fassen können

Die Angst die ich habe – vor dem was in der Datei steht – es ist die Ungewissheit.

Auch die Dinge die ich in der Therapie zur Zeit aufgreife – die sind ja nicht „neu“ für mich. Und es ist noch nicht so lange her, dass ich nicht mal daran denken konnte oder auch wollte, diese Dinge aufzugreifen – denn eigentlich war es wie ein Schalter – jeder noch so kleine Gedanke daran, jedes noch so kleine Gefühl (damals auch noch völlig unverständlich was diesen Schalter auslöst) hat die alten Schutzmechanismen hoch gefahren.

Da war das selbst verletzen:
der Druck
sich zu verletzen, sich bluten zu sehen – um zu sehen dass man noch lebt
sich zu verletzen, um sich zu spüren – um zu spüren das man noch lebt
sich zu verletzen, um sich zu bestrafen – ich hab es ja nicht anders verdient
sich zu verletzen, um den Schmerz zu spüren – denn dieser Schmerz ist leichter zu ertragen, als der, der in mir ist

aber da war auch diese Gefühlslosigkeit, diese Leere, dieser Scheuklappenblick und nicht zuletzt die Dissoziation – das „aus mir herausfahren“ – mich „zurücklassen“ und fliehen – irgendwo ganz tief in mich hinein – wo mich niemand findet.

Wie oft sass ich da beim Therapeuten, völlig regunslos, gelähmt und nicht mehr in der Lage zu reagieren – erstarrt – der Totstellreflex, der greift, wenn weder Angriff noch Flucht in Lebensgefahr erfolgversprechend sind.

Da war nichts mehr das sagte, es ist jetzt keine „Lebensgefahr“ – denn sie war es viele Jahre und der Körper hat gelernt so zu reagieren – um zu überleben.

Das „nicht fassen können“ – zu merken da ist etwas – und ich krieg es nicht zu fassen, nicht sortiert – oft nichtmal ansatzweise zugeordnet – wie ein dunkler Nebel der vor mir schwebt und ich versuche verzweifelt mit meinen Händen die Schwärze zu fassen – doch ich greife nur ins Nichts.

Es gab keine Worte für mich – ich fühlte mich wie das Kleinkind von damals, das einfach nicht versteht was passiert, dass keine Worte dafür kennt und nur voll Entsetzen diesem nicht Fassbaren gegenübersteht.

Dann kamen die Jahre, wo ich so gern geredet hätte – aber nicht konnte. Mein Mund, meine Zunge – sie verweigerten den Dienst. Ich konnte zwar denken – die Worte waren in meinem Kopf – doch ich konnte sie nicht sagen. Anfangs auch nicht schreiben.

Es dauerte wieder Jahre – dann konnte ich sie zumindest aufschreiben – doch Reden – war immer noch ein Problem.

Wenn ich da an meinen Therapeuten vor 10 Jahren zurückdenke – heute mit einem Schmunzeln – denn ich konnte mich nur schriftlich mitteilen – er bekam vor dem Termin einen Zettel (oder auch mehrere) – las sie, antwortete und ich schrieb dann wieder zum nächsten Termin meine Antworten.

Das war auch vor wenigen Jahre noch so – erst die letzten 3 etwa änderte sich das langsam. Vom jedesmal erstarren und nicht mehr reagieren können – wurde es irgendwann seltener – und ich konnte anfangen über Dinge zu reden die aktuell sind – nicht wie es mir vor drei Wochen ging oder was mich vor 3 Wochen beschäftigt hat (und jetzt abgeschlossen ist, deshalb konnte ich ja was zu sagen) – sondern über das heute und wie es mir jetzt geht.

Damals wusste ich nicht mal wie es mir ging – in dem Moment – ich wusste wie es gestern um 15 Uhr ging – aber mehr auch nicht.

Heute kann ich reden – naja vieles kann ich nicht sagen, aber zumindest aufschreiben – auch in dem Moment dann – solange es irgendwie greifbar ist und vor allem benennbar – kann man irgendetwas damit tun.

Das was in der Datei steht kann ich noch nicht fassen, nicht benennen – weil ich schlicht nicht weiß was drin steht – aber ich bin mir sicher, dass es nicht viel Schlimmer sein kann als all das was ich mir ausmale und vorstelle – zumindest wird es dann ein anderes „Schlimmer“ sein.

Irgendwann in der Laufbahn vieler Jahre Therapie sagte mal einer der Therapeuten (und ich hab keine Ahnung welcher) es sei wie ein Horrorfilm mit einem Monster – wenn man das so laufen lässt – gruselt es sehr, macht Angst. Lässt man die Musik weg – ist es schon weniger. Stellt man es auf Standbild – und schaut sich das Monster mal ganz genau an – in allen Details – ist es gar nicht mehr gruselig, die Angst tritt in den Hintergrund.

So sehr ich auch Angst habe vor dem was da drin stehen wird – kann ich es doch kaum erwarten es wenigstens zu „wissen“ (und überhaupt ist es erschreckend, was mir so alles an Szenarien durch den Kopf geht was da alles so drin stehen könnte) – wenn es dann gefasst ist und benannt – kann ich auch irgendwie damit umgehen.

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