müde und doch wach

So unglaublich müde und doch kann ich nicht schlafen.

Da sind Gefühle – Gefühle des Kindes von damals – Traurigkeit, unterbrochen von Angst ab und wann, Einsamkeit, Sehnsucht, Verzweiflung – und immer wieder die Angst, die sich dazwischen in den Vordergrund drängt.

Gedanken an die vielen Menschen, die nicht sehen wollten, nicht hören wollten (wobei mir einfällt, dass das Jugendamt tatsächlich zu diesem Mädchen gefahren war – ein paar Tage später – die Kleine immer noch krank und allein zu Hause wurde der Vater von den Damen des Jugendamtes herbeitelefoniert – Konsequenzen gab es keine, aber die Hoffnung, dass die „Neue“ (eine Neue soll den Fall übernehmen) da etwas interessierter ist – aber immerhin haben sie zum ersten Mal auch mit der Keinen gesprochen).

Nachbarn, die Kindergärtnerin, die Lehrerin, die Lehrer später, der Hausarzt, der Urologe, der Pfleger und die Krankenschwester der Urologie, das Personal von der Station, das Jugendamt (das informiert wurde – vom Bruder – als ich 12 war und das „meine“ Anzeige zurückgezogen hat als ich 21 war – und in der es um die jüngere Pflegeschwester C. ging – und das obwohl der Vater zugab, dass da „was“ passiert war – die Konsequenz war: er und C mussten 2 Jahre Therapie machen – wobei C’s Therapeutin mit den Damen vom Verein befreundet war und meiner Mutter damit jedes Wort brühwarm erzählte – kein Wunder dass die nie wieder eine Therapie anfing), der Verein, dessen Aufgabe der Schutz der Kinder und die Hilfe für Familien mit behinderten und „auffälligen“ Kindern (den genauen Namen darf ich ja nicht nennen,  da dieser einzigartig scheint – selbst mit nur dem ersten Teil, den ich ursprünglich hier stehen hatte, weil es für mich „allgemein“ klang – brachte bei google gleich als erstes den richtigen Treffer) und die selbst nach der Anzeige es nicht für nötig hielten die 2. Pflegeschwester, die damals 6 war – auch nur ansatzweise zu schützen.

Es ist nicht so, dass ich nichts erzählt hätte oder dass es keine eindeutigen Hinweise gab, wobei ich später sicher nichts mehr erzählt hatte – aber im Kindergarten- und Grundschulalter schon.

Aber auch Gedanken um die Lieblosigkeit, die Erzählung der älteren Schwester, dass sie die Mutter mal erwischte wie sie im Badezimmer auf mich einschlug – als sie mich im Waschbecken badete – ich war erst wenige Monate alt – hätte geschrien und die Mutter immer wieder auf mich eingeschlagen – bis die damals 8-jährige Schwester fragte, was sie denn mir ihrer Schwester täte, das von klein auf eingetrichterte „du bist nichts wert“, „bist an allem schuld“, „kannst nichts richtig machen“, „bist kein liebes Mädchen“ gekoppelt mit dem „sei ein braves Mädchen und wenn du mich lieb hast machst du das oder jenes“, das immer „beweisen“ müssen, dass man die Mutter/den Vater lieb hat und dass dieser Beweis auf Missbrauch gründet.

Von der ersten Sekunde an nicht „sein“ dürfen, in eine Rolle gepresst, die völlig abstrus ist. Kein Mensch und schon gar kein Individuum – sonder nur Werkzeug der Befriedigung von eigenen Bedürfnissen.

Im Schuldgefühle machen war (und ist) die Mutter gut – das beherrscht sie perfekt – ebenso wie die Manipulation – beides auch so bedeckt wenn nötig, dass man es gar nicht gleich durchschaut.

Die Zwillinge ihre „Lieblinge“ und damit die „einzigen“ Töchter – denn immer wenn sie von ihren Töchtern sprach, meinte sie nur die beiden – nie mich oder die Pflegeschwestern – auch wenn sie noch so sehr betonte, dass die Pflegekinder wie eigene sind.

Doch auch ich war da nie mit eingebunden – ihre Töchter – das waren die Zwillinge – darauf angesprochen schaute sie übrigens nur verwirrt, brauchte ein paar Sekunden und meinte dann „klar bist du auch meine Tochter – weiß doch eh jeder“.

Sie erzählte mir mal – als ich schon ausgezogen war – dass sie immer sehr eifersüchtig auf mich war – weil ich ja Papa’s Liebling war, mit ihm so gut konnte.

Erinnerungen daran, wie sie drohte sich und S., meinen 15 Jahre jüngeren Bruder, umzubringen, wenn ihr etwas nicht passte – und meiner Angst, dass sie dem Kleinen was antut – den ich  quasi „großzog“, den ich wirklich liebte – und der Hoffnung, dass sie sich doch endlich bitte umbringen möge, aber S. in Ruhe lässt. Wobei ich immer sicher war, dass sie sich nicht umbringen würde, dass sie S. was antut traute ich ihr durchaus zu.

Als sie mit S. anfing ihn zu Ärzten zu schleppen – als ich ausgezogen war – er war damals 4 oder 5 – und meiner Drohung, wenn sie ihn nicht in Ruhe lässt, werde ich auspacken und sie es bereuen (wobei das damals ein Schuss ins Blaue war, da ich 3 Wochen nach dem Auszug keinerlei Erinnerungen mehr an nichts vor dieser Zeit hatte) – aber es wirkte – und ihr Münchhausen-by-proxy-Synddrom wurde zum Münchhausen-Syndrom (soll sie – solange sie andere in Ruhe lässt)

Der Zwiespalt  bei den stationären Aufenthalten – ich erinner mich an die heißgeliebte Bananenmilch und den Himbeersirup aus dem der Himbeersaft gemacht wurde, an Bisskoten (Löffelbiskuit) – die es mit der Bananenmilch am Nachmittag als Snack gab, an den Stationskindergarten, die ich offensichtlich liebte, an St., einen kleinen Jungen von 2 Jahren, der sich die Hand ganz böse verbrannt hatte und den ich kennenlernte als ich schon etwas älter auf der Kinderstation war (ich glaub 15) – und da die Mutter so weit weg wohnte konnte sie ihn nicht oft besuchen – und so besuchte ich ihn und kümmerte mich um ihn – bis er bei einem Besuch seiner Mutter dann plötzlich unerwartet nach Hause durfte – erinner mich wie die Mutter zu mir kam und mir die Spielzeugautos in die Hand drückte, sich bedankte und schier überschäumte vor Freude ihren Sohn mitnehmen zu dürfen – ich sollte die Spielsachen von ihm an die anderen Kinder verteilen, die mit ihm gespielt hatten und sich um ihn gekümmert. Erinnere mich an den kleinen Jungen der sich weigerte auf den Topf zu gehen, aus Angst vor Schmerzen, der den ganzen Tag schrie und heulte – und wenn mein Vater abends um 18 Uhr zu Besuch kam, plötzlich aufhörte zu heulen und sich auf den Topf setzte – ich denke teilweise aus Angst, obwohl mein Vater nie böse zu ihm war. An die Besuche des Vaters – jeden Tag nach der Arbeit – und auf seine Besuche hab ich mich gefreut – im Gegensatz zu den Besuchen der Mutter, die ich lieber abwimmelte, weil ich in den Stationskindergarten wollte. An die netten Schwestern – und sogar noch an den Geruch.

Aber auch an die Schmerzen, die unangenehmen Untersuchungen – und die Schmerzen. Das ist eine meiner großen Paniken vor dem Urologentermin – dass der mir sagt, die Harnröhre ist zu eng und müsste geweitet werden – als Kind wurde das 7 oder 8 Mal gemacht und auch wenn ich mich nicht direkt erinner – löst die Angst vor dem Schmerz Panik aus.

Die Station war im fünften Stock – eine reine Kinderstation – 5 Nord (es gab auch eine 5 Süd – ebenfalls reine Kinderstation) – doch ich war immer auf der 5 Nord – und in den letzten beiden Zimmern am Ende des Gangs – war die Kinderurologie. In den Zimmern davor war Chirurgie und Säuglingsstation und was weiß ich noch alles.

Oft hab ich die Stoffwindeln gefaltet – aus zweien wurde eine „Windel“ – die sowohl Einlage hatte als eben auch „Windelhöschen“ – mit Sicherheitsnadeln festgesteckt. Gefaltet nach einem bestimmten Prinzip, doch ich durfte helfen und Unmengen davon falten – und war gut darin – kein Wunder bei der Übung.

Es gibt noch so viele Gedanken zur Mutter – doch die meisten will ich gar nicht denken, flüchte in einfacher aushaltbares – wie die stationären Aufenthalte oder so.

Es ist die Lieblosigkeit, die mich zerbrechen lässt, die so schwer auszuhalten ist und mich an Marios Frage erinnert: Warum hat mich keiner lieb?

Und neben dem Kind, das all das fühlt – sitzt die Erwachsene, die all das traurig macht und manchmal auch ein bisschen wütend  – so ganz kurz und in Ansätzen – doch hauptsächlich traurig – und die eigentlich das Kind nur in die Arme nehmen will und trösten – und es dennoch nicht kann, weil sie es nicht hin bekommt, weil sie damit zu viel fühlen würde, was das Kind fühlt, weil sie damit nicht klar käme und Angst hat und weil sie wie alle anderen – nicht wirklich hinsehen und hinhören will – weil es zu weh tut.

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