Traurigkeit

Manchmal ist sie da – mal ganz leicht – eher als Melancholie – mal so heftig, dass man in ihr zu ertrinken droht.

Tränen, die einen innerlich überfluten, während sich grade mal ein oder zwei nach draußen drängen oder die auch innerlich nur vereinzelt fließen.

So viel Traurigkeit – und doch brauch ich Hilfe – um sie spüren, fühlen zu können, brauche andere, die ihrer Traurigkeit Bilder oder Worte verleihen, dort gelingt es dann das „einfühlen“ – und das rührt dann die eigene Traurigkeit an.

Die Angst vor der eigenen Traurigkeit – denn diese zu zu lassen würde auch bedeuten zu akzeptieren – dass ich etwas verloren habe, zu akzeptieren, dass nicht alles meine Schuld war, zu akzeptieren, dass ich ausgeliefert war – so wie ich dann der Trauer ausgeliefert bin.

Nicht nur das Kind sein, auch die vielen Menschen, die ich verloren habe.

Vielleicht hab ich deshalb in der Sterbebegleitung für Kinder „gerne“ gearbeitet – weil ich da Zuneigung erleben durfte, Eltern, die ihre Kinder lieben, Geschwister, denen der Bruder oder die Schwester wirklich etwas bedeuten, Trauer und auch Wut – wegen der Erkrankung, dem Verlust. Und in all den Gefühlen, hatte auch meine Traurigkeit, meine Wut Platz – ohne dass ich mich ihr stellen musste.

Ja ich war gut in meinem Job damals – ich hab vielen helfen können, habe mich dann um Geschwister gekümmert, Aktionen und Gruppen für sie ins Leben gerufen, da ich das Gefühl hatte, die gehen irgendwie unter. Das kranke Kind, die besorgten Eltern, die nicht mehr wissen wie sie alles unter einen Hut bringen sollen, voll schlechtem Gewissen, weil die Geschwister zu kurz kommen könnten und gleichzeitig der Angst sich den Kindern zu stellen – den kranken und den gesunden. Die Schuldgefühle der Geschwister, die oft da sind, die nicht auch noch „zur Last“ werden wollen.

Ich war da – für die Kinder und ihre Eltern – Tag und Nacht. Und doch haben sie mir so viel mehr gegeben, als ich geben konnte. Sie lebten für mich die Gefühle, dich ich nicht leben durfte.

So stand hinter dem ganzen ein Egoismus, den ich damals nicht erkannte. Ich war jemand, der immer half, der nie nein sagte, der oft genug auch ausgenutzt wurde. Doch auch ich hab das ausgenutzt – auch wenn mir das erst Jahre später klar wurde.

Und so fühl ich mich auch heute noch schlecht, wenn das Ausdrücken von Gefühlen anderer für mich nötig ist, um sie selbst zu fühlen.

Es mischt sich das Schuldgefühl mit einer unglaublichen Dankbarkeit, weil sie mir damit etwas geben, was mir selbst fehlt, was ich brauche um selbst „heile“ zu werden.

Doch das wird den Gefühlen derjenigen nicht gerecht.

Ich versuche das zu trennen – ein Film oder sonst was im Fernsehen – da ist es nicht wichtig, aber bei Menschen, da ist es mir sehr wichtig. Da versuche ich mich auf diese Menschen zu konzentrieren – und meinen alten Mist außen vor zu lassen.

Das gelingt auch – und macht mich dann umso dankbarer – auch wenn das fies klingt – aber diese Menschen geben mir durch das Ausdrücken ihrer Traurigkeit und der Möglichkeit mich daran teilhaben zu lassen – ein Stück dieses Gefühls zurück – denn ich darf es spüren, fühlen – darf mittrauern – mit ihnen und damit das Gefühl „kennenlernen“ – ohne dass es mich überflutet, mit der nötigen Distanz und gleichzeitig doch einer solchen Nähe.

Ich bin dankbar für diese Nähe und für dieses Geschenk – und hoffe sehr, dass es für diese Menschen nicht wie Hohn klingt. Denn immerhin bin ich da ja auch ein Stück dankbar für deren Trauer – und ich glaube kaum, dass die dafür dankbar sind und ich habe kein Recht deren Trauer zu verkehren, mit meinem Mist zu vermischen.

Und doch ist es so, wie es eben ist.

Dies sind die Beiträge, die verletzen können – in einem Moment der besonders schwierig ist. Das möchte ich auf keinen Fall – und deshalb wird es für diesen hier ein Passwort geben.

Meine Gedanken sind bei Mirjam, ihrer Familie – und gleichzeitig auch bei Mario und dem ungeborenen Jungen, der mittlerweile 13 wäre – und bei all den Kindern die viel zu früh aus der Mitte ihrer Lieben gerissen werden – und bei deren Familie, besonders bei denen, die sie so sehr geliebt haben, dass ihnen ein Stück zum „ganz sein“ fehlt.

Und diese Traurigkeit ist gefärbt, durch meine Vergangenheit, meine Kindheit, der Lieblosigkeit in der auch Mario aufwuchs – doch ich versuche da ganz bewusst – dieses Stück Traurigkeit diesen Kindern und deren Familien zu widmen.

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