egoistisch und ignorant

… bin ich zur Zeit.

Natürlich hab ich vom Erdbeben in Haiti gehört – und mich geweigert mich da weiter zu informieren, keine Nachrichten sehen oder hören und wenn irgendwas diesbezüglich kommt – schalte ich aus/um/ab.

Mir tun die Leute dort auch leid, doch im Moment hab ich genug mit mir und meinen inneren Dämonen zu tun.

Ich weiß, dass es meiner Freundin aktuell nicht gut geht und es tut mir sehr leid, aber ich schaffe es im Moment einfach nicht für sie da zu sein. Vor allem weil ihr ein „mal nur kurz fünf Minuten“ nicht hilft. Ich denke viel an sie, bete für sie, aber mehr geht grade nicht.

Auch einer anderen Freundin geht es aktuell nicht grade prickelnd. Da kann ich noch nicht mal helfen – denn sie ist eher eine, die nicht erzählen will (kann ich sehr gut verstehen, geht mir ja auch so).

Viele Jahre bin ich immer nur gesprungen, wenn jemand Hilfe brauchte oder nur ein Ohr – ich war da – egal ob es drei Uhr nachts war oder ob ich anderes zu tun hatte – ich war der typische „Ja“-Sager – der auch ständig ausgenutzt wurde, auf den sich die Leute aber auch verließen.

War auch kein Problem, der Gedanke, dass ich auch Grenzen haben könnte, den gab es nicht – und wenn doch war klar, dass meine Grenzen eh uninteressant und unwichtig sind.

Heute gelingt es mir da schon sehr gut „nein“ zu sagen und eben meine Grenzen zu wahren. Natürlich wäge ich dennoch ab – so springe ich als Babysitter ein, wenn die Mutter nur über die Toilette hängt – auch wenn ich grad nicht die Energie und die Kraft für ein Kleinkind über habe – während ich ihr abgesagt hätte, wenn sie schnell zum einkaufen gemusst hätte (und ich weiß wie froh man auch da über einen Babysitter sein kann).

Zur Zeit muß ich häufiger „nein“ sagen – was mir vor allem für meine Freundin leid tut. Sie weiß, dass ich Zeit für mich brauche und mich eben zurückziehe, wenn alles zu viel wird – und dass ich da schon auf mich aufpasse – auch um dann für sie wieder mit neuer Energie da sein zu können. Aber ich weiß auch, dass sie die Schuld bei sich suchen wir. Egal wir oft wir das „durchkauen“ und ich ihr sage, dass es mit ihr nichts zu tun hat.

Da ist es manchmal dann hart für mich zu sagen: das ist dein Bier, da mußt du für dich dran arbeiten, ich kann dir nur sagen, wie es für mich ist und dazu stehe ich, genauso wie es auch hart ist da mir zu sagen, dass sie damit selbst klar kommen muss, dass ich im Moment die Prioritäten anders setzen muss und eben auf mich schauen – und mich nicht von ihren Schuldgefühlen selbst in welche treiben zu lassen.

So geht es auch mit Haiti – wenn man von der Betroffenheit liest – und selbst eigentlich keine Ahnung hat (außer dass es da ein Erdbeben mit vielen Toten gab) – da komm ich mir dann so egoistisch und ignorant vor.

Dabei weiß ich, dass es mir nicht gut täte, dass es mich zu sehr trifft, berührt und mich zusätzlich runterzieht. Und dass es Futter für die Widersacher wäre im Sinne von „anderen geht’s viel schlechter“ – das gleich in ein „stell dich nicht so an“ umgewandelt wird.

Genauso wie ich weiß, dass es auch eine Art Flucht wäre – sind in Probleme anderer zu flüchten, damit man sich mit den eigenen nicht auseinandersetzen muss.

Und trotzdem – wünschte ich, dass ich beides könnte, für andere da sein und gleichzeitig eben auch für mich da sein.

Im Moment geht das nicht – und ich habe mich für mich entschieden. Nicht nur als momentane Auszeit oder für ein paar Stunden, sondern eben über Tage.

Die Traumatherapie ist anstrengend und zur Zeit haben die Geister und inneren Dämonen offensichtlich eine Menge zu sagen.

Das ganze löst natürlich jede Menge Gefühle aus, Gefühle die mich zwar im Alltag nicht fluten, aber den Alltag doch deutlich anstrengender und mühsamer machen.

Es ist mein Job mich darum zu kümmern, dass ich da weiterkomme, damit ich irgendwann eben nicht mehr von der Vergangenheit fremdbestimmt werde, vielleicht wieder arbeiten kann, vielleicht eine Beziehung eingehen kann.

Doch im Moment würde ich gern vor mir fliehen und mich nur zu gern auf die Probleme anderer stürzen – grad deshalb fällt es schwer aus dem Vorwurf rauszukommen, nur egoistisch und ignorant zu sein.

Dieser Beitrag wurde unter destruktives Verhalten, Erinnerungen, Grenzen, kleine Schritte, Leben, Psycho-Somatik, Therapie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.