Therapie

In der Therapie haben wir sozusagen eine neue Ebene erreicht – das hat sich ja die letzten Wochen abgezeichnet, war irgendwie klar, dass ich da einen weiteren neuen Wegabschnitt grad begonnen habe. Doch jetzt wird mir das auch deutlicher und vor allem auch greifbarer. Es fühlt sich gut und richtig an – unsicher bin ich trotzdem und Angst macht es mir auch – aber das liegt wohl eher in der Natur der Sache. Ich bin sehr sehr sehr froh, dass ich einen Therapeuten habe, der da mit mir zusammen auch mal neue Wege ausprobiert und nicht in irgendeiner festgefahrenen Schublade steckt. Denn das ist auch für ihn anstrengend – und das weiß ich sehr zu schätzen.

Es wird weitergehen, es wird nicht leichter sein, aber im Moment fühlt es sich richtig an – da kann dann der Widersacher Angst verbreiten so viel er will.

Anstrengend wird es allerdings auch – sehr. Gehen tut es weiterhin darum, Gefühle zuzulassen, zu lernen, das Tränen nicht das Ende der Welt bedeuten (und auch nicht dass es mich den Kopf kosten wird) und eine Art Kontakt aufzubauen zwischen der Erwachsenen von heute und dem Kind von damals – einen Kontakt, der nicht dadurch geprägt ist, dass die Erwachsene dieses Kind nicht ausstehen kann und die Ansichten, die mir damals eingebläut wurden und klar gegen dieses Kind gerichtet sind, eben genau das sind: Dinge die mir damals eingebläut wurden, die aber mit der Realität nichts zu tun haben – und das Kind als solches zu sehen: als ein Kind in einer unfassbaren, traurigen und sehr schlimmen Situation.

Um als Erwachsene Mitgefühl für dieses Kind zu entwickeln bzw dieses Mitgefühl auch zulassen zu können – und dann die Gefühle, die das auslöst eben auch zulassen zu können – ohne Angst vor Bestrafung oder ähnliches. Wenn das dann klappt darf auch das Kind mal fühlen und die Gefühle zulassen.

So in etwa ist der Plan der nächsten Monate. Noch steck ich im „Mitgefühl haben“ fest – denn wenn es irgendein Kind wäre, würde ich vor Mitgefühl überfließen, da es aber ja ich bin – fällt das noch schwer – noch nicht mal so sehr das Gefühl an sich – sondern diese Verbindung. Denn in dem Moment stecke ich immer noch zu sehr im „Alten“ drin – im Entwerten und „stell dich nicht so an“ und „ist ja nicht so schlimm“.

Wir haben einen Weg gefunden zwischen der Erwachsenen und dem Kind einen Kontakt herzustellen (was eben bisher nie geklappt hat) – dieser Kontakt ist noch sehr zart und vorsichtig – und auch alles andere als stabil. Es geht also darum diesen Kontakt zu pflegen – wie ein kleines Pflänzchen dass grad den ersten Halm durch die Erde steckt.

Und ihm damit Raum und Möglichkeit zu geben zu wachsen. Gleichzeitig versuchen wir weiter daran zu arbeiten, dass die Gefühle die eben hochkommen, dann auch sein dürfen, Raum bekommen – eine Art „sicheren Ort“ – wo sie einfach so sein und sich zeigen dürfen – wie sie eben grad sind.

Es ist schwierig das jemanden nahezubringen, der kein Problem damit hat ein Gefühl zu haben – damit mein ich nicht mal so sehr in der Gesellschaft, denn da dürfen sie ja oft genug nicht sein – sondern allein für sich – auch da dürfen sie oft nicht sein – zumindest die alten Gefühle nicht, bei den neuen, aktuellen von heute – ist das ein bisschen anders. Da kann ich wütend sein oder mich freuen (Traurigkeit geht auch da nicht wirklich).

Ich muss also lernen, dass Gefühle ok sind, dass ich sie haben darf ohne dass etwas ganz Schlimmes passiert – und ohne, dass dies als Schwäche und Verletzbarkeit ausgenutzt wird. Diese Koppelung ist ganz eng – es ist so automatisch, dass ich selbst mit dem Kopf nicht dagegen angehen kann. Es ist wie ein Reflex, da hilft es auch nicht zu verstehen warum das so ist – das mein Gehirn das anders verarbeitet.

Unsere Ahnen haben, wenn der Bär vor ihnen stand – schlicht reagiert – sie haben nicht überlegt: oh das ist gefährlich, der könnte mich töten, da sollte ich wohl weglaufen, angreifen oder erstarren. Wenn sie das so gemacht hätten, hätten sie nicht überlegt. Sie haben einfach reagiert – denn das war zum Überleben notwendig. Ihr Gehirn hat alles was sie gehört, gesehen, gefühlt haben sortiert – und bei manchen Auslösern eben ein paar Wege übersprungen und zu sofortiger Reaktion geführt (hoher Adrenalinausstoss um eben ohne zu Übleregen reagieren zu können) – der Körper hat reagiert ohne das das Gehirn da so schnell hinterhergekommen wäre.

Und so reagiert auch mein Gehirn und damit mein Körper auf Gefühle – jede Gefühlsregung ist sozusagen ein gefährlicher Bär, der mich grade angreift. Das war jahrzehntelang so und ich muss diese automatische Koppelung erst mühsam wieder aufdröseln und dem Gehirn klarmachen, dass es statt sofort zu reagieren, lieber erstmal den „normalen“ Weg gehen sollte – wahrnehmen, bewerten, prüfen und dann überlegen wie man handeln könnte.

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