Erinnerungen

Wie erwartet war der Einstieg nicht das Problem. Das Ergebnis eher – unerwartet und sehr heftig – leider auch nicht nur einmal. Der Termin war dadurch deutlich länger und ich bin heilfroh, dass es diese Möglichkeit gibt.

Wir brauchten die Zeit nämlich um da einen einigermaßen handhabbaren Abschluss zu finden. Ausgangspunkt war eine nicht näher definierte Missbrauchssituation, die recht schnell zu der anvisierten führte – tja – was daraus entstand war nicht erwartet und das mich wohl noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Ich befand mich da danach auch in einer Art „Schockzustand“ – zwar gut funktionierend, aber eher distanziert. Hatte den Vorteil, dass ich den Beinah-Unfall, in dem ich bei der Heimfahrt verwickelt war, nicht mehr groß schockieren konnte (und es war wirklich so richtig knapp – der Taxifahrer war auch beim Aussteigen hier bei mir nach 20 Minuten immer noch total fertig – und er ist einiges gewohnt).

So langsam lässt dieser „Schockzustand“ nach – das „Erlebte“ recht weit weggeschoben, denn das muss ich mit dem Thera aufarbeiten (und ein Stück weit in die Theorie flüchtend)

Langsam frag ich mich, was da noch so alles kommt – schon seit einigen Monaten denk ich immer wieder: jetzt kann ja nichts groß Schlimmes noch kommen.

Offensichtlich gibt es aber immer „noch schlimmeres“ – wobei die einzelnen Sachen denk ich nicht immer „schlimmer“ sind – das gibt es da auch nicht so – eine wirkliche „Reihenfolge“ oder „Wertung“ gibt’s da nicht, ein schlimm und schlimmer ebenfalls nicht – die Situationen sind alle schlimm.

Trotzdem treffen die einen mehr, die anderen weniger – oft liegt das daran, dass manches eben schon bekannt oder auch erwartet ist – die unerwarteten Dinge, die sind dann immer für eine ganze Weile ein heftiger Schock.

Aktuell ist es ja so, dass sich das schon vor ein paar Wochen angedeutet hat – aber eben in mir immer die Hoffnung war „so weit sind sie nie gegangen“ oder so. Dabei kenne ich die Abgründe meiner Eltern ja.

Es ist auch eher eine persönliche „Wertung“ – für jemand anderen ist das für mich ganz schlimme vielleicht weniger tragisch, und das was ich als eher „Kleinkram“ empfinde was ganz schreckliches.

Trotzdem trifft es mich immer sehr, wenn ich dann feststelle, dass die Abgründe meiner Eltern offensichtlich keine Grenzen kennen. Dabei geht es oft weniger um das „was“ als viel mehr um das „wie“.

Die waren echt gut darin Realitäten zu verdrehen und die Schuld für ihre Übergriffe auf mich abzuwälzen.

Die Schuldgefühle kennt jeder Traumatisierte, oft geht es dabei auch darum, daß man, wenn man Schuld daran hat, wenigstens nicht nur ausgeliefert war – denn dieses Ausgeliefertsein fühlt sich viel schlimmer an als das Schuld haben. Natürlich neben den Schuldgefühlen, die jahrelang eingeredet wurden.

Ich hab die Täter in mir – mein Leben lang – denn vieles hab ich von ihnen übernommen, grade auch was mein Selbstbild angeht. Auch das ist „normal“ – nennt sich Täterintrojekt.

Da mag vom Kopf her noch so sehr klar sein, dass die Frage eines kleines Kindes, was „lieb haben“ bedeutet, nicht dadurch erklärt wird, indem man es missbraucht und dies dann mit „das ist lieb haben“ erläutert. Der Verstand sagt da ganz klar, da kann das kleine Kind nichts für, die Frage war keine Aufforderung usw.

Doch gefühlsmäßig ist das anders. Damals wurde gesagt, dass ich es ja gewollt hab, danach gefragt habe und überhaupt. Diese Anteile des Täters hab ich noch in mir, die Stimmen der Widersacher.

Und grade im Moment, heute, hab ich damit wieder deutlich mehr zu kämpfen, machen sich diese Widersacher selbstständig und es ist ein ewiger Kampf ihnen nicht nachzugeben (die sind nämlich verdammt hartnäckig).

Es war eine gefühlsmäßige Bindung zu dem Kind in der Situation damals da – ein „Nachempfinden“ dessen, was das Kind damals fühlte – und es war eine Situation in der etwas in diesem Kind endgültig zerbrochen ist.

Um dieses Kind kann ich mich im Moment nicht kümmern – es tut zu weh und es tut mir unendlich leid – ich kann da nicht hinschauen und mittragen. Denn im Moment hab ich mit mir selbst im hier und heute genug zu tun. Ich weiß, dass dieses Kind versorgt ist – dass sich jemand darum gekümmert hat – die Situation selbst macht mich auch heute noch sprach- und fassungslos. Da gibt es noch keine Weg mit umzugehen. Den werde ich in den nächsten Therapieterminen gemeinsam mit dem Thera suchen müssen.

Bis dahin versuche ich mich auf das hier und heute zu konzentrieren und werde daran arbeiten, mir Gutes zu tun und zu schauen, dass ich mich nicht im Kampf gegen die Widersacher verliere (möglichst ohne mich überhaupt auf Diskussionen mit ihnen einzulassen).

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