, ist es passiert – der Abschied vom „aktiv sein“ – hin zum nur ausgeliefert, ohnmächtig und hilflos – was viel schwerer auszuhalten ist als die Schuld.

Ein Abschied von dem Monsterbild, aber (beginne wieder oben …..)

Ein Kreislauf der durcheinander wirbelt – nichts Festes, Klares – nichts zum Festhalten. Grün ist Rot, Rot ist Gelb und Gelb ist Blau – und außerdem steht alles auf dem Kopf. Keine Ahnung wo oben oder unten ist.

Abschied nehmen würde auch bedeuten, das was jetzt schon länger  bröckelt, endgültig einzureißen und neu zu gestalten – doch ich hab große Angst davor, ich glaub ich kann das nicht – noch nicht. Denn der Schmerz und die Traurigkeit würden erstmal noch schlimmer werden, bevor sie weniger werden können – und ich habe keine Kapazitäten für dieses „schlimmer“.

Vor allem aber: es gäbe kein zurück mehr – und das macht mir am meisten Angst. Denn das „Alte“ ist bekannt, da gibt es Strategien damit umzugehen, es handzuhaben und zu überleben. Für das „Neue“ gibt es sicher auch schon einige, doch sind die tragfähig genug dafür?

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