Therapie – was bringt das schon

Angeregt durch den Kommentar von kleiner Adler möchte ich mal der Verzweiflung Raum geben – dass die Therapie eh nichts bringt.

Im Kommentar stand:

Ich muss dabei immer an eine gute Freundin denken, die ähnliches erlebt hat wie du und der festen Überzeugung ist, dass ihr eine Therapie nichts bringt.

Manchmal frage ich mich, ob das dazugehört – zur Therapie, zur Vorgeschichte, zu den Folgen von Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung.

Ich mache nun seit 18 Jahren Therapie (um Ostern rum hab ich damals angefangen – da beginnt dann das 19. Jahr), doch wirklich das Gefühl, dass ich was ändern kann, dass es was bringen könnte – habe ich erst die letzten 4 Jahre etwa.

Gute – richtig gute und für mich ideale – Therapeuten habe ich seit 1998 – bis dahin waren die Therapeuten und ihre Therapiearten für mich eher kontraindiziert und daher kontraproduktiv.

Doch das Gefühl, dass das alles eh nichts bringt – kenn ich nur zu gut. Und ich erinnere mich an viele endlose Diskussionen mit den Therapeuten, der Verzweiflung und der Mutlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und dem Gefühl des „mir ist nicht zu helfen“. Noch heute kann ich dieses Gefühl hervorrufen – wenn ich nur an all die Jahre denke.

Keine Ahnung wie oft ich aufhören wollte – nach einem stationären Aufenthalt 1995 und meinen Umzug nach Deutschland hatte ich auch 2 Jahre keinen niedergelassenen Therapeuten (wobei das nicht so ganz stimmt – es waren nur 19 Monate – denn dann landete ich wieder stationär – und dieser Aufenthalt sollte vieles ändern.

Das Schlimme ist, wenn man nur schlechte Therapeuten hatte (und zumindest einer war eine schlicht schlechte Therapeutin, die beiden anderen waren nur „unerfahren“ – da komplette Neulinge und praktizierten – wie oben schon geschrieben – eine Therapieart, die bei Trauma kontraindiziert ist) – weiß man das nicht – erst als ich damals in diese eine Klinik kam, lernte ich, was davor so alles eigentlich nicht hätte passieren dürfen in der Therapie.

Aus den anvisierten 8 Wochen wurde fast ein Jahr – vom 7. Januar bis zum 18. Dezember (wobei ich schon eine Woche eher entlassen hätte werden können, aber da der Vater da noch die neue Wohnung fertigmachte und ich nicht mit ihm in einer Wohnung übernachten wollte, wurde der Entlassungstermin auf den Tag gelegt, der nach seiner Abreise lag).

Danach hatte ich nur noch wirklich gute Therapeuten – drei insgesamt – denn der erste zog nach knapp 2 Jahren leider weg, beim 2. war ich dann über 4 Jahre – bis die Krankenkasse keine weiteren Therapiestunden genehmigte und ich in diese 2-jährige Sperre rutschte. Ich musste wieder wechseln und es blieben nur Ambulanzen, da die anders abrechen.

So landete ich beim jetzigen Therapeuten – damals geplant um diese 2 Jahre irgendwie zu überleben – tja – und ich bin heute noch dort 🙂

Dass ich durchhalten konnte lag zum einen daran, dass mir aufgeben nicht liegt – ich bin von Natur aus eine Kämpfernatur, ein Sturrkopf und wie diese Wiederaufstehmännchen die es früher gab.

Aber zu einem sehr großen Teil lag es auch an den Therapeuten, die einfach auch damit umgehen konnten.

Ich erinner mich an eine Zeit, wo ich nicht mehr wollte, nicht mehr konnte, den ewigen Kampf und keinerlei Erfolge – und dann noch das Gefühl dem Therapeuten zur Last zu fallen – weil sich eh nichts ändert, eh nichts bessert, eh alles hoffnungslos ist – und er die Zeit einfacher verbringen kann (und das selbe Geld für kriegt) usw.

Und ich erinner mich, dass das auch für den Thera nicht einfach war, weil ich das mit allem wiederspiegelte – dieses „bringt doch eh nichts“ war allgegenwärtig und gleichzeitig eine Mauer die um mich herum hochgezogen war, gegen die niemand ankam.

Ich kam nicht zu den Terminen (aber aus anerzogenem Pflichtgefühl sagte ich wenigstens ab), wenn er mir einen Termin geben wollte, meinte ich nur „bringt eh nix“ und lies ihn abblitzen.

Bis er irgendwann sagte: „Es ist mir egal ob sie das wollen oder nicht, ich gebe ihnen so lange einen Termin bis sie mir ganz klar und deutlich sagen, dass sie keinen mehr wollen – und ich werde sie so lange anrufen, wenn sie die Termine nicht wahrnehmen, bis sie mir klar und deutlich sagen: Lassen sie mich in Ruhe, geben sie mir keine Termine und rufen sie mich nie wieder an! – und bis ich das von ihnen höre, werden sie mich nicht los – ich werde ihnen Termine geben und sie anrufen, wenn sie zu den Terminen nicht kommen um nachzufragen was los ist“

Klar sagen, dass ich es nicht will – konnte ich nicht – und so ging es weiter. Er hat mich nicht gleich angerufen wenn ich nicht zum Termin kam – da hätte er sich nicht „manipulieren“ lassen – da ich zwei Termine die Woche hatte, hätte er erst nach dem zweiten Mal angerufen – und er hätte sich da nicht auf so viel eingelassen – er hätte da nicht mit sich spielen lassen – aber er hätte nach einigen Tagen reagiert – und mir die Polizei geschickt oder wäre vorbeigefahren (Vorteil einer Ambulanz – da gibt’s auch Hausbesuche).

Ich wusste, dass ich ohne die Termine nicht überlebe – ich rettete mich nur von Termin zu Termin, hatte da schon oft genug Schwierigkeiten – weil ich phasenweise nicht wusste wie ich die nächsten 5 Minuten überleben sollte.

Und es gab Kämpfe – mit dem Thera – in rauen Mengen.

Viele Jahre später erst ist mir aufgegangen, dass es nur geklappt hat, weil ich an Therapeuten geraten bin, die von Traumatherapie eine Ahnung haben, die mit der Ambivalenz umgehen konnten und auch dieses „bringt eh nichts“ als das sahen was es war: ein Symptom der Erkrankung und der Angst.

Wenn ich heute jemanden sage, dass ich seit 18 Jahren Therapie machen, schauen alle mit großen Augen – und da steht die Frage im Gesicht: was bitte schön kann man 18 Jahre lang therapieren?

Nun – die ersten Jahre waren für die Tonne – bis auf die Erkenntnis, dass ich zwar nichts gesagt, aber dafür einiges aufgeschrieben bekomme – haben diese Jahre mehr Nachteile als Vorteile gebracht (und heute die Erkenntnis, dass mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung ganz wichtig ist an einen Therapeuten zu geraten, der nicht nur Ahnung von Traumatherapie hat, sondern vor allem auch sehr sehr viel Erfahrung!), dann der erste stationäre Aufenthalt mit einer Therapeutin, die sich nicht abgrenzen konnte und damit massiv grenzüberschreitend war (was bei Menschen mit Traumatisierungen ein absolutes NO GO! ist) – trotzdem ging es da nach dem Aufenthalt kurzzeitig besser (auch wenn ich mit der Überzeugung rausging, dass eben nur Druck, Druck, Druck und nochmal Druck bei mir Früchte trägt – logisch – kannte ich ja – und so war ich schnell wieder im „funktionieren“ drin).

Dann von der Therapeutin ambulant hängen gelassen die Therapiepause. Bis ich nach einem Jahr merkte, dass ich nichts auf die Reihe bekam – 2 Wochen gearbeitet, 3 Wochen krank, weil ich nicht mehr konnte, konnte ich dann grad wieder mal halbwegs kriechen wieder zur Arbeit (auch früh gelernt, selbst mit 40 Grad Fieber noch arbeiten gehen – solange man irgendwie stehen kann, wenigstens mit festhalten – wird gearbeitet – typischer Workaholic halt) – bis wieder gar nichts mehr ging – und wieder krank. Zum Arzt geschleppt und um stationäre Behandlung gebeten (die noch erkämpfen müssen) – und dann in einer Klinik landen, die ein gutes Arbeitstherapie-Programm haben sollte (denn das einzige Ziel für mich war: wieder richtig arbeitsfähig sein, alles machen können).

Durchhalten ist schwer – und wenn ich mir so anschaue wie die Therapie jetzt läuft – ganz ehrlich – ich könnte es nicht, wenn ich da noch arbeiten gehen müsste oder mich um Kinder kümmern oder auch nur eine Partnerschaft.

Ohne die Möglichkeit des Egoismus haben zu können – weil nichts mehr Platz hat – man so sehr damit zu kämpfen sich um sich selbst zu kümmern, dass für nichts anderes Platz bleibt.

Und da eines der Grundsymptome nun mal die Selbstentwertung ist – wie soll man sich dafür entscheiden, wenn man doch nicht mehr wert ist als der Dreck unter den Fingernägeln?

Ich weiß dass ich keinem Kind gerecht würde, dass ich zu viel von meiner Mutter habe und selbst wenn ich es anders machen wollte, in Kleinigkeiten ähnlich reagieren würde (wie viele von uns haben gesagt, dass sie in der Erziehung das anders machen würden, als unsere Mütter und erkennen dann beim Kind, dass man doch mal die selben Sätze sagt oder denkt? – das ist nicht negativ gemeint – zeigt nur, dass wir durch unsere Erziehung geprägt sind – und Kinder uns einfach an unsere Grenzen bringt) und damit könnte ich nicht umgehen – ich möchte das keinem Kind antun und sehe die einzige Chance diesen Kreislauf zu durchbrechen – kein Kind zu bekommen (abgesehen von der Retraumatisierung die die Geburt auslösen könnte usw).

Manchmal wünschte ich mir einen Partner an meiner Seite – doch ich schaffe es schon kaum die wenigen Freundschaften aufrecht zu erhalten, weil ich einfach viel zu viel Zeit nur für mich brauche.

Der Weg selbst – ist schmerzhaft – es ist sicher nicht der einzige Weg – doch für mich ist es der einzige – für mich persönlich gibt es nur diesen Weg – das noch mal durchmachen der ganzen Sachen, nochmal erleben und vor allem es zu fühlen – neu zu bewerten um es mit neuer Bewertung zu fühlen und damit Stück für Stück zu verarbeiten.

Ein Weg der höllisch Angst macht – und wenn mir vor 3 Jahren jemand gesagt hätte, dass ich das machen kann – hätte ich nur müde gelächelt – denn damals kam ich ja so schon nicht klar – wie sollte ich dann solche Situationen anschauen können?

Das ist unvorstellbar und keine Option – bis man irgendwann feststellt, dass das Skillstraining doch Fortschritte brachte, dass sich die Konsequenz gelohnt hat und man nach und nach die „einfachen“ Situationen im Alltag besser handhaben kann – und so mit diesen Erfahrungen sich Millimeter für Millimeter den Boden zurückerobert, Stabilität erlangt.

Mein Weg ist ein ungewöhnlicher – in der Regel wird so etwas stationär gemacht – in mehreren Intervallen – in der Regel immer 6 Wochen, dann 2 – 6 Monate Pause und die nächsten 6 Wochen.

Auf der Station 9 in Göttingen z.Bsp gäbe es erst 2 Wochen Diagnostik, da wird erstmal gesehen ob überhaupt ein Trauma vorliegt und die Umstände so sind, dass eine Traumatherapie denkbar ist (das bedeutet z.Bsp keine aktuellen Konflikte, Probleme mit der Wohnung, mit Ämtern oder ähnliches und auch kein Kontakt mehr mit Tätern, außerdem die Möglichkeit die Wochenenden in Ruhe zu Hause zu verbringen, keine Akutgefährdung wie suizidale Tendenzen usw). Dann folgen die ersten 6 Wochen, in denen es nur um Stabilisierung geht, das Kennelernen von Skills, das Erarbeiten von Skills, Möglichkeiten finden um Boden unter die Füße zu kriegen – und die Imaginationsübungen. Diese Stabilierung wird so oft wiederholt, bis sie tragfähig ist – manche brauchen nur die ersten 6 Wochen, andere brauchen da mehrere Intervalle für) – erst dann geht es zur Traumabearbeitung – wobei in den 6 Wochen nur 2 oder 3 Traumaexpositionssitzungen stattfinden – die restlichen werden benötigt um diese aufzuarbeiten). Dies wird auch so oft im Intervall wiederholt wie es eben nötig ist. Zum Schluss geht es um die Integration – die Trauer und das Einbinden in die persönliche Geschichte – nicht mehr als Trauma, das lähmt, sondern als eine – wenn auch schlimme – Erfahrung.

Für die Station 9 wäre ich nicht geeignet – ich kann mich nicht so schnell auf jemand einlassen – und ich wäre zu weit dafür.

Das sah vor 2 Jahren noch ganz anders aus.

Doch ich hab das große Glück Therapeuten zu haben, die sich auch auf Traumatherapie spezialisiert haben – und mir so die Möglichkeit geben das ambulant zu machen – die wiederum machen das nur, weil sie wissen und erfahren haben, dass meine Skills greifen, der Boden ziemlich krisensicher ist – mittlerweile – denn sie kennen mich natürlich auch anders.

Das Durchhalten – aus heutiger Sicht ist vieles so viel klarer, logischer, die einzelnen Phasen auch Bestandteil des Ganzen – doch das sieht man in diesen Phasen nicht – da sieht man nur, dass man kämpft und kämpft und kämpft – und nicht vorwärts kommt.

Von Reinhard Mey – im Lied „Allein“ – gibt es eine Zeile die das beschreibt:

[…] und fühlte mich gefangen wie ein Insekt im Sand
je mehr es krabbelt desto weiter rückt der Kraterrand […]

Durchhalten ist mit das Schwerste bei der Therapie – der Hoffnungslosigkeit nicht nachzugeben, dem „bringt nichts“ die Stirn zu bieten – trotz der Übermacht nicht aufzugeben.

Zu Kämpfen für jemanden, der es nicht wert ist – denn das ist das Gefühl dahinter – ich bin es nicht wert, vergebene Liebesmüh, bin der hoffnungslose Fall bei dem Hopfen und Malz verloren ist – bringt eh alles nichts.

Es fällt schon schwer für jemanden zu kämpfen den man wertschätzt – doch für den „hoffnungslosen Fall“  – da macht es doch keinen Sinn.

Als jemand, der ein Stück weiter den Weg entlang steht kann ich nur sagen:

Es macht Sinn!

Gib nicht auf – denn dann haben die Widersacher und die Täter gewonnen.

Und ich schreibe nicht „Du bist es wert“ – denn das kommt nicht an – und das muss jeder selbst so meinen, aber überlege dir wie du raten würdest, wenn deine beste Freundin oder dein bester Freund in dieser Situation wäre – und beherzige deinen eigenen Rat.

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