Flattern

Angst – begleitet mich heute schon den ganzen Tag irgendwie, zwischendrin kocht es dann sehr hoch und ich hab Mühe da wieder auf den Boden zurück zu kommen (wobei das dann schon klappt – muss mich nur anstrengen dafür).

Grund: der morgige Tag beim Urologen

Es ist nur ein Beratungstermin – die Praxis ist „vorgewarnt“ und so sollte das vom Ablauf her recht reibungslos laufen.

Aber es sind die Fragen die mir zu schaffen machen. Sowohl die „aktuellen“ als auch die „alten“

Aktuelle:

Den Manipulationen meiner Mutter verdanke ich Schäden, die vermutlich nicht gut zu machen sind – abgesehen davon dass ich wegen jedem Scheiss einen Harnwegsinfekt bekomme – das bedeutet mindestens 2 x im Monat, aber gerne auch mal 4.  Egal wie sehr ich aufpasse und drauf achte – unter 2 im Monat komme ich nie. Zum andern aber hatte sich im Laufe der Zeit (schon damals) eine Inkontinenz entwickelt – und dazu gibt es für mich schon aktuelle Fragen: was kann man tun, inwieweit „rechnet“ sich da für mich der Aufwand – also die Untersuchungen usw – gegenüber den Möglichkeiten da was deutlich zu bessern. Der Leidensdruck ist sicher da, aber von der Inkontinenz her nicht so hoch, dass sich da Untersuchungen und „vielleichts“ rechnen – da wäre der Leidensdruck der Untersuchungen und co deutlich höher und für mich schlicht nicht „überlebbar“. Trotzdem geht es darum da ein Stück mehr Realität reinzubekommen, genau zu wissen, was anstehen würde usw – um vielleicht irgendwann diesen Weg auch zu gehen (gehen zu können). Was die Harnwegsinfekte angeht gehe ich nicht davon aus, dass sich groß was machen lassen würde – vor allem würde ich das noch weniger hinbekommen – da ist allein schon das drüber reden ein Problem (nicht dass es jemand weiß, mehr das für mich formulieren müssen).

Alte:

Das Alte ist vor allem: ich war jede Woche in der Urologie, mindestens einmal, später sogar über Jahre drei Mal, ich war einmal im Jahr für 2-3 Wochen stationär, 7-8 Mal wurde die Harnröhre geweitet, es wurden Elektroden durch die Bauchdecke an die Blase „gelegt“ um die Blasenfunktion genauer aufzeichnen zu können, jahrelang bin ich 3 Mal die Woche für 2-3 Stunden zur Elektrostimulation der Blase gefahren usw usf.

Bei jedem Arztbesuch wurde ich katheterisiert, erinner mich an das braune Jodzeugs zum desinfizieren und daran, dass es sehr wohl weh tat – auch wenn immer alle sagten, dass es nicht weh tut (sowohl das Katheterisieren fand ich unangenehm und auch die Elektrostimulation – da es vorkam, dass die stromleitenden Teile bei leerer Blase an die Blasenwand kamen – und das tat sehr weh), aber auch an die nette Schwester Gabi (oder hiess sie Renate?) und den Pfleger Toni. Es waren in der Ambulanz immer die selben beiden, denn der zuständige Arzt war Professor und überhaupt privat (auch wenn er mich über Kasse abrechnete, weil ich war ja so ein interessanter Fall) und die Schwester, die für die Elektrostimulation zuständig war (damals war man da zu zweit in einem Raum – also zwei Patienten, kein Wandschirm dazwischen und nichts – es wurde nur darauf geachtet, dass es dann wenigstens eine Frau war, die mit im Raum war – ich fand das immer ganz schrecklich – weil es einfach keine Intimsphäre gab).

Wenn ich stationär war, gab es jedesmal mind. eine Untersuchung oder Behandlung unter Vollnarkose.

Für mich ist da die große Frage: wie kann es sein, dass dieser Arzt, dieses Pflegepersonal, das mich regelmässig sah und untersuchte, dass niemand etwas mitbekommen hat – vom Missbrauch.

Ich weiß dass ich nach dem „ersten Mal“  für ca. 2 Wochen nicht in die Urologie musste – mit der Entschuldigung ich sei krank und ich weiß, dass meine Mutter darauf angesprochen wurde, dass das Hymen verletzt sei – und ihrer Erklärung dass das wohl beim Sport passiert sein musste – den ich ja als Kind eher exzessiv betrieben habe.

Mir ist schon klar, dass meine Mutter dem Arzt alles erklären konnte – ich hatte ihn vor einigen Jahren mal gefragt ob ihm nie was aufgefallen wäre – und er meinte nein, nur dass ich halt bei stationären Aufenthalten immer eher aufgeblüht war und die Mutter auch viele andere Kinder auf der Station besucht hat und ihr auf ihre Besuche nicht grade gewartet habe – aber sonst eben nichts – und schon gar nicht in Richtung Missbrauch.

Er war da eher etwas entrüstet – wobei ich nicht weiß ob wegen der Frage von mir oder wegen dem Hintergrund – er war halt einer der alten „Götter in Weiß“ – das lebte er schon auch sehr aus – ist immerhin schon 30 Jahre her.

Für mich stellt sich die Frage, ob man als Urologe oder auch urologische Pflegekraft – einfach „betriebsblind“ werden kann, es wirklich untergehen kann, grade wenn die Mutter irgendeine Erklärung liefert (und da war sie gut drin – die waren also sicher plausibel).

Es geht auch nicht darum dem Arzt was anzuhängen oder ähnliches – für mich geht es um ein Stück Realität – ich muss wissen, wie die Untersuchungen so ablaufen und in wie weit da wirklich nur noch auf Harnröhre und Urin geachtet wird und damit anderes wirklich „untergehen“ kann. Oder ob es „eindeutige“ Anzeichen gibt, die eigentlich stutzig hätten machen müssen.

Für mich war es lange so, dass ich dachte, dass es nie soweit kam – dass es nie zur Penetration kam – denn das konnte nicht sein – ich war ständig in der Urologie – und die müssten das ja gemerkt haben – da da aber nichts war, ist es sicher nicht passiert und ich bild mir das nur ein oder sonst was.

Ja das sind die Widersacher – das ist auch klar – aber um denen etwas entgegensetzen zu können – brauche ich auch Realität dabei – für mich ist beides vorstellbar: dass da eine Art „Betriebsblindheit“ entsteht, so dass nichts eindeutiges festgestellt würde bei den Untersuchungen oder dass man zwar merkt, dass was ist – aber das was auffiel auch beim Sport oder Spiel oder aus Veranlagung so sein kann (wie es bei einem nicht intakten Hymen ja durchaus sein kann – als Bsp).

Dabei geht es nicht mehr darum ob das so war oder nicht – denn mittlerweile weiß ich, dass der Missbrauch so weit ging, aber ich muss für mich den Anteil der Mutter klären. Ich weiß, dass sie selbst bei eindeutigsten Verletzungen Erklärungen gefunden hätte (und sei es nur Doktorspiele in Kindergarten/Schule), damals war es einfach auch anders, das Thema nicht wirklich Thema, aber ich muss wissen wie das einfach faktisch ist – um entweder sagen zu können:

– die Mutter hat offensichtlich auch hier sehr interveniert und den Ärzten/Schwestern alles Mögliche eingeredet

– es ist einfach so, dass ein Missbrauch bei urologischen Untersuchungen nicht deutlich wird

und wenn das klarer ist – kann ich auch anfangen den Missbrauch des Vaters von dem der Mutter zu trennen.

Denn dass sie dafür gesorgt hat, dass ich ständig in die Urologie musste, war ein Missbrauch, der zwar nicht die sexuelle Befriedigung der Mutter im Vordergrund hatte, aber für mich mit dem sexuellen Missbrauch sehr gekoppelt ist.

Es wird im Umgang mit den Themen nicht viel ändern – aber es ist wieder ein Stück Realität – und die ist grade in diesen Bereichen für mich unglaublich wichtig.

Problematisch ist es trotzdem – denn ich muss Körperteile benennen, muss formulieren was passiert ist – nicht schriftlich wie hier – sondern ausgesprochen – muss es benennen – und das ist ein sehr sehr großes Problem.

Das ist es auch wovor ich Angst habe – nicht die Antwort die ich bekomme, sondern dass ich Dinge benennen muss, dass ich dasitze und sagen muss um was es mir geht.

Das Benennen ist für mich ein sehr großes Problem – und löst leider immer noch ganz viel aus. Damit mein ich das hören und sprechen – nicht das schreiben oder lesen – das ist ok – aber es zu hören und auszusprechen – das ist nach wie vor mit Flashbacks gekoppelt.

Ich hab richtig Schiss vor morgen – dabei ist alles abgesichert – sogar wenn ich dann dasitzen würde und nichts mehr ginge – ist geklärt, dass der Arzt dann den Thera anruft. Was ich noch machen sollte, aber heute bisher nicht geschafft habe: die Fragen aufzuschreiben, eine kurze Zusammenfassung aufzuschreiben um zur Not einen Zettel rüberreichen zu können.

Doch dazu hab ich morgen noch Zeit.

Heute ist jetzt eine „Auszeit“ angesagt: Computer aus, Telefon aus, Fernseher aus und nur mir Gutes tun.

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