heute

Eher leer.

Das Gefühl dass das Innerste auf den Kopf gestellt wird. Erkennen müssen dass das Gras blau und der Himmel grün ist?

37 Jahre zu tiefst feste Überzeugungen plötzlich in Frage gestellt.

Es ist eine Sache zu wissen, was einem als Kind passiert ist und es als „Außenstehender“ zu sehen – da sich alles nur im Kopf abspielt. Dort erkenne ich ja schon länger dass das was da so alles gelaufen ist eben nicht „normal“ ist und auch nicht in Ordnung. Aber eigentlich immer nur, weil es für andere nicht in Ordnung war – es sollte keinem Kind passieren – keinem anderen.

Denn wer weiß, vielleicht war es bei mir ja anders – ich hab mich immer weniger als Kind gesehen, mehr als eine Art Alien oder Monster – mich betraf das „das darf keinem Kind passieren“ nicht – denn ich war anders – und das allein war sicher Grund genug.

Der Kopf hat es glaub ich in den letzten Jahren schon begriffen – aber tief in mir drin, da kam das nicht an.

Denn das hätte mein Leben umgeworfen. Alles was ich bin, was ich tue, was ich denke, was ich (nicht) fühle – ist darauf aufgebaut, dass die Eltern schon irgendwie recht haben werden. Weil es einfach zu weh täte, sich dieser Hölle zu stellen – es ist einfacher daran „selbst schuld“ zu sein, denn dann war man wenigstens nicht ausgeliefert, war man der Täter und nicht das Opfer. Das Gefühl des „ich hatte es nicht anders verdient“ – bot wenigstens die klitzekleine Zuflucht, dass es an mir lag – dass ich irgendetwas hätte tun können – und weil ich es nicht getan habe – ist es so weit gekommen.

In den letzten 3-4 Wochen schlich sich ein „was wäre wenn“ ein. Die ersten zaghaften Versuche sich mal ansatzweise vorzustellen, dass das was passierte – wirklich mir passierte – nicht dem Alien, dem Monster – nein dem Kind dass ich damals war, dem kleinen Mädchen, das sich so sehr eine Mutter gewünscht hätte, die sie einfach mal in den Arm nimmt und tröstet, weil es sich das Knie aufgeschlagen hatte.

Das aufgreifen einer Missbrauchssituation machte für einen Moment diese Einsamkeit und die Verzweiflung deutlich – als statt der Geringschätzung und dem Niedermachen jemand eine Alternative bot – ein da sein, eine Decke zum einwickeln, ein kleines Stück Sicherheit für diesen Moment, dass sich das Kind klein zusammengerollt in die Ecke verkriechen konnte – nicht sofort wieder „funktionieren“ musste. Und in diesem kleinen Moment den Schmerz zu fühlen – ihn nicht nur körperlich zu spüren, nein ihn bis ins Innerste zu fühlen. Gekoppelt mit der Sehnsucht – nach jemanden, dem es einfach nur ein klein wenig bedeutete, jemanden der hinsah und reagierte – FÜR das Kind.

Dieser kleine Moment des Schmerzes – war fast zu viel – der Schmerz zu groß.

Vor drei Wochen brach er sich einmal Bahn – in der Thera – der Schmerz, die Sehnsucht, die Verzweiflung – und die Frage des „warum?“ – und ein erstes Mal merken, dass dieser Alien, dieses Monster, das ich war, vielleicht doch nur ein Kind, ein kleines unschuldiges Mädchen war.

Doch allein der Gedanke hat mich wahnsinnig erschreckt.

Vielleicht weil er auch deutlich machte, dass ich damit eine Grundeinstellung – zu mir, zu meinem Leben – in Frage stelle – und damit mein ganzes Sein.

Die Sache mit den urologischen Untersuchungen zu klären – warum da nie was aufgefallen war – zu erkennen, dass der Missbrauch sehr wohl auffiel – aber nicht wirklich gesehen werden wollte (und erschreckend festzustellen, dass die Erklärungen die mir bis dahin so plausibel erschienen, ohne diesen „eh nur meine Schuld und auf keinen Fall die von jemand anderen“-Schleier zu sehen – zu versuchen das „objektiver“ zu sehen, nicht so wie es mir eingetrichtert wurde – dass diese Erklärungen plötzlich das sind was sie eben waren – fadenscheinige Begründungen, die einer näheren Betrachtung nicht standhalten können) – hat wieder ein bisschen von diesem „heile Welt“-Schleier genommen, an dem ich so verzweifelt festhalte.

Doch dieser Schmerz, der an dessen Stelle tritt – der lässt sich gar nicht beschreiben.

Vom Kopf her weiß ich, dass ich da durch muss, dass wir daraufhin viele Monate hingearbeitet haben, dass es so gesehen auch „gut“ ist – weil es eine nötige Wegstrecke ist – auf dem Weg hin zum Verarbeiten der Sachen die damals passiert sind – auf dem Weg, eine Art Frieden mit der Vergangenheit schließen zu können.

Ein – wirkliches – gefühlsmäßiges – Erkennen der Situationen, das zu Entsetzen und Schmerz führt – und auch wenn ich weiß, es wird besser, da drängen jetzt 37 Jahre Schmerz und Sehnsucht hervor, das geht nicht von heut auf morgen und genaugenommen ist es grade erst der Anfang – ein paar einzelne Tropfen die über den Staudamm fließen – und die geballte Macht hinter dem Staudamm steht mir noch bevor – doch irgendwann ist der ganze Schmerz abgelassen (und dann darf ich mich der Traurigkeit und der Sehnsucht und der Angst und dem Ekel und der Wut und und und widmen) – und ich kann mir wirklich mir und dem heute und meiner Zukunft widmen – ohne dass der alte Mist alles beeinflusst und beeinträchtigt.

Doch all das Wissen – hilft in den Momenten nicht, wo es einfach nur höllisch weh tut und es mich zu zerreissen droht – oder ich in der Traurigkeit und der Sehnsucht zu ertrinken drohe.

Und ich hab Angst vor diesen Momenten – vermutlich flüchte ich deshalb in diese Leere, die nicht ganz leer ist – aber nur einen winzigkleinen Hauch des Schmerzes zulassen – eher wie eine Melancholie oder so.

Ich hab eine Erkenntnis gewonnen – die einfach nur weh tut – und doch wichtig ist für mich – wichtig auf dem Weg zu mir selbst und die grundlegend wichtig (und notwendig) ist für mich, raus aus dem Sumpf der Vergangenheit. Doch es fällt mir schwer die heute für mich als Geschenk zu sehen.

Grade heute – ich bin jetzt also 37 – eine Zahl die im Raum steht – die ich nachrechnen muss – und ein Tag, der doch etwas bedeuten sollte, den andere feiern und ich kann einfach nichts finden, was es da zu feiern gibt. Nicht weil ich das Leben nicht wertschätze oder so – aber ich hab an diesem Tag nichts geleistet – ich wurde geboren, das wann musste ich von der Geburtsurkunde ablesen, denn weder Tag noch Zeit war meiner Mutter präsent – sie behauptet immer noch steif und fest ich wäre ein Sonntagskind (an einem Di geboren) und die Uhrzeit – irgendwann – abends, nachts – oder so. Und ja es tut weh zu wissen, dass sie sowohl Tag als auch die Zeit bei all den anderen kennt, weiß (wobei ich das ja nie überprüft habe, wer weiß ob bei denen in der Geburtsurkunde was anderes steht?).

Der Tag meiner Namensänderung hat für mich mehr Gewicht als der heutige.

Aber ich hab andererseits nach 37 Jahren zum ersten Mal erkannt, dass ich vielleicht als Kind doch kein Alien oder Monster war, sondern nur ein Kind – ein kleines Mädchen, das sich so sehr gewünscht hätte, dass es jemand lieb hat. Das ist für mich eine Geburt, an der ich auch Anteil habe und die mir eher feiernswert erscheint – wenn auch nicht heute – denn noch überwiegt bei dieser Geburt der Schmerz und die Angst.

Nichts desto trotz werde ich mir nachher was gönnen – ich habe Schnitzel gekauft – und werde daraus irgendwas besonderes zu Essen zaubern (oder Wienerschnitzel draus machen gg) – als Nachtisch gibt es vielleicht ein Eis – oder die Trauben die hier so lecker rum stehen. Es ist Fastenzeit – doch heute gibt es Dinge die ich mag, die ich mir sonst nicht gönne, nicht leisten kann – und ich werde jeden Bissen genießen.

Und der Leere und den Gefühlen und den Gedanken – werde ich den Rücken kehren – und  fernsehen und lesen und Musik hören – und schlemmen.

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2 Antworten auf heute

  1. Kleiner Adler sagt:

    Liebe Ilana,

    auch wenn dir der Tag nicht all zu viel bedeutet, wollte ich dir dennoch zu deinem Geburtstag alles Gute wünschen und dir damit zeigen, dass jemand an dich denkt.
    Seit dem ich dein Blog entdeckte habe, schaue ich fast täglich rein und bewundere deinen Mut und deine Stärke, hier über deine Therapie und deinen Alltag zu schreiben. Ich muss dabei immer an eine gute Freundin denken, die ähnliches erlebt hat wie du und der festen Überzeugung ist, dass ihr eine Therapie nichts bringt. Dein Blog macht Hoffnung, zeigt aber zugleich, wie schwer und steinig dieser Weg ist. Nicht nur als Betroffene(r), sondern auch als „gesunder“ Mensch kann man wirklich viel von dir lernen.

    Bleib weiterhin so stark bzw. erlaube dir Schwäche in den Momenten, wo du sie brauchst.
    Lass dich nicht unterkriegen und verliere vor allem nicht deine humorvolle Seite, die hier auch manchmal durchblitzt 😉
    Und zu guter letzt: genieße den restlichen Abend noch, gönn dir etwas schönes, leckeres, tolles, auch wenn es schwer fällt, denn du hast es verdient!

    Liebe Grüße,
    der kleine Adler

    • Ilana sagt:

      Vielen Dank,

      kleiner Adler – schon dieser Nick rührt etwas in mir, hat für mich auch eine besondere Bedeutung, doch vor allem deine Worte sind ein wunderbares Geschenk – und ich danke dir dafür. Und was das „bringt nichts“ angeht – werde ich einen eigenen Artikel dazu schreiben 🙂

      Danke dir – kleiner Adler – und denke immer daran, dass auch die kleinen Adler irgendwann groß werden und frei fliegen können 🙂

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